Maybrit Illner führt durch die Sendung (ZDF)
+
Maybrit Illner führt durch die Sendung (ZDF)

„Kein Mensch kann das heute seriös sagen“

Wahl entschieden? Wahlforscher Jung spricht bei „Maybrit Illner“ Umfrage-Klartext und erklärt Grünen-Dilemma

Im Interview bei „Maybrit Illner“ macht der Wahlexperte Matthias Jung deutlich, warum das Rennen ums Kanzleramt offener denn je ist. 

„Maybrit Illner“ analysiert am Donnerstagabend abschließend den Wahlkampf-Sommer und wagt einen Ausblick auf die Bundestagswahl am Sonntag. Die Journalistin Dagmar Rosenfeld, der Journalist Markus Feldenkirchen und der Publizist Albrecht von Lucke debattieren gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Ursula Münch. Dabei wird schnell deutlich: Eine Prognose für den Wahlausgang am Sonntag will keiner der Gäste wagen. Warum das so ist, wird deutlich als der Wahlforscher Matthias Jung per Video zugeschaltet ist.

Der Vorstand des Vereins Forschungsgruppe Wahlen erklärt, dass die drei Faktoren Themen, Personal und strukturelle Bindung die Wahl maßgeblich beeinflussen. Vor allem bei Letzter sei eine Erosion zu beobachten: „Was wir jetzt in dieser Wahl in der Tat sehr erstaunt wahrnehmen, ist wie schnell doch Bindungen eines großen Teils der Wählerschaft an die Union erschüttert worden sind, nachdem wir bei den Bundestagswahlen davor erlebt haben, wie schnell eigentlich die SPD ihre strukturelle Unterstützung verloren hat.“

Deutschland wählt, Wahlforscher Jung blickt bei „Maybrit Illner“ auf die Veränderungen in der Wählerschaft

Moderatorin Maybrit Illner möchte wissen, ob es dafür Gründe gibt, Jung vermutet: „Wir haben natürlich auch eine gesellschaftliche Veränderung.” Man müsse sehen, dass wir ein Generationsveränderungsverhalten hätten: “Es sind ja nicht die gleichen Wähler, die immer ihre Meinung ändern, sondern da sterben große Teile der Wählerschaft einfach weg und es kommen neue hinzu und die bringen eine andere gesellschaftliche Sozialisation mit.“

Für Parteien sei es deshalb die größte Herausforderung, sich auf dieses veränderte Wählerklientel einzustellen, erklärt der Wahlforscher: „Dadurch verändert sich insgesamt die Grundausrichtung der Gesamtheit der Wählerschaft. Und da müssen Parteien reagieren. Und wenn sie das nicht entsprechend machen, dann müssen sie sich langsam von ihren angestammten Prozentzahlen verabschieden.“

Die Deutschen träten obendrein, was gesellschaftlichen Wandel angeht, für „ein entschiedenes sowohl als auch“ ein: „Man hat ganz gerne den Wohlstand und möglichst wenig Veränderung, aber ein schönes Klima hätte man auch ganz gerne. Und das alles möglichst ‚smoothly‘ verpackt. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die Parteien, wie ja dargestellt worden ist, da so fürchterlich vorsichtig sind, den Wählerschaften etwas zuzumuten.“

„Maybrit Illner” - Diese Gäste diskutierten mit:

  • Dagmar Rosenfeld – Journalistin
  • Markus Feldenkirchen – Journalist
  • Albrecht von Lucke – Publizist, Politologe
  • Ursula Münch – Politikwissenschaftlerin
  • Elmar Theveßen – Journalist
  • Matthias Jung – Wahlforscher

Gerade die Grünen säßen hier in einem Dilemma, sagt Jung: „Wenn sie stärker werden wollen als die knapp zehn Prozent 2017, dann müssen sie natürlich auch breitere Wählerschichten erreichen. Dann müssen sie bürgerlicher werden, dann müssen sie auch ihre ökologischen Positionen etwas geschmeidiger gestalten, sonst kommen sie in diese Größenordnung nicht rein.“ Für den Wahlsonntag stehe ein Foto-Finish bevor, erklärt der Wahlforscher weiter.

Armin Laschet oder Olaf Scholz? Jung macht bei „Maybrit Illner“ klar, dass noch nichts entschieden ist

Jung macht klar, dass sich diese Umfragen in einem Korridor statistischer Ungenauigkeiten bewegen: „Die können bei zweieinhalb Prozentpunkte rauf oder runter bei den beiden liegen. Wenn ich jetzt den maximalen Minuswert bei der einen und den maximalen Pluswert bei der anderen dieses Fehlerintervalls anwende, dann kann letztlich sogar auch jetzt schon, heute, mit einer Wahlabsicht bei großer Unsicherheit, eventuell die Union vorne sein”, so Jung. Das müsse nicht so sein und die Wahrscheinlichkeit sei größer, wenn man zwei Punkte Vorsprung habe, dass es am Schluss auch so bleibe: „Aber kein Mensch kann heute seriös sagen, dass aufgrund dieses Befundes, einer Umfrage, der Gewinner in dem Sinne wer stärkste Partei wird, heute schon feststehen.“

„Maybrit Illner“ - Das Fazit der Sendung

Die „Maybrit Illner“-Runde widmet sich drei Tage vor der Bundestagswahl naturgemäß dem Kampf ums Kanzleramt. Zum ersten Mal seit Monaten ist kein Politiker in der Runde, stattdessen debattieren die Spitzenjournalisten des Landes mit veritablen Politik-Experten. Der Wahlforscher Jung macht während seiner Videoschalte deutlich, dass die Wahl alles andere als entschieden ist, während Elmar Thevesen aus dem ZDF-Studio in Washington vom Blick der USA auf die Bundestagswahl berichtet. Mit dem Thema möglicher Folgen für die Außenpolitik endet die Sendung daher auch.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare