Streit um den Tempelberg

International wächst die Sorge: Eskaliert der Nahost-Konflikt?

Angesichts des Streits um den Tempelberg in Jerusalem wächst international die Sorge um eine neue Eskalation des Nahost-Konflikts. Bereits sechs Menschen wurden getötet.

Jerusalem - Die UNO, die EU und das Nahost-Quartett richteten am Wochenende eindringliche Aufrufe zur Mäßigung an Israel und die Palästinenser. Der UN-Sicherheitsrat setzte für Montag eine Dringlichkeitssitzung an. Israelische Beamte erklärten derweil, die verschärften Sicherheitsmaßnahmen am Tempelberg würden noch einmal überdacht.

Die internationale Gemeinschaft will mit diplomatischen Bemühungen verhindern, dass der Konflikt um den Tempelberg dauerhaft eine neue Spirale aus Gewalt und Gegengewalt in Gang setzt. Der UN-Sicherheitsrat werde am Montag "dringend" beraten, "wie Appelle zu einer Deeskalation unterstützt werden können", kündigte der schwedische UN-Botschafter Carl Skau an.

Das Nahost-Quartett aus UNO, EU, den USA und Russland rief die Konfliktparteien zu "maximaler Zurückhaltung" auf. Das Auswärtige Amt in Berlin appellierte an alle Beteiligten, zur Deeskalation beizutragen. Die EU rief ihrerseits Israel und Jordanien auf, gemeinsam nach Wegen zu suchen, wie sich die Sicherheit auf dem Tempelberg für alle gewährleisten lasse, ohne den dortigen Status quo zu verändern.

Bereits sechs Menschen wurden getötet

Israel hatte nach einem Anschlag arabischer Israelis auf zwei israelische Polizisten in der Jerusalemer Altstadt Mitte Juli die Kontrollen zum Tempelberg verschärft und Metalldetektoren sowie zusätzliche Überwachungskameras am Eingang installieren lassen. Die Palästinenser sehen darin einen Versuch Israels, mehr Kontrolle über den Tempelberg zu übernehmen, der sowohl Juden als auch Muslimen heilig ist.

Am Freitag war der Streit eskaliert. Binnen weniger als 24 Stunden wurden sechs Menschen getötet - unter ihnen drei Israelis, die von einem 19-jährigen palästinensischen Angreifer in einer Siedlung im besetzten Westjordanland erstochen wurden.

Am Samstag warfen junge Palästinenser Steine und Benzinbomben auf Armeeeinheiten, die zum Haus der Familie des 19-jährigen Attentäters vorrückten. Es wurde damit gerechnet, dass sie das Haus zerstören wollen; damit straft Israel regelmäßig die Familien von Attentätern. DerBruder des Attentäters wurde festgenommen.

Am Samstag wurde nach palästinensischen Angaben ein 17-jähriger Palästinenser bei Zusammenstößen in Al-Asarija östlich von Jerusalem von israelischen Sicherheitskräften angeschossen. Er erlag später seinen Verletzungen.

Im nahe gelegenen Abu Dis starb ein 18-jähriger Palästinenser, als das Molotow-Cocktail, mit dem er israelische Sicherheitskräfte bewerfen wollte, vorzeitig explodierte. Dem Roten Halbmond zufolge wurden bei gewaltsamen Auseinandersetzungen seit Freitag 450 Menschen in Jerusalem und dem Westjordanland verletzt.

Rakete in Richtung Israel abgefeuert

Israels Inlandsgeheimdienst Schin Bet teilte am Sonntag mit, 25 Männer festgenommen zu haben, die der im Gazastreifen herrschenden radikalislamischen Hamas angehörten. Es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme, unter den Festgenommenen seien "ranghohe Mitglieder" der Hamas.

Aus dem Gazastreifen wurde am Sonntag eine Rakete in Richtung Israel abgefeuert, die in der Luft explodierte, wie die israelische Armee mitteilte. Verletzte gab es demnach nicht. Zu dem Abschuss bekannte sich zunächst niemand.

Wegen der verschärften Zugangskontrollen zum Tempelberg hatte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas am Freitagabend alle Kontakte der Palästinenserführung zu Israel eingefroren.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu geriet wegen der Maßnahmen am Tempelberg zunehmend unter Druck. Am Sonntagmorgen gab es eine Kabinettssitzung, später sollte das israelische Sicherheitskabinett tagen.

Generalmajor Joav Mordechai, Chef der israelischen Zivilverwaltung für die Palästinensergebiete, sagte dem Sender Al-Dschasira, es würden "andere Optionen und Alternativen" zu den am Tempelberg eingesetzten Metalldetektoren geprüft. Israels Minister für öffentliche Sicherheit, Gilad Erdan, sprach sich dafür aus, dass die Metalldetektoren so lange installiert blieben, bis es eine befriedigende Alternative gebe.

afp

Rubriklistenbild: © picture alliance / Roland Holsch

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