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Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer: So wirklich scheint er noch nicht gehen zu wollen.

Eigentlich sollte 2018 Schluss sein

Will Horst Seehofer eine Nachspielzeit?

München - Die Ansage von Horst Seehofer schien klar: 2018 ist Schluss. Doch je näher das Datum und der mögliche Nachfolger Markus Söder rückt, desto mehr scheint Seehofer zu zweifeln. Will er etwa bleiben?

Es gibt gemütlichere Orte für Späßchen. Ein eisiger Wind pfeift am vergangenen Donnerstag über den Roten Platz von Moskau. Gegenüber der Kreml-Mauer steht ein kleines Rondell aus Stein, auf dem die Zaren einst ihre Nachfolger präsentierten. Mit wem er denn bei seiner nächsten Russland-Reise im Herbst dort auftreten werde, wird Horst Seehofer von einem Journalisten gefragt. „Mit mir“, sagt der Ministerpräsident und grinst schelmisch. Dann erzählt er von einer Churchill-Biografie, die er neulich geschenkt bekommen habe. Darin habe er gelesen: „In der Politik bekommt man gelegentlich Positionen noch einmal, obwohl man sie gar nicht mehr mag.“ Die Umstehenden lachen über den Satz von Seehofer. Am meisten freut sich Seehofer selbst.

Noch ordnet der Ministerpräsident solche Bemerkungen offiziell in die „Abteilung Humor“ ein. In der CSU-Spitze vernehmen sie aber immer mehr Hinweise, der 66-Jährige könnte es ernst meinen. Überlegt er sich den x-mal für 2018 fest angekündigten Abschied doch nochmal?

Der politische Grund liegt auf der Hand: Die Flüchtlingskrise treibt Seehofer um wie noch kein anderes Thema in seiner Laufbahn. „Kopfpauschale eingeschlossen“, schiebt er gerne hinterher. Jener große Kampf mit Angela Merkel um die Gesundheitspolitik, den er mit dem Rücktritt bezahlte – und später doch gewann. Jetzt ringt er wieder mit der CDU-Chefin. Und es dürfte ein langes, zähes Ringen werden. Eines, das mit den Wahljahren 2017/18 kaum abgeschlossen sein wird.

Horst Seehofer traut seinem Nachfolger Markus Söder wenig zu

Seehofer hält die Bewältigung der Krise für existenziell für das Land und die Unionsparteien. Wohl kaum möchte ein politisches Alphatier wie er vor der Lösung des Problems abtreten. Immer wieder hat er die absolute Mehrheit seiner CSU zum Kern seines politischen Vermächtnisses gemacht. Er will den Laden geordnet übergeben – und seinem wahrscheinlichstenNachfolger Markus Söder traut er wenig zu.

Manche in der Partei sehen das ähnlich. „Der Horst ist neben Sigmar Gabriel der einzige, der mit der Bundeskanzlerin auf Augenhöhe agiert“, heißt es unter wichtigen CSU-Abgeordneten in Berlin. Den Söder nehme die Kanzlerin nicht ernst. Tatsächlich mag sich die Landtagsfraktion inzwischen sehr sicher sein, dass der Franke Seehofer bald beerbe. Unter Berliner Abgeordneten ist die Skepsis weit größer. „Bis auf weiteres muss der Chef in seinen Ämtern bleiben, alternativlos“, sagt einer.

Seehofer piesackt Journalisten gern mit der orakelhaften Ankündigung, seine Nachfolge werde „alle überraschen“. Aufschluss könnten die Spielregeln geben, die er aufgestellt hat: 2018 soll kandidieren, wer die besten Chancen hat. Umfragen aus dem Januar verraten dazu: Beliebtester und bekanntester CSU-Regierungspolitiker in Bayern ist Seehofer (BR-„Bayerntrend“). Künftig eine herausragende Rolle erwarten die Bürger vor allem von: Seehofer (66 Prozent, Sat.1). Er ist, auch durch sein Agieren in der Flüchtlingskrise, derzeit unangefochten.

Eine Kampfkandidatur Söders gilt als ausgeschlossen

Offiziell wird in seinem Umfeld abgewiegelt. Spekulationen, heißt es. Das stimmt ja auch, schließlich sind es noch fast zwei Jahre bis zur Bundestagswahl. Doch wie ernst die Sache einige nehmen, zeigt das fortgeschrittene Stadium der strategischen Überlegungen einiger namhafter Politiker beim zweiten Amt, dem als CSU-Chef. Führungsleute beraten, ob der reguläre Parteitag 2017 mit den Neuwahlen vor oder nach der Bundestagswahl stattfinden soll. Bisher galt als sicher, dass Seehofer als Parteichef nicht mehr antritt. Söder wollte dann seinen Hut in den Ring werfen, ob mit oder ohne Seehofers Hilfe. Doch was passiert, wenn der Amtierende nochmal will? Eine Kampfkandidatur Söders kurz vor der Wahl gilt als ausgeschlossen. Zu tief sitzt in der Partei das Trauma, das der Putsch gegen Edmund Stoiber hinterließ. Nach der Wahl wäre ein blutiger Parteitag weniger tragisch – den Termin aber legen Seehofer und sein Generalsekretär fest.

Gönnt sich der Ingolstädter eine Nachspielzeit – und die Partei ihm –, dann könnte er 2019 den Parteivorsitz und etwas später das Ministerpräsidentenamt geordnet übergeben. Die Frage ist allerdings nicht nur, wie lange Seehofer will – sondern auch, wie lange er im mörderischen Termindruck noch kann. Sein Körper sendet Warnsignale. Zuletzt bekam die Öffentlichkeit den Schwächeanfall vor der Landtagsfraktion in Kreuth mit. Seehofer weiß das natürlich. Und er weiß, dass es ein echtes Kunststück wäre, die Macht geordnet zu übergeben. Doch der Bauch scheint andere Signale zu senden als der Kopf. Und Seehofer war schon immer ein Bauchpolitiker.

Lesen Sie auch: Seehofer in Moskau in unserem News-Ticker

Intern bekam er jüngst den Rat, er solle seine Kandidatur 2018 offen ins Spiel bringen. Bisher belässt er es bei Andeutungen. So wie Ende 2014, als er dem „Spiegel“ sagte: „Ich wüsste, was ich zu tun hätte, wenn kein ordentlicher Übergang gewährleistet wäre.“ Er weiß aber auch: Es ist dünnes Eis. Wie schnell die Stimmung kippen kann, hat einst Stoiber erlebt, der auf dem Roten Platz neben Seehofer steht. Stoiber hatte 2007 angekündigt, bei der nächsten Landtagswahl nochmals anzutreten. Alle gingen davon aus, dass er zur Halbzeit der Legislatusperiode abtreten werde. Doch Stoiber wollte das nie aussprechen, es folgte der legendäre Satz: „Ich mache keine halben Sachen.“ Wenige Tage später verabredete sich die CSU zum Putsch.

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