Maybrit Illner führt durch die Sendung
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Maybrit Illner führt durch die Sendung

ZDF-Talk

„Schleichender Lockdown“: Hotel-Chefin geht bei Illner wegen Merkel-Regel auf die Barrikaden

Keine Einigung von Bund und Ländern: Regelchaos, ein gekipptes Beherbergungsverbot. Bei „Maybrit Illner“ ging es um die Frage: Was tun gegen steigende Fallzahlen? 

  • In den Gesundheitsämtern herrscht ein drastischer Personalmangel.
  • Hotel-Chefin: Beherbergungsverbot ist „schleichender Lockdown“.
  • Ramelow: „Bei Corona sind die Menschen inzwischen völlig neben der Spur.“

„Maybrit Illner - Corona-Chaos – gerät die Pandemie außer Kontrolle?“ - die Gäste

  • Bodo Ramelow (Die Linke) - Ministerpräsident Thüringen
  • Manuela Schwesig (SPD) - Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommern
  • Dr. Susanne Johna - Pandemie-Beauftragte der Bundesärztekammer
  • Prof. René Gottschalk - Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts
  • Prof. Jonas Schmidt-Chanasit - Virologe am Bernhard-Nocht-Institut der Universität Hamburg
  • Caroline von Kretschmann - Geschäftsführerin „Europäischer Hof“ in Heidelberg

„Maybrit Illner“: Harte Kritik an Regierung - „Nabelschau der Landesfürsten“

In der Sendung „Maybrit Illner“ fallen zu Beginn der Sendung harte Worte gegen die Landes- und Bundesregierungen. Von „Kleinstaaterei“ ist die Rede, einer „Nabelschau, der Landesfürsten“ und „ernüchternden“ Ergebnissen.

Ministerpräsident Bodo Ramelow verteidigt seine Zunft: „Wir sind doch nicht 16 Dödel, die da nur durcheinander geredet haben. Wir haben acht Stunden hart gearbeitet. Wir haben einen einheitlichen Lockdown verhindert und wir haben einen Instrumentenkasten für Maßnahmen geschaffen.“ 

Schwesig bei „Maybrit Illner“: „Ist es wirklich so schlimm, auf Saufgelage zu verzichten?“

Seine Kollegin Manuela Schwesig stimmt ihm zu, beharrt auf ihrem Landeskurs: Die Regierungen von eingestuften Risikogebieten müssten mit Hilfe der Gesundheitsämter für einen Reisestopp von infizierten Bürgern sorgen: „Dass jemand aus Risikobereichen anreist, ohne dass was passiert, das kann nicht sein.“

Schwesig möchte und könne nicht die 1,6 Millionen Einwohner von Mecklenburg-Vorpommern kontrollieren. Sie appelliert: „Wir sind in einer zweiten Welle. Ist es wirklich so schlimm, in der Bahn oder im Supermarkt eine Maske zu tragen, auf Abstand zu achten und mal auf ein Saufgelage zu verzichten?“

Hotel-Chefin bei Illner: Beherbergungsverbot ist „schleichender Lockdown“

Um von den konkreten wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Betriebe zu berichten, wird die Hotel-Chefin Caroline von Kretschmann aus Heidelberg zugeschaltet. Sie rechnet vor: Ihr 122-Betten-Hotelbetrieb mit 155 Mitarbeitern trage monatliche Kosten von 750.000 Euro - die 50.000 Euro monatlich vom Bund, die ihr Betrieb noch nicht einmal bewilligt bekommen habe, würden nicht ausreichen.

Das Beherbergungsverbot, dazu die Ansage aus dem Kanzleramt „Bitte reist nicht“, wäre ein „schleichender Lockdown“. Die Chefin: „Die Leute stornieren, haben Angst, sind verunsichert. Wir kriegen einfach keine Buchungen mehr rein.“ 15 Gesellschaften in ihrem direkten Umfeld hätten in den letzten Monaten Insolvenz angemeldet. „Dahinter stehen Mitarbeiter, Familien, kulturelles Leben, das verloren geht!“

Illner: AHA-Regeln würden reichen - wenn sich alle daran hielten

Illner fragt provokant: Seien die Leute, die sich an die Ansage „Macht Urlaub in Deutschland“ gehalten haben nun die Dummen? Wieso dürfe nach Sizilien und nach Kreta gereist werden, aber nicht nach Schwerin?

Die Pandemie-Beauftragte der Bundesärztekammer Dr. Susanne Johna bestätigt: „Das Dramatische ist, dass wir die Leute testen, die gesund sind, aber einfach ihren Urlaub antreten wollen. Und es ist dramatisch, weil wir die Testkapazitäten nun nicht mehr für die Leute haben, die Symptome haben oder für Kontaktpersonen.“

Die AHA-Regeln, plus L für Lüftung und C für CoronaApp würden ausreichen - wenn sich alle daran hielten. Das bestätigt auch der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamt, Prof. René Gottschalk und gibt zu Bedenken: „Wenn die Menschen sich so verhalten würden wie verlangt, dann wäre auch das Reisen sehr viel weniger gefährlicher.“

Aussage bei „Maybrit Illner“: Drastischer Personalmangel auf den Ämtern

Während Bodo Ramelow auf bundesweit einheitliche Regelungen pocht, die die Gesundheitsämter der Länder dann nur noch umzusetzen bräuchten, verweist der Gesundheitsamtsleiter auf den teils drastischen Personalmangel an Gesundheits- und Ordnungsämtern.

Die Ämter arbeiten teils sieben Tage die Woche, kämen ohne Hilfe von Studenten und Bundeswehr nicht mehr den Anforderungen hinterher - das werde sich in den kommenden Wochen noch verschärfen. Da nütze auch der Personalzuschuss, der beschlossen worden sei, wenig. Gottschalk: „Es gibt schlichtweg kein Personal.“

Ramelow bei „Illner“: Die Menschen sind wegen Corona völlig neben der Spur

Gemeinsam mit dem Virologen Prof. Jonas Schmidt-Chanasit ist sich Gottschalk einig: Es dürfe nicht nur auf die Zahl der Neuinfektionen geschaut, es müsse auch die Belegung der Krankenhäuser und der Intensivbetten in Betracht genommen werden.

Auch Bodo Ramelow gibt der Ansicht Recht: Lebensrisiken gehörten zum Alltag - auch Autofahren sei eins, aber „bei Corona seien die Menschen inzwischen völlig neben der Spur.“

Fazit

Die Sendung hatte zunächst Déjà-vu-Charakter - gleiche Gäste, gleiches Thema wie schon im Frühjahr. Doch so dramatisch wie zu Zeiten des Lockdowns ist die Stimmung nicht mehr. In dieser Sendung ging es nicht mehr um „Leben und Tod“, sondern um die Balance zwischen Wirksamkeit und Verhältnismäßigkeit. Dazu wurden interessante Argumente und Fakten geliefert.

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