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Der Baum auf Ilse Aigners Terrasse: Früher kam er aus dem eigenen Waldstück der Familie, heuer ist er ein Geschenk der Waldbauernvereinigung. 

Wirtschaftsministerin im Weihnachts-Interview

Ilse Aigner: „Wir dürfen uns nie den Mut nehmen lassen“

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München - Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) spricht im Weihnachts-Interview über ein hektisches Jahr, über Angst und Mut. Und über ihr Leben, in dem sie selbst mal große Schutzengel brauchte.

Dem alten Pappkarton entspringt ein Engel. „Des san meine Liebsten“, ruft Ilse Aigner, „die Skifahr-Engerl!“ In der Tat: Engel mit Flügeln und Skiausrüstung. Wir haben uns mit der Vize-Ministerpräsidentin zum Weihnachtsinterview unter ihrem noch nicht fertig geschmückten Christbaum verabredet: auf der Terrasse vor ihrem Haus in Feldkirchen-Westerham (Landkreis Rosenheim). Die Lichterkette hängt schon am Baum, ein paar Kugeln, der Rest liegt in der Schachtel „Holzfiguren/Kleinteile“. Ein Gespräch über ein hektisches Jahr, über Angst und Mut. Und über Aigners Leben, in dem sie selbst mal große Schutzengel brauchte.

Frau Aigner, wann waren Sie zuletzt in der Kirche, rein privat?

Allerheiligen, mit Rundgang zu den Gräbern meiner Familie. Jeden Sonntag, das schaffe ich nicht. Jetzt, an Heiligabend, werde ich wieder gehen: Die Messe mit den Gebirgsschützen in Waakirchen. Jetzt sagen Sie gleich: Das ist nicht privat! Doch. Für mich ist das eine Tradition seit über 20 Jahren, eine wunderschöne Messe zur Einstimmung auf die Heilige Nacht.

Woran glauben Sie? An Gott? An die Kirche?

An Gott, an die Kirche und an ein Leben nach dem Tod – deswegen habe ich auch keine Angst vor dem Sterben. Und ich glaube, dass wir getragen sind von einer Instanz über uns, auch in schwierigen Zeiten.

Wie feiern Sie Heiligbend? Der Baum steht noch auf der Terrasse, das könnte frisch werden...

Die Krippe steht drinnen. Ich werde den Christbaum fertig schmücken, nachmittags Kaffee trinken mit Nichten und Neffen bei meiner Mutter. Abends feiere ich mit engen Freunden.

Am Ende eines turbulenten Jahres, auch einer hässlichen Woche mit dem Berlin-Anschlag: Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Weihnachtstage?

In der Hoffnung, ein bisschen Ruhe und Frieden zu finden. Die Bilder dieses Anschlags machen jeden betroffen. Die Bedrohung rückt näher. Wir dürfen uns trotzdem nicht den Mut nehmen lassen. Das ist es doch, was das Weihnachtsfest uns vermittelt.

Viele Krisen, Anschläge, Trauerfälle – denken Sie leise: Schleich Dich, 2016, Du warst furchtbar?

„Es wird nicht jedes Jahr so schwierig sein“

Nein. Nie Mut und Zuversicht verlieren. Es wird nicht jedes Jahr so schwierig sein wie dieses. Wobei – sagt man das nicht auch jedes Jahr? Was mir auffällt: 2016 ist extrem schnell vergangen, wie ein Wimpernschlag.

In diesem Jahr hat sich etwas verschoben in unserem Land. Ein Riss in der Gesellschaft, schärfere Debatten, härterer Umgang. Macht Ihnen das Sorge?

Ja, es gibt eine gewisse Spaltung in der Gesellschaft mit sehr radikalen Ansichten. Die einen sagen: Willkommenskultur, alles nur wunderbar. Die anderen schildern alles als fürchterlich. Schnell wird verallgemeinert. Mir fehlen ausgewogene Positionen.

Ist es nicht auch Ihre Partei, die zur Polarisierung beiträgt?

