Eine medizinische Angestellte bereitet im medizinischen Zentrum des Flüchtlingslagers Zaatari in Jordanien eine Corona-Schutzimpfung mit dem Impfstoff des chinesischen Herstellers Sinopharm vor.
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Chinas Corona-Impfstoff im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien: Eine Mitarbeiterin bereitet hier eine Dosis des Sinopharm-Vakzins vor.

„Es war die einzige Wahl“

Machthebel Corona-Diplomatie? China spendet und verkauft Impfstoff in alle Welt - der Westen sieht alt aus

  • Christiane Kühl
    vonChristiane Kühl
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Viele Länder kommen nur schwer an Corona-Impfstoffe. An diese Staaten spendet oder verkauft China seine Vakzine. Es ist eine erfolgreiche Impfdiplomatie, die der Westen argwöhnisch betrachtet.

München/Peking - Die Corona-Pandemie hat eine Menge neuer Worte hervorgebracht. Eines davon ist „Impfdiplomatie“. Es beschreibt, wie Länder angesichts des weltweiten Mangels an Covid-19-Vakzinen mit ihren Impfstoffen für gute Beziehungen sorgen wollen. Besonders aktiv auf diesem Feld ist China. Das Land verkauft und spendet seine von drei Konzernen entwickelten Impfstoffe in der ganzen Welt - auch in Europa. “China hat an 53 Länder Impfdosen gespendet und an 22 Länder Impfungen verkauft”, sagte Außenminister Wang Yi am Donnerstag vor dem UN-Menschenrechtsrat. Schon vor Jahren hatte China das Konzept einer „Gesundheits-Seidenstraße“ ausgerufen - als Teil seines internationalen Infrastruktur-Programms „Neue Seidenstraße“.

Der Westen betrachtet die Impfdiplomatie Chinas, ebenso wie die Russlands, indes mit Argwohn - aus geopolitischen, nicht aus gesundheitspolitischen Gründen. „Von Brüssel oder Washington aus wird die weltweite Anwendung chinesischer Impfstoffe unweigerlich im Zusammenhang mit der Rivalität zwischen Großmächten gesehen”, sagt Jacob Mardell, Analyst beim Mercator Institute of China Studies (MERICS).  Doch das Problem in den Empfängerländern ist meist schlicht der dringende Bedarf.

Corona-Impfstoffe: Ungleiche Verteilung in der Welt

Nach einem Bericht der angesehenen Medizinzeitschrift The Lancet haben sich reiche Industrieländer 70 Prozent der 2021 voraussichtlich verfügbaren Vakzine gesichert - mindestens 4,2 Milliarden Dosen. In diesen Staaten leben aber nur 16 Prozent der globalen Bevölkerung. Die Hilfsorganisation Oxfam warnte, dass 2021 in 70 armen Ländern nur jeder Zehnte geimpft werden könne. Die Covax-Initiative, die im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO Impfstoff möglichst gleichmäßig zur Verfügung stellen soll, läuft derweil zu langsam an und braucht dringend zusätzliche Impfdosen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier rief daher am Montag die reicheren Nationen dazu auf, von ihren Corona-Impfstoffmengen etwas an ärmere Länder abzugeben. Dies sei eine Frage der Menschlichkeit und „unserer eigenen Maßstäbe.“ Steinmeier warnte, wer jetzt die nötige Solidarität verweigere, dürfe sich nicht wundern, wenn andere Länder dieses Vakuum mit Lieferungen für eigene Zwecke nutzten. „Die Pandemie ist auch ein geopolitischer Moment mit enormen Folgen für unsere Zukunft und die Rolle, die wir in der Welt nach der Pandemie spielen.“ 

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ebenfalls zur Abgabe von Vakzinen aufgerufen. In Afrika würden für das Impfen des Gesundheitspersonals rund 13 Millionen Dosen benötigt, die der Westen liefern könne und solle: “Wenn man den betroffenen Ländern nur Geld gibt, werden sie die Impfstoffe in China oder Russland bestellen.” Auch die WHO rief die Regierungen auf „über ihre eigenen Grenzen hinauszuschauen” und Impfdosen mit Covax zu teilen. Derweil kündigte in Peking Außenamtssprecher Wang Wenbin am Montag an, Impfstoff an weitere 19 afrikanische Staaten zu spenden. China trat Covax eher spät bei, und hat bisher zehn Millionen Impfdosen zugesagt.

