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"Ich sage, was ich denke"

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Charlotte Knobloch im Interview: - Seit einem Jahr ist Charlotte Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Beim Redaktionsbesuch warnte die Münchner Ehrenbürgerin vor islamischem Antisemitismus und fordert einen neuen Patriotismus gerade von den jungen Deutschen.

Vor kurzem ist Ronald Lauder an die Spitze des Jüdischen Weltkongresses gewählt worden. Wie ist Ihr Eindruck von ihm?

Ich kenne Ronald Lauder seit seiner Zeit als US-Botschafter in Wien und habe ihn immer als intelligenten, dialogbereiten und geradlinigen Menschen erlebt. Ich bin überzeugt, dass mit ihm der Jüdische Weltkongress wieder in ruhiges Fahrwasser gelangt.

Sie selbst sind eine seiner Stellvertreterinnen...

...ich stand aber nicht zur Wahl. Die Amtszeit von uns Stellvertretern dauert noch bis 2009. Die Wahlen an der Spitze wurden nötig, da der bisherige Präsident, Edgar Bronfman, seinen Rücktritt angekündigt hatte.

Vor einem Jahr wurden Sie als Nachfolgerin des verstorbenen Paul Spiegel zur Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Sie haben in dieser Zeit Ihre Anliegen immer sehr direkt formuliert.

Das stimmt. Ich sage, was ich denke - auch wenn das nicht jedem gefällt. Selbst in den eigenen Reihen sorgt das ja manchmal für Widerspruch.

Bei der jüngsten Debatte um den Verkauf des Transrapid in den Iran haben Sie vor "Geschäften mit Holocaust-Leugnern" gewarnt. Bundeskanzlerin Merkel hat sich kurz darauf ähnlich geäußert.

Da bin ich auch sehr froh darum. In diesem Fall sehe ich das Problem eher auf Seiten der Wirtschaft. Wichtig ist, dass die Politik auf die Unternehmen einwirkt, damit keine Geschäfte mit dem Regime in Teheran zustande kommen. Der dortige Machthaber hat ja deutlich die Leitlinien seiner Politik genannt. Das ist nicht nur eine Gefahr für den Staat Israel und jüdische Menschen, sondern eine Gefahr für alle westlichen Demokratien.

Eine Aussage, für die Sie viel Kritik einstecken mussten, war, als Sie sagten, dass Sie sich nach einigen antisemitischen Vorfällen an die "Zeit nach 1933" erinnert fühlten.

Das habe ich nach dem Vorfall in der Schule in Parey gesagt. Dort wurde ein Schüler gezwungen, mit einem Schild um den Hals herumzulaufen, auf dem derselbe Satz ("Ich bin am Ort das größte Schwein, ich lass mich nur mit Juden ein", die Red.) stand, den man von einem Foto kennt, das nach inkraft treten der Nürnberger Gesetze 1935 aufgenommen wurde.

Was kann man dagegen unternehmen?

Ich spreche aus diesem Grund mit vielen Politikern, aber auch mit Lehrern. Letztere sagen mir oft, dass sie nicht wissen, wie sie die Zeit des Nationalsozialismus ihren Schülern vermitteln sollen, weil sie sich selbst nicht optimal ausgebildet fühlen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer hat im April eine Lehrerfortbildung zu diesem Thema angeordnet. Ich bin dort gewesen und habe auch diskutiert. Meine Erfahrungen zeigen, dass das Gespräch mit Zeitzeugen bei den Schülern großen Eindruck macht und ihnen viel bringt. Deshalb folge ich selbst auch gerne Einladungen an die Schulen - auch wenn mal provokative Fragen kommen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Zeit vor 1933 im Unterricht zu kurz kommt.

Inwiefern?

