Späte Ehrung: Altkanzler Kohl mit Ehefrau Maike Richter und Ministerpräsident Seehofer

Altkanzler in Hof geehrt

Kohl: „Ich bin stolz auf unser Volk“

Hof - Altkanzler Helmut Kohl tritt nur noch sehr selten öffentlich auf. Bei einer Feierstunde zu seinen Ehren in Oberfranken ließ er sich nun als Visionär würdigen – und meldete sich auch selbst zu Wort.

Am Ende gibt es noch einmal „Helmut, Helmut“-Rufe. Auch ein Banner mit Dankesworten ist zu sehen. Die bayerische Staatsregierung ehrte Altkanzler Helmut Kohl gestern im einst geteilten Dorf Mödlareuth an der Grenze zwischen Bayern und Thüringen. Es ist eine Zeitreise – zurück in jene Tage, als eine Nation im Freudentaumel über die Wiedervereinigung Helmut Kohl zu Füßen lag. Heute ist der Altkanzler 83 Jahre alt, er sitzt im Rollstuhl, das Sprechen fällt ihm schwer – und trotzdem lässt er es sich nicht nehmen, selbst einige Worte zu sagen. Künftig erinnern eine Gedenktafel und eine Betonstele an Kohls Verdienste um die Deutsche Einheit.

Ministerpräsident Horst Seehofer lobt Kohl ausgiebig als Patrioten, Visionär und „leidenschaftlichen Europäer“. Es ist eine kleine Geschichtsstunde. „Eine unüberwindbare Mauer trennte die Menschen in Mödlareuth“, erzählt Seehofer. „Familien und Nachbarn waren auf unmenschliche Weise auseinandergerissen.“ In Bayern gebe es keinen besseren Ort als Mödlareuth, um Kohl mit einer Gedenktafel zu ehren. Der Altkanzler nickt ab und zu. Seine Frau Maike Kohl-Richter flüstert ihm hin und wieder etwas ins Ohr.

Kohl bedankt sich für die ehrenden Worte. Ein schöner Tag sei das. Er steht auf der bayerischen Seite Mödlareuths. Dahinter ist der kleine Bach, der die Grenze zwischen Bayern und Thüringen markiert. Hier stand einst eine Mauer, wie in Berlin. Ein Rest ist heute noch zu sehen – als Herzstück eines Freilandmuseums und als Mahnmal.

Etwa 500 Ehrengäste in der Freiheitshalle klatschen und erheben sich von ihren Plätzen. Kohl sitzt aufrecht und hört den Hofer Symphonikern zu. Dann erinnert Oberbürgermeister Harald Fichtner (CSU) daran, was im Oktober 1989 in Hof geschah: „Hof war die erste Station in der freien Welt.“ Die Sonderzüge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen hielten damals hier. Am Bahnhof hätten sich zutiefst bewegende Szenen abgespielt. In der Freiheitshalle campierten die Flüchtlinge auf Feldbetten.

Dann sprechen Seehofer und Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU). Er sagt zu Kohl: „Sie sind ein Glücksfall für die deutsche Geschichte.“ Er stehe in einer Reihe mit dem ersten deutschen Reichskanzler, Otto von Bismarck, und Konrad Adenauer, dem ersten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Mehr gehe nicht.

Dann ergreift Kohl selbst das Wort. „Das gibt es kein zweites Mal in der Weltgeschichte“, sagt er. „Ich bin stolz auf unser Volk.“ Und zum Schluss: „An einem Tag wie heute ist die Geschichte mit Händen zu greifen.“

Kathrin Zeilmann

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