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Der Bedarf ist immens: In der Alten- und Krankenpflege fehlen 25.000 Fachkräfte. Foto: Christophe Gateau

Alten- und Krankenpflege

Patient Pflegebranche: Zehntausende Fachkräfte fehlen

Dramatischer Pflegemangel: Immer stärker zeigt sich, dass frühere Warnungen vor wachsenden Lücken keineswegs übertrieben waren. Neue Zahlen zeigen das ganze Ausmaß.

Berlin (dpa) - In der Alten- und Krankenpflege sind deutschlandweit rund 35.000 Stellen nicht besetzt. Besonders betroffen ist mit 23.319 offenen Stellen die Altenpflege, wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervorgeht, die der Deutschen Presse-Agentur in Berlin vorliegt.

Demnach waren 2017 im Schnitt 14 785 offene Stellen für Fachkräfte in der Pflege alter Menschen gemeldet. Zudem wurden 8443 Helfer gesucht. In der Krankenpflege fehlten 10 814 Fachkräfte und 1413 Helfer.

Wie die Antwort des Bundesgesundheitsministerium zeigt, ist der Pflege-Fachkräftemangel in den Bundesländern unterschiedlich groß. Demnach kommen in Berlin auf 100 offene Stellen in der Altenpflege 43 arbeitslose Fachkräfte, in Nordrhein-Westfalen 34, in Bayern und Thüringen dagegen nur 14 und in Rheinland-Pfalz und Sachsen nur 13. Im Bundesschnitt sind es 21.

In der Krankenpflege kommen auf 100 offene Stellen in Berlin 81 arbeitslose Fachkräfte, in Mecklenburg-Vorpommern 74, in Baden-Württemberg dagegen nur 29. Im Bundesschnitt sind es in diesem Bereich 41.

Schon vor sechs Jahren hatte die Bertelsmann-Stiftung eine Personallücke von 500 000 Vollzeitstellen in der Altenpflege bis 2030 vorhergesagt. Auch im Krankenhausbereich ist seit Jahren von einem zunehmenden Pflegenotstand die Rede. Der damalige Pflegebeauftragte der Regierung, Karl-Josef Laumann (CDU), sagte 2016, Deutschland brauche jedes Jahr zusätzlich 20 000 Pflegekräfte.

"Wir stehen in der Pflege vor einer echten Fachkräftekrise", sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der dpa. Das Bundesgesundheitsministerium betonte, das im Koalitionsvertrag vereinbarte "Sofortprogramm" für 8000 neue Fachkräftestellen in der Altenpflege sei "ein erster Schritt" zur Entlastung.

Um dauerhaft mehr Personal zu bekommen, seien weitere Stellschrauben nötig, sagte ein Ministeriumssprecher. Dazu gehörten Bezahlung nach Tarif, attraktivere Arbeitsbedingungen und eine Stärkung der Ausbildung, was auch angegangen werden solle.

Die Krankenkassen bezeichneten die 8000 geplanten zusätzlichen Pflegekräfte als "eine notwendige Sofortmaßnahme". Gernot Kiefer, Vorstand des GKV-Spitzenverbandes, sagte der dpa: "Aber alle wissen, dass damit das Problem des Fachkräftemangels nicht behoben ist." Weitere Maßnahmen und zügige Entscheidungen seien notwendig.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte bereits an seinem ersten Amtstag angekündigt: "Ich möchte, dass wir den Pflegeberuf attraktiver machen. Ich möchte, dass die Pflegeberufe besser bezahlt werden. Ich möchte, dass wir mehr Ausbildungsplätze haben. Ich möchte, dass sich vor allem Pflegekräfte um die Pflegebedürftigen kümmern können." Vor einem Fachpublikum des Pflegetags schränkte er zugleich ein, "dass das nicht mal eben so gemacht ist".

Die Krankenpflege wollen Union und SPD vor allem dadurch stärken, dass sie diese besser und gesondert vergüten - und nicht mehr als Teil von Behandlungspauschalen.

Göring-Eckardt meinte, schon in den vergangenen Jahren hätten Union und SPD an der Regierung nur kleinteilige und wirkungslose Maßnahmen auf den Weg gebracht. "Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist wie leer gefegt", sagte sie. "Wir fordern ein umfassendes Pflege-Sofortprogramm mit je 25.000 zusätzlichen Pflegefachkraftstellen für die Alten- und Krankenpflege, um die vakanten Pflegestellen schnellstmöglich zu besetzen und die Personalsituation insgesamt zu entlasten."

Die Pflege-Expertin der SPD-Bundestagsfraktion, Heike Baehrens, sagte: "Es braucht eine Verantwortungsgemeinschaft der unterschiedlichen politischen Ebenen und aller an der Pflege beteiligten Akteure, um Bezahlung und Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte zu verbessern."

Linke-Chef Bernd Riexinger nannte den Pflegermangel sogar noch dramatischer, als die Zahlen zeigen. "Um die zum Teil lebensgefährlichen Zustände in der Pflege zu beenden, braucht es 100.000 Stellen in den Krankenhäusern und 40.000 Stellen für die Altenpflege zusätzlich."

Pflegereport 2030 der Bertelsmann-Stiftung

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