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Eine Frau füllt Wasserflaschen, die ihr ein kleiner Junge hinhält.  

Die Welt muss handeln, statt zuzusehen

Hungersnot im Südsudan - „Noch können wir Leben retten“

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Juba/Nairobi – Auf die größte Flüchtlingskrise Afrikas folgt eine extreme Hungersnot. Vor allem im Südsudan ist die Lage prekär. Das Land leidet seit Jahren unter einem blutigen Bürgerkrieg – und schlittert langsam in eine humanitäre Katastrophe.

Abgefüllt in alte Cola-Flaschen, gibt es 20 bis 50 Milliliter Speiseöl zu kaufen. Mehr können sich die Menschen nicht leisten. Auch Obst ist teure Mangelware auf dem Markt in Bentiu, der Hauptstadt des südsudanesischen Bundesstaats Unity State. „Die Lage ist düster, egal von welcher Seite man sie betrachtet“, sagt James Elder vom Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (Unicef). Er ist vergangene Woche in den Krisenstaat im Osten Afrikas gereist – mitten hinein in die größte Hungersnot seit Ausbruch des Bürgerkriegs.

Laut Unicef sind im Südsudan 100.000 Menschen akut vom Hungertod bedroht; eine Million stehen kurz vor einer Hungerkrise, knapp fünf Millionen haben nicht genug zu essen. Mehr als 270 000 Kinder litten an Mangelernährung, fügt Unicef-Geschäftsführer Anthony Lake hinzu. Rechne man Nigeria, Somalia und den Jemen hinzu, seien derzeit 1,4 Millionen Kinder vom Hungertod bedroht. „Ihre Zeit läuft ab. Noch können wir Leben retten.“

In einer Region der Krisen läuft der Südsudan besonders schnell auf eine humanitäre Katastrophe zu. Es ist eine mit Ansage. Henrik Maihack, 33, der bei der Friedrich-Ebert-Stiftung für den Südsudan zuständig ist, sagt: „Sie bahnt sich spätestens seit Juli 2016 an.“ Damals brach der Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und seinem Stellvertreter Riek Machar wieder aus – zum dritten Mal seit Beginn des Bürgerkrieges 2013 und kurz nachdem beide ein gefeiertes Friedensabkommen unterzeichnet hatten.

Dabei gab es große Hoffnungen für das jüngste Land der Erde. Am 9. Juli 2011 wurde der Süden des Sudans nach jahrzehntelangen blutigen Kämpfen mit dem Norden unabhängig. Der große Konflikt war gelöst. Das Problem: Viele kleine loderten weiter. Dabei ging es unter anderem um Ressourcen: Der Südsudan zählt zu den ölreichsten Regionen Afrikas und weckt viele Begehrlichkeiten im In- und Ausland. Der Vorwurf, Sudan schüre den Konflikt im Süden, um an Öl zu kommen, steht immer wieder im Raum.

Es ging und geht aber auch um ethnische Rivalitäten. Präsident Kiir, den man an seinem dunklen Cowboyhut erkennt, vertritt die dominante Dinka-Volksgruppe, sein ehemaliger Vize und aktueller Rebellenführer Machar die der Nuer. Seit Kurzem mehren sich die Hinweise darauf, dass Kiir gezielt gegen die Nuer vorgeht. Unlängst traten deshalb hochrangige Armeefunktionäre zurück. Der Direktor der Militärjustiz schrieb: „Ich kann nicht weiter Stillschweigen bewahren, wenn Sie unschuldige Südsudanesen massakrieren.“ Viele laufen zu Stellvertreter Machar über.

Die Hoffnung auf Besserung schwindet

„Die humanitäre Krise ist politisch verursacht“, sagt Henrik Maihack. Und die Hoffnung auf Besserung schwindet. Mittlerweile sind etwa 3,4 Millionen der rund zwölf Millionen Einwohner auf der Flucht vor Gewalt. Etwa 1,5 Millionen flohen ins Ausland, oft in benachbarte Länder. „Die meisten flüchten rüber nach Uganda“, sagt Maihack – in den vergangenen drei Jahren 700.000 Menschen. Die Wahrscheinlichkeit, dass kurzfristig mehr Menschen aus dem Südsudan über Libyen nach Europa kommen werden, ist deshalb eher gering.

Wer bleibt, hat unter den Kämpfen zu leiden – direkt und indirekt. Plünderungen, sexuelle Übergriffe, Folter und Tötungen durch bewaffnete Gruppen – die südsudanesischen Streitkräfte Salva Kiirs inbegriffen – sind alltäglich. Kleinbauern bewirtschaften aus Angst vor Übergriffen ihre Ländereien nicht. Zu wenig Regenfälle in Folge des Klimaphänomens El Niño beeinträchtigten bereits Ernten im Vorjahr. Zusätzlich schlagen sich Inflation und hohe Treibstoffpreise auf die Lebensmittelpreise nieder. Der Wert des südsudanesischen Pfunds wird derweil auf dem Schwarzmarkt bestimmt. Bis Ende 2015 war er zum Wechselkurs von 2,95 an den US-Dollar gebunden. Mittlerweile erhält man für einen Dollar rund 70 Pfund in staatlichen Banken und etwa 120 Pfund auf dem Schwarzmarkt.

Die Konsequenz: Hunger. Auf einem Markt in der südsudanesischen Hauptstadt Juba beschreibt Marry Adit Dut ihre Alltagsrealität. Kosteten 50 Kilogramm Maismehl vor drei Jahren noch 90 Pfund, seien es heute 5400 Pfund (gut 40 Euro), sagt sie. „Meine Kinder gehen oft mit leerem Magen schlafen oder essen nur eine Mahlzeit pro Tag.“

Gestern versicherte Präsident Kiir im Parlament, dass er die Preise für Lebensmittel senken und internationalen Hilfsorganisationen freien Zugang zu den Krisengebieten ermöglichen will. Sie hatten über Behinderungen durch die Armee geklagt. Die Kämpfe mit den Rebellen gehen derweil weiter. Die Opfer gehen in die Zehntausende.

M. Mäckler, A. Kerber und A. Ate

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