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„El Marco“: Stephan Zinner als Markus Söder steht während des Singspiels beim traditionellen "Politiker-Derblecken" am Münchner Nockherberg auf der Bühne.

„Die glorreiche 7“

Nockherberg-Kritik: Singspiel endet mit Riesen-Überraschung

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Einen Western mit überraschendem Finale hat das neue Singspiel-Team vom Nockherberg auf die Bühne gestellt. Uschi Glas in ihrer Paraderolle als Halbblut Apanatschi setzt dem Stück über Populismus, politischen Machtwechsel und vertriebene Ureinwohner die Krone auf.

Es dauert eine halbe Stunde, bis Markus Söder und Horst Seehofer die Colts aufeinander richten – ziemlich lange eigentlich. Denn darum geht es ja auch im Singspiel „Die glorreiche 7“, der Nockherberg-Adaption des Westernklassikers: um die beiden Kampfgockel der CSU und den erzwungenen politischen Machtwechsel im Freistaat. „El Marco“ Söder – Revolverheld, Bewahrer der Heimat – hat drei Jubel-Mariachis von der Jungen Union im Schlepptau, die ihn bei jeder Gelegenheit frenetisch anfeuern und dem Publikum im Festsaal früh die Lachtränen in die Augen treiben. „Die sind jung und modiviert“, fränkelt Söder, also könnte man sie doch in die Bande der glorreichen Sieben aufnehmen. Nur wäre man dann zu acht. Einer müsste dafür weichen – warum nicht der Alte, der nie mit ihm einer Meinung ist? Der drohende Showdown kann nur verhindert werden, weil Natascha Kohnen von der SPD sich auf Kommando selbst unsichtbar machen kann – da waren’s nur noch sieben.

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Söder singt: „Sieh es ein, alter Horst, du musst jetzt gehen“

Willkommen im Wilden Westen der Bayern, wie er dem neuen Singspiel-Team um Stefan Betz und Richard Oehmann vorschwebt. Die beiden hatten nicht nur die undankbare Aufgabe, den umjubelten Regisseur Marcus H. Rosenmüller im Amt zu beerben (was ihnen, nebenbei, ziemlich respektabel gelungen ist). Sie mussten auch mit den politischen Volten nach der Bundestagswahl zurechtkommen und konzentrierten sich darum klugerweise auf die Heimat – und wie sie missbraucht wird.

Verlassen können sie sich dabei auf das bewährte spielfreudige Ensemble – und Komponist Toni Weber, der zusammen mit den Musikern vom Café Unterzucker texmexmäßig auftrumpft. Mitunter geraten die Songs etwas lang, die Stimmen sind im Aplomb der Instrumente im Saal schwer zu verstehen. Doch es gehört sicher zu den großartigsten Nockherberg-Szenen überhaupt, wie Söder (Stephan Zinner) zu einer Freddy-Quinn-artigen Schnulze Horst Seehofer (Christoph Zrenner) in den Sonnenuntergang verabschieden will („Du durftest viel erreichen, nun solltest du dich schleichen. Sieh es ein, alter Horst, du musst jetzt geh’n“) – der aber immer wieder zurückkehrt: „Ich wollt ja noch diese Startbahn bauen. Und verhindern!“ „Sieh es ein, alter Horst . . .!“

Im Subtext des Stücks geht es um Populismus

Wir haben also die üblichen CSU-Intrigen, bei denen auch das benachteiligte Flintenweib Ilse Aigner (Angela Ascher) und am Ende sogar die jubelnden JU-Mariachis mitmischen – eigentlich geht es in dem Stück aber um etwas anderes. Um Populismus und die Ängste, die Deutschland seit der Flüchtlingskrise beuteln. Gerufen werden die Polit-Desperados nämlich aus einem bestimmten Grund: Die Western-City – hübsch eingerichtet von Bühnenbildnerin Eva Maria Stiebler – ist angeblich in Gefahr. Die Indianer kommen! Ein anonymer Totengräber (Claus Steigenberger) hetzt in AfD-Manier: „Der Manitu gehört einfach nicht zu Texas.“ Bürgermeister Dieter Reiter (Gerhard Wittmann) bekommt es mit der Angst zu tun (zumal der Totengräber andauernd mit dem Meterstab für seinen Sarg Maß nimmt). Die „glorreiche 7“ muss her.

