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Abschied aus dem Amt: Horst Seehofer kommt zur letzten Kabinettssitzung.

„Das Werk ist vollbracht“

Seehofer verabschiedet sich aus München - jetzt wartet eine ungemütliche Aufgabe auf ihn

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Horst Seehofer scheidet nach einer Arbeitssitzung des Kabinetts als Ministerpräsident aus München. Der CSU-Chef weiß, dass in Berlin eine mehr als ungemütliche Aufgabe auf ihn wartet.

München - Der Sitzungssaal des Ministerrats in der bayerischen Staatskanzlei ist kein Ort der Romantik. Na gut, der Blick ginge zwar raus in den Englischen Garten. Aber auch auf das Konsulat der Vereinigten Staaten, die den bayerischen Unternehmen gerade mit einem Handelskrieg drohen. Vielleicht sind auch deshalb die Vorhänge zugezogen, als Horst Seehofer am Dienstagvormittag zu seiner letzten Kabinettssitzung schreitet. Der Chef, der hier neuneinhalb Jahre lang das Sagen hatte, will bis zum Schluss weitermachen. Strafzölle, Brexit, die Spannungen mit Russland - Seehofers letzter Tag ist dem wenig sentimentalen Thema Außenhandel gewidmet.

Erst nach zwei Stunden Kabinettssitzung beginnt das Abschiednehmen. Seehofers Stellvertreterin Ilse Aigner ergreift das Wort. Sie erinnert an die „schwierige Ausgangslage“, unter der Seehofer 2008 sein Amt antrat. Die CSU hatte die absolute Mehrheit verloren, musste erstmals in eine Koalition. Jetzt stehe das Land prächtig da.

Lobrede mit Zwischentönen

Es ist eine dieser herzlichen Aigner-Reden, die die Erfolge lobt - von der Aussöhnung mit Tschechien bis zur guten Wirtschaftslage. Aber es gibt, so berichten es Teilnehmer, auch ein paar Zwischentöne. „Wir haben es dir nicht einfach gemacht, aber du uns auch nicht.“ Ja gut, antwortet der scheidende Chef, er sei manchmal etwas ruppig geworden. Aber das sei nie persönlich gemeint gewesen, ihm ging es nur ums Land. Dann wird angestoßen, Weiß- und Rotwein finden keinen allzu großen Absatz. Man muss ja noch arbeiten. Als Geschenk haben sich die Minister etwas, nun ja, Besonderes einfallen lassen: Seehofer bekommt einen USB-Stick mit den Protokollen sämtlicher Kabinettssitzungen seiner Amtszeit geschenkt. „Da kann er dann nachlesen, bevor er seine Memoiren schreibt“, sagt Aigner.

Nein, es will keine rechte Abschiedssentimentalität aufkommen an diesem Dienstag. Nach der Sitzung tritt Seehofer vor die Presse. So viel Journalisten-Andrang hat zuletzt selten geherrscht in der Staatskanzlei, es gibt sogar einen Livestream im Internet. Dreißig Minuten lang klicken durchgehend die Fotoapparate. Seehofer lässt eine mehrseitige Bilanz verteilen, in der es vor Rekorden, Weichenstellungen und Leuchtturmprojekten nur so wimmelt. „Deshalb sind Sie aber glaube ich nicht gekommen“, sagt er. „Wir wollen uns voneinander verabschieden.“

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Seehofer spürt Wehmut

Dann wird Seehofer persönlich. Es falle schwer, loszulassen, „insbesondere am Tag des Geschehens“, sagt er. Weder Groll noch Trübsaal, aber Wehmut spüre er, die langjährigen Mitarbeiter zu verlassen. Selbst engste Vertraute bleiben in München. Seinem Nachfolger Markus Söder wünscht Seehofer viel Glück, Gottes Segen und eine glückliche Hand „in diesem sehr, sehr verantwortungsvollen Amt“. Und schließt mit den Worten: „Das Werk ist vollbracht.“

Wer Seehofer ein paar Jahre begleitet hat, merkt, dass er mit seinem Kopf aber schon einen Schritt weiter ist. Ein paar Wochen lang hat er sich mächtig über die Undankbarkeit seiner CSU geärgert und das auch mehrfach zum Ausdruck gebracht. Am Dienstag überwiegt zwar der Abschied, doch die neue Aufgabe beschäftigt ihn. Er preist den bayerischen Staatsapparat, der so gut funktioniere, weil es keine politischen Beamten gebe. Da ahnt einer, dass es in Berlin nicht einfach wird. „Ich fahre also mit vielen Vermerken nach Berlin und mit einer leeren Aktenmappen nach München zurück“, sagt Seehofer, „weil die Gesprächsteilnehmer großen Wert darauf legen, dass sie diese Vermerke zur weiteren Verwendung behalten dürfen.“

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Persönlicher Abschied von Mitarbeitern in Staatskanzlei

Im Bundesinnenministerium, erweitert um die Bereiche Bau und Heimat, arbeitet Seehofer mit fünf beamteten und drei parlamentarischen Staatssekretäre - und vielen skeptischen Beamte, die nicht gerade auf einen CSU-Politiker aus Bayern warten. Es wird ein anderer Umgang als mit den Mitarbeitern in der Staatskanzlei, von denen er sich am Nachmittag persönlich verabschiedet. Dann steigt er ins Auto und fährt nach Berlin.

Apropos Auto: Einen Mythos räumt Seehofer aus der Welt. Keine Flugangst, sondern die angenehme Arbeitsatmosphäre seien der Grund für seine vielen Fahrten. „Weil ich da am meisten nachdenken, lesen und telefonieren kann“, während er am Flughafen in Gespräche verwickelt wird. „Das ist ja schön“, sagt er, aber vor einer Regierungsübernahme sei es auch mal gut, zu überlegen.

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Ingolstadt soll Lebensmittelpunkt bleiben

Dafür wird Seehofer künftig reichlich Zeit haben. Sein Lebensmittelpunkt bleibt Ingolstadt, betont er. Statt eine Stunde nach München pendelt er künftig vier Stunden nach Berlin. Aber natürlich nicht jeden Tag. Als Ministerpräsident übernachtete Seehofer oft in der Staatskanzlei, als Bundesminister wird er sich eine Lösung überlegen. Die Tochter wohnt zwar in der Hauptstadt, er will sie aber nicht mit den enormen Sicherheitsmaßnahmen behelligen. „Ob ich mir eine Wohnung nehme oder irgendwo in den Kellerräumen des Ministeriums übernachte, wird man sehen.“

Damit endet ein seltsamer Spagat zwischen Tagesordnung, Abschied und neuer Aufgabe ziemlich unspektakulär. Aber vielleicht ist Seehofer ja auch schon übermorgen zurück in München. „Ich werde alles versuchen, dass ich am Freitag zur Wahl von Markus Söder da sein kann“, verspricht er etwas überraschend. Aber zuerst müsse er in seinem neuen Haus die Termine klären. Keine Frage: Es würde ihm schwer fallen, die Söder-Show im Landtag zu verfolgen.

Söder ergreift am Dienstag im Kabinett übrigens nicht das Wort. „Das ist protokollarisch auch nicht vorgesehen“, sagt Ilse Aigner, die geschäftsführende stellvertretende Ministerpräsidentin. Es gibt nur einen Händedruck der beiden ewigen Kontrahenten. „Alles Gute“, sagt Söder. „Wir sehen uns ja bald.“

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Mike Schier, Sebastian Dorn

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