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„Make in India“: Narendra Modi reist in der kommenden Woche zur Charmeoffensive nach Deutschland.

Staatsbesuch

Indien buhlt um deutsches Kapital

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München - Bayerns Staatsregierung forciert vor allem den Handel mit China. In Indien sieht man die Fokussierung Deutschlands auf den Rivalen mit Skepsis. Premierminister Modi reist nun nach Deutschland, um neue Investoren anzuwerben.

Vielleicht macht der Käse ja den Anfang. Der „Bayernempfang“ von Helmut Brunner in Neu Delhi war kaum beendet, da sandte der bayerische Landwirtschaftsminister vergangene Woche eine hoffnungsfrohe Botschaft in die Heimat. Es gebe in Indien ein großes Interesse an Molkereiprodukten, Käse, Süßwaren und alkoholfreien Bieren. „In den indischen Ballungsräumen wächst eine junge, ausgesprochen marken- und qualitätsorientierte Käuferschicht heran“, ließ Brunner die Heimat wissen. Noch stecke der Export in den Kinderschuhen. Aber man könne sich ja China zum Vorbild nehmen – dorthin habe sich die Ausfuhr von Agrarexporten binnen vier Jahren fast verfünffacht.

Es tut sich etwas in den Beziehungen zu Indien – und das liegt weniger an den bayerischen und deutschen Politikern, sondern vor allem an einer klaren Initiative des indischen Staates. Der schlafende Riese wird seit gut zwei Jahrzehnten als das große Versprechen der Weltwirtschaft gehandelt. Doch längst haben ihm die Chinesen den Rang abgelaufen. Auch in der bayerischen Staatsregierung heißt es hinter vorgehaltener Hand, die Inder hätten viele Fehler gemacht. Die schlechte Infrastruktur, Korruption und zu viel Bürokratie schrecken finanzkräftige Investoren. Negativschlagzeilen über Vergewaltigungen schaden zudem dem Image des Landes. Intern hat Horst Seehofer die klare Devise ausgegeben, das Hauptaugenmerk auf China zu richten.

Aus indischer Sicht soll jetzt alles besser werden. Mitte des Monats will Narendra Modi nach Deutschland reisen. Dem Vernehmen nach plant der im vergangenen Mai gewählte Ministerpräsident den ganz großen Auftritt: Mit sechs Ministern und 300 Unternehmern will er in der nächsten Woche auf der Hannovermesse, bei der Indien offizielles Partnerland ist, eine Charmeoffensive starten. „Das wird für uns eine goldene Chance“, sagt M. Sevala Naik, indischer Generalkonsul in München.

Modi hat der zuletzt schwächelnden Wirtschaft (auch der Handel mit Deutschland war rückläufig) ein für indische Verhältnisse radikales Programm verpasst. Da das Land zudem vom niedrigen Ölpreis profitiert, zeigen alle Indikatoren nach oben: Die Inflation wurde von elf Prozent mehr als halbiert, das Wirtschaftswachstum dafür verdoppelt. „Der Prozess hat erst begonnen“, sagt Naik. „Jetzt brauchen wir Investoren – vor allem für das produzierende Gewerbe.“ „Make in India“ heißt das ambitionierte Programm, das Modi im vergangenen September auflegte. Deutschland, schon jetzt wichtigster Partner in der EU, habe man sich gezielt als eines der fünf, sechs Länder ausgesucht, mit dem man künftig noch besser zusammenarbeiten will. Es gibt schon konkrete Vorstellungen: In den rasant wachsenden Metropolen wie Delhi, Mumbai, Chennai oder Kalkutta wird der öffentliche Nahverkehr ausgebaut. Das wäre doch etwas für deutsche Firmen wie Siemens, heißt es.

Modi steht unter Druck. Die unzufriedenen Inder hatten ihn im Mai 2014 mit einem Erdrutschsieg an die Spitze gewählt. Seitdem hat sich einiges getan, doch offensichtlich nicht genug. Bei den Regionalwahlen in der Hauptstadt Neu Delhi in diesem März kassierte seine konservativ-religiöse Hindu-Partei BJP eine krachende Niederlage – ein Warnschuss. Vor allem bei der armen Bevölkerungsschicht ist noch nicht viel vom Aufschwung angekommen.

Deshalb setzt man nun aufs Ausland. Man wirbt offensiv mit den für Europäer gigantischen Dimensionen: Indien hat 1,3 Milliarden Einwohner, das Durchschnittsalter liegt bei 25 Jahren. „400 bis 600 Millionen Menschen dürften bald zur Mittelklasse gehören“, rechnet Konsul Naik vor. Es gebe für die Deutschen also nicht nur viele Arbeitskräfte, sondern auch große Absatzmöglichkeiten.

Die Politik soll – wie so oft – die Türen öffnen. Nach Modis Gastspiel in Hannover und Berlin in der kommenden Woche ist dem Vernehmen nach ein Gegenbesuch von Angela Merkel in der zweiten Jahreshälfte geplant. Auch Horst Seehofer würden die Inder gerne begrüßen. Der letzte Ministerpräsident, der sich vor dem Taj Mahal fotografieren ließ, war Edmund Stoiber. Nichts gegen Helmut Brunner und seinen Käse – die Inder hoffen auf hochkarätigeres auch aus Bayern.

Mike Schier

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