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„Die Hürde für die CSU ist höher als für Rot-Grün“, sagt Hubert Aiwanger beim Biergartenbesuch. Trotzdem will er sich beide Koalitionen offen halten.

Große Pläne für die Zukunft

Hubert Aiwanger: Der Bauchpolitiker

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München - Selbstzweifel sind nicht seine Sache. Im Gegenteil: Hubert Aiwanger ist ein Mann mit Visionen. In zehn Jahren, so glaubt er, seien die Freien Wähler auf Bundesebene einflussreicher als die CSU. Auch zur Landtagswahl prognostiziert er Großes.

Der Mann hat eine gewisse Grundruhe: Es ist der Tag des TV-Dreikampfes – also des wichtigsten Termins im Wahlkampf. Um 19.30 Uhr muss Hubert Aiwanger im TV-Studio in Unterföhring stehen. Jetzt, es ist 14 Uhr durch, bestellt er sich in einem Münchner Biergarten erstmal einen Apfelstrudel. Später muss er noch eine Rede halten. In Nürnberg. Wenn kein Stau ist, sei er rechtzeitig zurück. Aha. Bereitet er sich denn nicht auf den Abend vor? „Nein.“ Aber wenigstens das Schlusswort! „Es gibt ein Schlusswort?“

Hubert Aiwanger. Seit fünf Jahren sitzt der Niederbayer nun im Landtag. Doch noch immer verweigert sich der 42-Jährige mit dem charakteristischen Dialekt den meisten politischen Ritualen im Maximilianeum. Der Landwirt ist ein Bauchpolitiker. Ein Schlitzohr. Ein bisschen größenwahnsinnig, ein bisschen visionär. Bodenständig und über den Wolken zugleich. Er ist Bundesvorsitzender, Landesvorsitzender, Fraktionsvorsitzender. Die anderen Parteien mögen am Aschermittwoch oder am Gillamoos die Merkels, Steinbrücks und Westerwelles aus Berlin einfliegen – bei den Freien Wählern spricht Aiwanger.

Wer sich mit Hubert Aiwanger kurz vor der Wahl im Biergarten verabredet, nimmt sich am Ende vor, sich nach der Wahl bald wieder mit Hubert Aiwanger im Biergarten zu verabreden. Der Mann hat enormen Unterhaltungswert: Wie seine Bilanz nach den ersten fünf Jahren im Landtag ausfällt? „Schwindelerregend positiv.“ Ist wirklich nichts verbesserungswürdig? Längeres Überlegen. Dann: „Wir haben unsere Erfolge nicht genug verkauft.“

Tatsächlich haben die Freien manches bewegt, aber die Verdienste beschränken sich auf wenige Köpfe, die aus der eher grauen Fraktion herausstechen: Michael Piazolo, intellektuelles Gegenstück zum hemdsärmligen Aiwanger, initiierte das Volksbegehren gegen Studiengebühren. Florian Streibl war der erste, der den Fall Mollath voran trieb. Was vor fünf Jahren als Experiment begann, ist dank ihnen heute unumstritten: Die Freien haben sich im Landtag etabliert.

Vor allem aber ist es ein Erfolg Aiwangers, der sich vom Stipendiaten der Hanns-Seidel-Stiftung zum „fleischgewordenen Albtraum der CSU“ (FAZ) wandelte. Er schafft den Spagat, gleichzeitig seine Partei zu dominieren und sich als Sprachrohr des kleinen Mannes zu gerieren. In diesem Punkt ist er Horst Seehofer nichtmal unähnlich.

Und dieser Aiwanger sitzt nun also tiefenentspannt im Biergarten. Das überrascht nicht nur wegen des TV-Duells, sondern auch angesichts der Wahlen. 10,2 Prozent bekamen seine Freien Wähler 2008, als sie wie sonst keiner vom Einbruch der CSU profitierten. Es gibt also einiges zu verlieren – Umfragen sehen die Freien bei sieben, acht Prozent. Darauf gibt Aiwanger nichts: „Wir werden näher bei 15 Prozent liegen als bei zehn“, sagt er. Die Institute würden das komplizierte bayerische Wahlsystem nicht adäquat einfangen. Dass er bald stellvertretender Ministerpräsident ist, hält er für möglich. Ja, eigentlich ist er sicher, dass er bei den Koalitionsverhandlungen auswählen kann – zwischen CSU und Rot-Grün.

Seit Monaten wird Aiwanger bedrängt, er müsse sich entscheiden. Aber so ein Niederbayer kann verdammt stur sein. „Wenn wir uns vorher festlegen, gehen wir schon kastriert in die Koalitionsverhandlungen.“ Wobei: Wer genau zuhört, kann eine leichte Präferenz herauszuhören. „Ich will eine offenere Politik in Bayern – und es stellt sich die Frage, ob die CSU dazu überhaupt in der Lage ist.“ Da sei die Hürde höher als für Rot-Grün. Und etwas später: „Ich bin mir nicht sicher, ob man Seehofer und der ganzen CSU-Apparatur Paroli bieten kann. Da hat man eine Dampfwalze vor sich, die schwierig zu stoppen ist.“

Flirtversuche in Richtung der Schwarzen klingen anders. Viele Freie haben eine CSU-Vergangenheit, es gibt alte Wunden, die einem neuen Bündnis entgegen stünden. Auf der anderen Seite ist es ein weiter Weg zu den Grünen: Die mit ihrer Asylpolitik, und ihren queeren Beratungsstellen. „Da muss man ihnen schon sagen: Erhebt diese Nischenthemen nicht zu Schicksalsfragen Bayerns.“

Aiwangers Fahrplan steht: Sollte es nicht zu einer Alleinregierung oder zu Schwarz-Gelb reichen, werden die Freien mit beiden Lagern sprechen. Dann geht Aiwanger mit einer Empfehlung in einen Parteitag – und erst mit dessen Zustimmung in die Schlussverhandlungen. „Ich würde mich keine Prognose trauen, wer eine Mehrheit bekommt – CSU oder Rot-Grün.“ Aber er stellt schonmal Bedingungen an die CSU. Würde die auf die dritte Startbahn am Flughafen sowie das G8 bestehen – „dann hat es überhaupt keinen Sinn“.

Doch die Landtagswahl ist nur die eine Bewährungsprobe. Eine Woche darauf treten die Freien erstmals im Bund an. Ihr Vorsitzender hat manch Wette gewonnen, dass es überhaupt so weit kam. Aber er ging auf Risiko: Sein harscher Euro-kritischer Kurs rückte ihn an den rechten Rand, auch im eigenen Lager war das umstritten. Ein Fehler? Natürlich nicht! „Ich bin heilfroh, dass wir das Thema früh so deutlich besetzt haben.“ Zu den Inhalten steht er – auch wenn er das Thema heute defensiver vertritt als vor einem halben Jahr.

Von dieser Bundestagswahl erwartet Aiwanger noch nicht viel. Beim nächsten Mal starte man von einer neuen Basis – dann dürften Freie Wähler auch in den Landesparlamenten in Rheinland-Pfalz und Sachsen sitzen. Damit hält Aiwanger den Einzug in den Bundestag für selbstverständlich: „In zehn Jahren haben wir auf Bundesebene mehr zu sagen als die CSU.“

Mike Schier

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