Hitler hat sich 1933 nicht aus dem Nirgendwo an die Macht geputscht. Er wurde gewählt, und die Deutschen wussten, wen sie wählen, denn seine Pläne hat er bereits in "Mein Kampf" deutlich gemacht. Ich denke, dass die 20er-Jahre, die Zeit, als die Nazis stark wurden, in den Schulen nicht ausreichend berücksichtigt wird. Wichtig ist auch, dass wir den jungen Menschen in diesem Land zeigen, dass es hier vieles gibt, worauf sie zuRecht stolz sein können. Ich verstehe nicht, warum man dieses Land nicht lieben sollte. Die Franzosen, Engländer, Amerikaner lieben ihre Länder doch auch. Und nur wer sich mit seinem Land identifiziert, kann sich dafür verantwortlich fühlen, was darin geschieht. Vaterlandsliebe darf keine Exklusiv-Domäne der Rechtsextremen sein.

Wie stark schätzen Sie den Antisemitismus heute ein? Wie viel erfahren die jüdischen Gemeinden davon?

Beschimpfungen und Hassbriefe, die in den Gemeinden eingehen, haben in den letzten Jahren sicher zugenommen. Auffallend ist zu beobachten, dass Inhalt und Stil dieser Schreiben heute auf gebildete Absender schließen lassen. Das war vor zehn Jahren nicht der Fall. Und vieles, was damals anonym gesendet wurde, erhalten wir heute mit vollständiger Anschrift. Besonders stark war der Zulauf solcher Äußerungen während der Libanon-Krise im vergangenen Sommer...

...als Israel gegen die Terror-Organisation Hisbollah vorging...

...die über Jahre hinweg immer wieder den Norden des Landes bombardierte. Israel hat damals reagiert, wie jedes andere Land auch reagiert hätte: Es hat seine Bürger geschützt. Das wollten einige - auch einige Politiker der Bundesregierung - so nicht sehen. Viele haben Israel verurteilt, ohne über die Situation informiert zu sein. Und viele haben diese Auseinandersetzung genutzt, um ihren Judenhass bei den jüdischen Gemeinden in Deutschland abzuladen.

Darf Israel überhaupt kritisiert werden?

Selbstverständlich - die Israelis selbst sind teilweise die härtesten Kritiker ihrer Regierung. Wie jeder andere demokratische Staat auch, darf man die israelische Politik kritisieren. Diese Kritik darf aber niemals als Vehikel für Antisemitismus dienen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Bei einer Demonstration gegen den Libanon-Krieg wurde in München ein Plakat gezeigt, auf dem stand "Juden = Kindermörder". Das ist keine sachliche Kritik an einem demokratischen Staat, sondern reiner Judenhass.

Es ist zu hören, dass "Du Jude" inzwischen ein häufiges Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen ist, das gerade auch von muslimischen Jugendlichen verwendet wird. Zieht hier eine neue Gefahr auf?

Das sehe ich so, ja. Es mehren sich die Anzeichen, dass deutsche Rechtsextreme und muslimische Glaubenskrieger in ihrem Judenhass verschmelzen - und im iranischen Despoten finden sie ihr Idol. Gerade aus diesem Grund ist es so wichtig, dass hier der Koran-Unterricht auf Deutsch stattfindet und von staatlich geprüften Lehrern erteilt wird. Nur so haben die Kultusministerien die Möglichkeit, über die Lerninhalte zu wachen. Die jungen Muslime den Koranschulen zu überlassen, ist falsch. Ich habe Lehrbücher, die dort verwendet werden und die zur Vernichtung aller Ungläubigen - Christen wie Juden - aufrufen, gesehen.

Blicken wir nach München. Die Jüdische Gemeinde ist zurück in die Stadtmitte gezogen. Die Resonanz der Bevölkerung ist überwältigend.

Das stimmt und das habe ich mir so auch nicht erträumt. Unsere neue Hauptsynagoge und das Gemeindezentrum sind für mich die Erfüllung eines Traums, für den ich über 20 Jahre gekämpft habe. Mit der Rückkehr in die Innenstadt - hier war die Gemeinde ja auch vor 1933 zuhause - haben wir bewiesen, dass es Hitler nicht gelungen ist, uns zu vernichten. Besonders freut mich, dass die Münchner Bürger uns nach wie vor zahlreich besuchen. Das war mein Wunsch und das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Momentan gestaltet die Stadt ja den Jakobsplatz neu. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, hat München ein neues Stadtviertel - beinahe pünktlich zum 850. Geburtstag im nächsten Jahr.

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