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"Ich hab's mir selbst versaut"

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- München ­- Manchmal, an besonders schlechten Tagen, verflucht sie ihn. "Ich weiß, dass man auf Tote nicht wütend sein darf", sagt sie dann. Sie ist es trotzdem. "Er hätte mich schützen müssen. Er hätte auf Kondome bestehen müssen." Jahrelang hat Tanja (Name geändert) die HIV-Infektion ihres Mannes verleugnet: "Ich wollte ihn nicht zurückweisen." Sie hat ihn geliebt, zu sehr geliebt. "Rational? Rational lässt sich das nicht erklären."

Er starb im Februar 1994: an Aids. Ein halbes Jahr später machte sie den Test ­ positiv. "Ich habe es mir selbst versaut", sagt Tanja heute. Sie ist 40, sie hat eine Beziehung. Der Mann ist HIV-negativ. Sie will ein Kind. Er hat Angst.

Tanja, HIV-positiv, will ein Baby: Es muss HIV-negativ sein

"Vielleicht muss ich früher sterben", sagt Tanja. Sie klingt ernst. Nach wie vor ist die Immunschwächekrankheit unheilbar, tödlich. Medikamente bremsen das HI-Virus im Körper, stoppen können sie es nicht (siehe Interview). Das weiß Tanja. Und sie weiß auch, dass ihre biologische Uhr tickt. Sie will ein Baby. Es soll gesund sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine HIV-infizierte Frau ein HIV-negatives Kind bekommt, liegt in Deutschland bei 98 Prozent. Zwei Prozent Restrisiko. Nicht viel. Aber zu viel für Tanjas Partner. Er fürchtet um die Gesundheit des Kindes ­ und um die seiner Lebensgefährtin.

Eine Schwangerschaft schlaucht den Körper. "Ich bin schon jetzt viel müder als andere Menschen", sagt Tanja. Sie schluckt. "Die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Man schmeißt nicht eine Pille ein, und dann ist es gut. " Tag für Tag müsse man Medikamente nehmen, "Chemie ohne Ende". Anders lässt sich das Virus nicht in Schach halten. Tanjas Stimme klingt matt. Sie zündet sich eine Zigarette an, sie inhaliert. "Ich wünsche niemandem, HIV-positiv zu sein. Das ist alles ­ nur nicht einfach."

Sie selbst hat drei Jahre gebraucht, um das positive Testergebnis zu akzeptieren. Sie dachte immer: Wenn ihr Mann nicht mehr lebt, will auch sie nicht mehr leben. Doch sie lebte weiter ­ und wurde schwer depressiv. Es verging kein Tag, an dem sie nicht ihr neues Leben in Frage stellte. Dieses neue Leben ohne ihn, aber mit seiner Infektion, die sie bis an ihr eigenes Lebensende begleiten wird. "Ich hätte mich schützen müssen", sagt sie knapp und presst die Lippen aufeinander. Sie hadert mit sich.

1997 hatte sich Tanja dann aufgerafft. Sie war in eine Selbsthilfegruppe gegangen, hatte wieder Lebensmut gefasst. Heute wissen alle ihre Freunde, dass sie HIV-positiv ist. Keine Geheimnisse mehr. Die meisten bewundern sie. "Du gehst so offen damit um", bekommt Tanja oft zu hören. Für ihre Mutter ist die Vorstellung furchtbar, dass Tanja sterben könnte ­ "womöglich noch vor ihr". Der Vater komme damit besser klar.

Guido Vael hätte sich gewünscht, dass sein Vater mit einigen Dingen besser klargekommen wäre. Aber dieser brach für zwei Jahre den Kontakt zu seinem Sohn ab. Nicht weil Vael HIV-positiv war, das kam später: Er war schwul ­ "schwul geworden". Er hatte sich scheiden lassen, weil er sich verliebt hatte. In einen Mann. Das war 1977. Die beiden sind bis heute zusammen. Sie führen eine "offene Beziehung". In diese Beziehung hat Vael 1998 das tödliche Virus hineingeschleppt. Er weiß nicht, wann er sich infiziert hat, auch nicht, wer ihn angesteckt hat. Er weiß nur, dass es beim Geschlechtsverkehr war. "Ich bin der Schuldige", sagt er.

Sein Partner sorgt sich um ihn, hat Angst, dass der Lebensgefährte abbaut ­ stirbt. Vael, inzwischen 59, schluckt täglich seinen Medikamenten-Cocktail. Er geht nicht mehr ins Schwimmbad oder in die Sauna. Er schämt sich. "Die Adern bilden eine Landkarte auf meinen Beinen", sagt er. Seitdem er die Anti-HIV-Tabletten nimmt, leidet er unter "Lipoatrophie", auf Deutsch: Das Fettgewebe der Unterhaut verschwindet. Vaels Gesicht wirkt eingefallen. "Deshalb die hohlen Wangen", sagt er und zeichnet sie mit dem rechten Zeigefinger nach. Probleme mit dem Stoffwechsel habe er, oft Durchfall, neuerdings Diabetes.

#"Es kam nicht unerwartet", sagt Vael über seine HIV-Infektion. "Es gibt Ausrutscher. Kein Schwein hält es durch, lebenslänglich kontrolliert zu leben. Sexualität ist nicht rational." Und Homosexuelle, das bekommt er im Münchner "Sub" (Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum) täglich mit, sind in den vergangenen Jahren sorgloser geworden. "Früher war die Annahme: Der andere sei positiv. Heute geht man davon aus, der Sexualpartner sei gesund." Vael weiß, wovon er spricht. Er hat selbst so gedacht, bis es mal schiefging. Durch sein Schicksal will er die anderen aufrütteln­\ mit mäßigem Erfolg. Denn die moderne Medizin hat Aids den Todesschrecken genommen, sie garantiert eine hohe Lebenserwartung ­ zum Teil vergleichbar mit der von gesunden Menschen.

In Deuschland sieht man keine Aidskranken, die dahinsiechen. Doch Michael Tappe, fachlicher Leiter der Aidshilfe München, spricht oft mit Betroffenen, die sich für ihre Infektion schämen, die Angst haben, ihren Job zu verlieren, die nach und nach vereinsamen und über Jahre hinweg keinen Partner finden. Die medizinische Seite, sagt er, mag sich deutlich verbessert haben, die sozialen Reaktionen seien in vielen Fällen gleich geblieben.

Auch Vael kennt solche Probleme. Nicht persönlich, aber er wird oft damit konfrontiert. Vor kurzem erst hat ihn ein 25-Jähriger angemailt. Der Mann konnte sich nicht erklären, woher er "es" hatte. "Ich habe aufgepasst", schrieb er und zwischen den Zeilen klang Verzweiflung durch. "Das Leben ist nicht vorbei", schrieb Vael zurück.

Manchmal, in den vielen kleinen Augenblicken, in denen er über sein Leben nachdenkt, fragt sich Vael , wie es gewesen wäre: "Wenn meine Ex-Frau und ich Kinder gehabt hätten ­ ich wollte immer Kinder!" Vielleicht hätte er sich dann nicht getrennt, vielleicht wäre es nie zu seinem "Coming-Out" gekommen. Vielleicht hätte er sich auch nicht mit HIV infiziert.

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