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Kontrastprogramm zwischen Kühen: Ilse Aigner bei der Almbegehung im Tölzer Land.

Letzter Termin vor dem Sommerurlaub

Aigner: Die stille Kämpferin macht weiter

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Wackersberg - Es ist einer der letzten Pflichttermine vor dem ersehnten Urlaub: Ilse Aigner wandert mit knapp 1000 anderen bei der Hauptalmbegehung von Alm zu Alm. Hier ist die Ministerin ganz bei sich. Hinter ihr liegt ein hartes halbes Jahr – und vor ihr eine ungewisse Zukunft.

Hoch oben vor der Zwiesel Alm in 1250 Metern Höhe ist’s fast so, als sei die Zeit stehen geblieben. Über der Tür steht: „Gott gib allen, die mich kennen nochmal mehr als sie mir gönnen.“ Und vor der Tür steht Ilse Aigner, die sie hier oben alle kennen und der sie noch mehr gönnen. Die Almwirte haben zur jährlichen Hauptalmbegehung geladen. Der Bundeslandwirtschaftsminister urlaubt lieber. Der bayerische Agrarminister ließ sich kurz rauf und wieder runter chauffieren. „Die Ilse“ aber, so heißt sie hier, ist bis auf 1250 Meter hochgewandert. So wie die letzten 20 Jahre auch. Und jetzt redet sie über Landwirtschaft. Gleich wird einer seufzen: „Diese Leistung der Bundeslandwirtschaftsministerin wird uns lange in Erinnerung bleiben.“

Ja, das tut gut. Es ist ein Heimspiel für Aigner. Und eine Reise in die Vergangenheit. Eigentlich ist sie inzwischen für die Energiewende zuständig, für große Industrie und kleine Startups. Im Herbst plant sie eine Gründertour durch Bayern, heute fährt sie zur Spielemesse Gamescom nach Köln. Aber hier, beim Kontrastprogramm, wo ihr auf der Vorderen Baunalm der Wirt den geschmückten Wanderstecken überreicht hat, hier ist sie fast wieder Bundeslandwirtschaftsministerin. Die Almwirte klagen Aigner ihr Leid mit den Mountainbikern oder dem Fremdvieh – und damit ist ausnahmsweise nicht Markus Söder gemeint ist.

Denn eigentlich hätte auch Aigner Grund zu klagen. Auch das wird hoch über Wackersberg deutlich. Vor zwei Jahren, die Bundesministerin hatte gerade ihren Wechsel nach München bekannt gegeben, schob sich eine Traube von Journalisten zur Almbegehung hinauf. Die „Frankfurter Allgemeine“ oder der „Spiegel“ berichteten von Begegnungen mit Kühen und Kindern. „Aigners Zeit könnte früher kommen als gedacht“, lautete die Lesart. Ein Irrtum. Diesmal ist noch das „Landwirtschaftliche Wochenblatt“ dabei. Und der BR will nur den Landwirtschaftsminister interviewen.

Inzwischen weiß keiner mehr, ob Aigners Zeit überhaupt noch kommen wird. Im Landtag zweifeln sie an ihrer Führungsstärke, in den Umfragen liegt Markus Söder vorn. Ja, sie will Ministerpräsidentin werden. „Aber mein Seelenheil hängt nicht davon ab.“ Die 50-Jährige hofft, dass sich letztlich gute Arbeit gegen Show durchsetzt. Nach der schwierigen Energiewende bastelt sie nun an der Digitalisierung. Sie war in Tel Aviv und im Silicon Valley. Unterm Gipfelkreuz erzählt sie begeistert, wie am Flughafen von San Francisco unscheinbare Typen wie Superstars gefeiert wurden. Der Gründer von Pay-Pal sei mehrfach gescheitert, ehe er mit seinem Unternehmen reich wurde. „Wir brauchen einen Mentalitätswechsel.“

Auch nach zwei Jahren sucht Aigner noch nach ihrer Strategie. Konkurrent Söder besetzt das Megathema Asyl, Aigner spricht beim Wandern über Startups. Hier das Alphatier für die großen Linien, dort die Arbeiterin am Detail. Nicht mehr viele in der CSU glauben, dass sie Söder aus eigener Kraft überholen kann. Aber nicht wenige erwarten, dass sich Söder selbst zerlegt. Weil er nicht geduldig ist. Weil der schwelende Streit mit Seehofer und der Konkurrenzkampf mit Aigner irgendwann schmutzig wird. Bis dahin macht die Wirtschaftsministerin einfach weiter. Solide. Fleißig. Aber für die großen Würfe eben auch etwas zu mutlos. „Stille Kämpferin“, titelte der „Spiegel“ nach der Almbegehung vor zwei Jahren. Würden Seehofer oder Söder hier oben wandern, stünden sie im Mittelpunkt. Aigner setzt sich bei der Begrüßungszeremonie am Morgen etwas abseits an der Hauswand in die Sonne und frühstückt eine Breze.

Immerhin dürften ihre Reisen in diesem Herbst Aufmerksamkeit generieren: Im November fliegt sie in den Iran, um bayerische Unternehmen zu protegieren. Der Markt ist riesig, diese Woche sondiert sie bereits mit dem Botschafter. Dazu liebäugelt sie mit einem noch viel heikleren Trip. Nach Russland. Die Wirtschaft drängt, zumal Moskau eine Partnerregion ist. Politisch aber wäre der Trip eine Gratwanderung: Wie soll man Putin deutlich ins Gewissen reden und gleichzeitig Geschäfte mit ihm machen? So oder so: Schlagzeilen wären garantiert. Bleibt nur die Frage, ob die stille Kämpferin sich den lauten Aufschlag traut.

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