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Dieter Hildebrandt (81) steht seit 1955 auf der Bühne. Der in Niederschlesien geborene Kabarettist, Schauspieler und Autor war Mitbegründer der Münchner Lach- und Schießgesellschaft und machte sich im Fernsehen vor allem mit der Kabarettsendung Scheibenwischer einen Namen. Hildebrandt tourt auch heute noch bundesweit. Er lebt mit seiner zweiten Frau Renate Küster bei München.

„Humor ist so wichtig wie nie“

Der Kabarettist Dieter Hildebrandt über die Wirtschafts-Krise, das Lachen und die fehlende Brillanz der Politiker.

-Eine Schreckensnachricht jagt die nächste. Bleibt Ihnen angesichts der weltweiten Krise nicht manchmal das Lachen im Halse stecken?
Aber ja. Denn jetzt sind ja wirklich Menschen betroffen. Lange handelte es sich bei den Wirtschaftsgesprächen ja nur um Kurse und Dix und Dax um Mix und Max. Das ist jetzt anders.

-Also haben wir keinen Grund mehr, zu lachen?
Das genaue Gegenteil ist richtig. Humor ist so wichtig wie nie. Wer im entscheidenden Moment seinen grabnahen Humor verliert, der wird krank. Gerade jetzt brauchen wir böse Witze. Lachen lockert auf. Aber das Beste ist freilich, wenn man an den Punkt kommt, an dem man über sich selber lacht. Wer das kann, hat sich seine Therapie gespart und kann auch besser arbeiten.

-Also empfehlen Sie Politikern, doch mal wieder ins Kabarett zu gehen?
Das haben sie leider schon vor viel zu langer Zeit aufgegeben. Die Politiker sind ja so wahnsinnig schlau und selbstgefällig. Dabei könnten gerade die derzeitigen Politiker so viel von Kabarettisten lernen.

-Was zum Beispiel?
Genau den Witz, der ihnen im Parlament fehlt. Sie sind einfach überhaupt keine guten Rhetoriker, und es ist sehr gefährlich, wenn Politiker so langweilig sind, wie sie sind.

-Gibt es denn einen aktuellen Witz, mit dem sie unsere Laune aufhellen könnten?
Es gibt einen Satz von unserer Kanzlerin, von Angela Merkel, der mir wirklich Hochachtung abverlangt hat. Der aber auch ein Witz ist und zur Lage passt. Auf die Frage, was sie machen wird, wenn sie keine Bundeskanzlerin mehr ist, hat sie geantwortet: Wer 16 Jahre in der Politik war, ist für andere Berufe nicht mehr zu gebrauchen.

-Sie bemängeln die Fähigkeit, mitzureißen. Können deutsche Politiker von Barack Obama lernen?
Ja, sie sollten mal genau hinschauen, mit welcher Präzision er seine Reden vorbereitet, wie er seine Gesten und seine Tonlagen ändert und wie er moduliert, wie spannend das wird, was er sagt. Bei unseren Politikern bleibt nichts im Ohr, weil es nicht eindrücklich genug ist, weil keine Leidenschaft dahintersteckt, weil es Routine ist.

-Aber schöne Sätze ändern doch nichts an der traurigen Realität?
Doch. Gerade in der Krise müssen die Volksvertreter brillant sein. Sie müssen ihre Wirkung bedenken. Es liegt doch an ihnen, die Menschen aufzubauen und mitzureißen. Nicht nur, wenn Wahlkampf ist. Dass das Interesse an der Politik so sehr nachlässt, hängt auch mit der Präsentation zusammen.

-Welchen Politikern hören Sie denn gerne zu?
Da muss ich leider im Plusquamperfekt sprechen. Ich mochte Herbert Wehner und Fritz Erler bis hin zu Jochen Vogel, auch Joschka Fischer. Das waren Redner, denen ich mit Ernst und Interesse und Spannung zugehört habe. Die gibt es derzeit nicht.

Das Interview führte Ines Pohl

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