Puffmutter „Angelina“ Merkel beim Singspiel auf dem Nockherberg 2018.

Der Indianer steht eben nicht für „die Flüchtlinge“

Bei der handelt es sich allerdings um einen ziemlich schrägen Haufen: Der bierernste „Hoppy Rider“ etwa, der sich selbst als Gaudibursch missversteht (Wowo Habdank als Anton Hofreiter) und die blasse „Calamity Jane“ der SPD, Natascha Kohnen (Neuzugang Nikola Norgauer) machen nicht eben einen vertrauenserweckenden Eindruck. Über den Dingen schwebt nur Puffmutter „Angelina“ Merkel (Antonia von Romatowski mit Feder-Fächer). Sie entführt Seehofer in ihr Bett – zu Koalitionsgesprächen.

Doch nicht nur die Westernhelden sind gar keine, auch der Buhmann des Stücks, der Indianer, steht nicht etwa nur für „die Flüchtlinge“. Der von Stefan Murr gespielte Gesell, der da ab und zu in der Stadt vorbeischaut, ähnelt in seiner drollig-prolligen Art eher einem Giesinger Strizzi. Bald wird klar: Wer hier kulturell angeblich nicht ins Ortsbild passt, das ist der eigentliche Ureinwohner. Ihm wird zum Verhängnis, dass er sich mit zur Schau gestellter Gendergerechtigkeit, laktosefreier Latte und SUVs nicht anfreunden will – ganz abgesehen davon, dass er sich die Stadt gar nicht mehr leisten kann: „Meine Eltern hockan im Altersheim in Tschechien. Mei Schwester hat a Tattoo-Studio in Bad Füssing. Und i hab von der Caritas grod no an Wigwam ergattert. In Neu-Aubing. I bin der Letzte vo meim Stamm.“

Auch interessant: Die Rede der Mama Bavaria beim Nockherberg 2018 im Wortlaut

Überraschungsauftritt: Uschi Glas als Halblbut Apanatschi - eine Wucht

Dem Gespann Betz/Oehmann ist ein sehr gescheites Debüt gelungen, mit ein paar Längen hier und da – aber mit einem Paukenschlag zum Schluss: Denn als „El Marco“ Söder das „Problem“ aus der Stadt geschafft hat, folgt die Rache. Der Indianer kommt zurück, im Gespann mit dem Halbblut Apanatschi – die echte Uschi Glas im vollen Apachen-Ornat sorgt für ein großes Hallo im Publikum. Es stellt sich heraus, dass sie als Großinvestorin längst die ganze City gekauft hat, alles modernisieren und die Altmieter mithilfe der „glorreichen 7“ loswerden will – unter halbherziger Gegenwehr der Politiker. „Mei, Heimat muss man sich auch leisten können.“ Und El Marco? Der steht plötzlich recht alleingelassen da in einer Heimat, die gar nicht mehr so lebenswert wirkt.

Trumpf am Ende: Uschi Glas als Halbblut Apanachi.

Am Ende kommt einem in den Sinn, dass diese ganze Veranstaltung von der Schörghuber-Unternehmensgruppe ausgerichtet wird, der nicht nur Paulaner gehört, sondern auch halb München. Und während unter dem artigen Applaus der Großkopferten der letzte Singspiel-Tusch ertönt, denkt man sich, dass so etwas auch nur auf dem Nockherberg möglich ist.

Nockherberg 2018: Die besten Bilder vom Politiker-Derblecken

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