Die Krippe im Wohnzimmer

Nein, wir halten an unseren Grundlinien fest: Humanität für wirklich Schutzsuchende. Aber auch beachten, was wir stemmen können im Land, wie viele Leute wir integrieren können. Das ist auch eine Frage der Menge. Wir müssen als Politik auch in einer Lage wie derzeit zeigen: Wir tun alles Menschenmögliche für eure Sicherheit. Das beginnt mit der Sicherung der Grenzen und hat etwas mit Polizeipräsenz auch auf öffentlichen Plätzen zu tun. Wir sind realistisch, nicht polarisierend.

Sie könnten all das auch schärfer formulieren. Sie sind – auch – in der Asylpolitik aber eher leise.

Ich werde nie ein Lautsprecher sein. Vielleicht finden Sie das ungewöhnlich für Politiker, aber ich fühle mich so wohler. Die Menschen wollen Lösungen, nicht Programmsätze.

Dann fallen Sie ab und zu hinten runter in der Wahrnehmung. Auch in der Frage, wer nächster Ministerpräsident wird?

Ich nehme in Kauf, nicht jeden Tag in der Schlagzeile zu sein. Wir brauchen kein jahrelanges Wettrennen. Bilanz wird erst am Ende gezogen: Wer hat seine Aufgaben erledigt? Wer kommt bei den Menschen authentisch an, auch über Parteigrenzen hinweg?

Sie ändern sich nicht?

Nein. Ich habe 52 Jahre damit ganz gut gelebt.

„Bei mir geht’s um die Sache, nicht um die Zuspitzung“

Ist das eine weibliche Art, Politik zu machen und Apparate zu führen?

Auch da will ich nicht verallgemeinern. Bei mir geht’s um die Sache, nicht um die Zuspitzung. Das widerspricht manchmal den Mechanismen aus Politik oder Wirtschaft. Wahrscheinlich stimmt es: Wir Frauen sind vielleicht die ausgleichenderen Wesen.

Wären Sie glücklicher, wenn Sie jetzt Antennen bauen oder Hubschrauber entwickeln würden? Das hatten Sie mal gelernt. Oder hat Sie das für die Politik erst gestählt?

Ich habe diese Zeiten unglaublich genossen. Dieses breite Spektrum vor der Politik haben zu dürfen, ist ein Privileg. Es waren Männerberufe, ich habe gelernt, mich da durchzusetzen.

Staunen Sie, wohin Sie das Leben geführt hat?

Ja! Es war mir ja nicht in die Wiege gelegt und auch nie so geplant.

Wie oft denken Sie noch an die Zeit, in der Sie schwer krank waren?

Das war ein Einschnitt im Leben, mit noch nicht mal 18. Ich hatte einen Tumor im Rückenmark, der lange nicht gefunden wurde. Ich habe fast zwei Jahre unter Schmerzen gelebt, bin abgemagert, an Gelbsucht erkrankt. In der Zeit habe ich irgendwie meine Mittlere Reife gemacht. Dann hat die Lähmung eingesetzt, die Operation war sehr dringend. Ich weiß es noch: der 5. November 1982. Die Chancen standen 50/50, ob ich nach der OP für immer gelähmt sein werde.

Der Moment, als Sie aufgewacht sind, überlegt haben – bin ich gelähmt, bewege ich mich noch?

Ich kann mich sehr gut daran erinnern. Nach fünf Stunden Operation war das wie ein Tasten im Nebel. Meine erste Frage war dann: Kann ich noch Skifahren? Ich war unglaublich froh, weil die Schmerzen weg waren.

Was ist geblieben?

Eine relativ große Narbe. Und ein anderer Blick auf Behinderte, auch auf Menschen, die an Krebs erkranken. Ich weiß, was für ein großes Glück es ist, gesund zu sein. Das gibt mir die Gelassenheit, einige Dinge des Alltags für Kleinkram zu halten. Auch wenn das Gesprächspartner vielleicht wundert: Über manches rege ich mich einfach nicht auf.

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