Chinas Corona-Impfstoff: In Europa bereits nach Ungarn, Serbien und Belarus geliefert

In Europa hat Serbien mit 1,5 Millionen Dosen Covid-Vakzine des Staatskonzerns Sinopharm bislang am meisten Impfstoff aus China erhalten und konnte daher ein hohes Impftempo vorlegen. Bei der Ankunft der ersten Sinopharm-Impfdosen kritiserte Präsident Aleksandar Vucic die EU und Covax. Sie hätten keine einzige der versprochenen Impfdosen geliefert. „Die reichen und die reichsten retten nur sich selbst und ihre Lieben.“ Für China sind die guten Beziehungen zum EU-Kandidaten Serbien diplomatisch durchaus nützlich.

Noch dazu bestellte EU-Mitglied Ungarn - bewusst an Brüssel vorbei - ebenfalls Sinopharm-Impfstoff in Peking. 550.000 Dosen kamen vergangene Woche mit einem Sonderflugzeug in Budapest an. Ungarn hatte die Maschine eigens nach Peking geschickt. Auch nach Belarus hat Peking Impfstoff geliefert. Auf der 17+1-Konferenz Chinas mit Staaten Mittel- und Osteuropas bot Präsident Xi Jinping weitere Impflieferungen an.

Die erste Charge des Corona-Impfstoffs aus China kommt in Ungarn an. Das Land bestellte an Brüssel vorbei direkt in Peking.

Die ersten drei Länder in Afrika die chinesischen Impfstoff bekamen, waren laut der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua Zimbabwe, Sierra Leone and Äquatorial-Guinea. In manchen Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, sind die chinesischen Vakzine die wichtigste Säule der Impfbemühungen. Oftmals - wie etwa kürzlich in Argentinien - wurden Chinas Impfstoffe mit Notzulassungen genehmigt, da die Länder keine Zeit mit den langwierigen Testreihen verlieren wollten.

China als Rettung in der Impf-Not? „Es war die einzige Wahl“

„Wenn es um die treibenden Kräfte für die Kaufverträge mit China geht, ergibt sich das Bild einer zufrieden stellenden Lösung, die einer extremen Nachfrage gerecht wird. China und jetzt Russland gewinnen Kaufverträge, einfach weil sie liefern können“, sagt Mardell. „Ich höre immer wieder dasselbe von Experten und Einheimischen in Ländern, die Menschen mit chinesischen Impfstoffen impfen. Aus Brasilien, Indonesien, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten berichten mir alle: Dies war keine politische Wahl; es war die einzige Wahl.“

Experten kritisieren zwar, dass die chinesischen Konzerne Sinopharm und Sinovac mit ihren Daten nicht besonders transparent umgehen. Aber es gibt bislang keine Berichte, wonach irgendetwas mit der Wirksamkeit ihrer Vakzine nicht stimmt - was erstmal eine gute Nachricht ist.

Spende aus China: Auf dem Flughafen von Harare in Simbabwe kamen Mitte Februar 200 000 Dosen Sinopharm-Impfstoff an.

Chinas Impfdiplomatie: Mehr Exporte als Impfungen daheim

Überraschend ist, dass China offenbar mehr Impfstoff ausführt, als es zuhause selbst verimpft. Angesichts der anhaltend niedrigen Fallzahlen in China sieht Peking mehr Spielraum für Exporte als die USA oder Europa. Am 9. Februar hatte das Land nach Angaben des Covid Vaccine Tracker der Nachrichtenagentur Bloomberg daheim 40,5 Millionen Impfungen verabreicht - das sind 2,9 Dosen auf 100 Einwohner. Mitte Februar hatte das Land nach einem Bericht der Hongkonger South China Morning Post aber bereits 46 Millionen Dosen exportiert oder gespendet.

Zum Vergleich: In Deutschland waren es laut Bloomberg-Covid Vaccine Tracker am Sonntag 5,86 Dosen auf 100 Einwohner, in den USA 19, in Serbien 18 und in Israel 78,8 - jeweils unabhängig davon, ob es sich um die erste oder zweite Dosis handelt. In Bangladesh waren es dagegen nur 1,1 und in Indonesien 0,74 Dosen. Deutschland liegt demnach nur geringfügig hinter anderen - nicht allen - EU-Staaten. Die eigentliche Lücke klafft zwischen globalem Norden und Süden. (ck)

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