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Bernd Lucke

Interner Machtkampf

Zerlegt sich die AfD gerade selbst?

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München - Der offen ausgetragene Streit in der Alternative für Deutschland um die Parteispitze drückt die Umfragewerte. AfD-Chef Lucke erhielt jetzt Schützenhilfe aus Bayern. Doch wie lange hält der Frieden?

Sie verkaufen Pullis, Bücher und die guten alten Glühbirnen, 40 oder 60 Watt: Die Alternative für Deutschland ist kreativ, wenn es ums Aufpolieren ihrer Parteifinanzen geht. Die meisten Euros spült Gold in die Kasse, den dicksten Barren gibt es für 3307 Euro. „Legen Sie es darauf an“, werben die Eurokritiker, „Gold ist unvergänglich.“

Ob das auch für die Partei gilt? Neue Umfragen lassen zweifeln: Die AfD verliert in der Wählergunst, liegt aktuell bei sechs Prozent. Im September hatte sie noch zehn – und den Einzug in die Landtage Thüringen, Sachsen und Brandenburg geschafft. Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass sich der Anfang vom Ende anbahnt.

Gerade der Erfolg in Ostdeutschland motzte offenbar das Selbstbewusstsein einzelner Landesfürsten auf – sie zettelten einen Putschversuch gegen AfD-Chef Bernd Lucke an. Lucke leitet die 2013 gegründete Partei gemeinsam mit Frauke Petry, der Fraktionsvorsitzenden im sächsischen Landtag, und dem Publizisten Konrad Adam. Lucke will, dass die Mitglieder beim nächsten Parteitag beschließen, dass es künftig nur noch einen Parteivorsitzenden geben soll.

Das rief Meuterer auf den Plan: „Wir müssen jetzt darangehen – das sage ich ganz deutlich – diese One-Man-Show Schritt für Schritt zurückzubauen“, sagte der AfD-Fraktionsvorsitzende im Thüringer Landtag, Björn Höcke. Man arbeite gerne mit Lucke zusammen, „aber nicht um den Preis einer Satzung, die das bewährte Modell mehrerer Parteisprecher abschafft“, kündigte AfD-Vize Alexander Gauland, Spitzenkandidat in Brandenburg, an. Lucke sei ein „Kontrollfreak“, sagte er im Interview – und wiederholte es später munter, wenn auch in freundlicheren Worten.

Der Machtkampf nervte nicht nur Lucke, sondern auch Bundesvorstandsmitglied Hans-Olaf Henkel: „Wenn wir drei Bundestrainer für die Nationalmannschaft hätten, dann wären wir auch nicht Weltmeister geworden.“ Spätestens als Lucke drohte, nicht mehr zu kandidieren, wurde es seinen Unterstützern bang. Und der Hick-Hack schlug sich direkt auf die Umfragen nieder: „Das hat was mit der Außendarstellung der Partei zu tun“, gibt André Wächter, Bayern-Chef der AfD, zu. „Das könnte man sicherlich intern austragen.“ Leise Kritik, auch an Lucke – dennoch sagt Wächter: „Er ist die wichtigste Persönlichkeit, das Gesicht unserer Partei. Wenn uns das abhanden kommen würde, wäre das fatal.“

Das sieht Parteienforscher Michael Weigl von der Uni Passau ähnlich. Der Politologe glaubt nicht, dass Luckes Rücktritt sofort zum Niedergang der Partei führen würde. „Aber sie hätte viel mehr Schwierigkeiten, wahrgenommen zu werden.“ Weigl sieht die AfD in einem „Schicksalsjahr“. Wie viele junge Parteien sei sie auf einer Erfolgswelle nach oben geschwommen. „Das Problem: Die erfolgreichen Landtagswahlen kamen zu früh“, um den Schwung bis zur Bundestagswahl mitzunehmen. Eine Voraussetzung für das Fortbestehen der AfD sei neben der internen Ordnung die Abgrenzung von ihren rechtspopulistischen und rechtsradikalen Teilen.

Das dürfte nicht einfach sein: Wenn man in der jungen Partei schon von einer etablierten Flügelstruktur sprechen mag, tummeln sich gerade die erfolgreichen Landesverbände in Ostdeutschland im rechten Spektrum. Und nicht nur da. Regelmäßig flackern Skandale auf: Der neue hessische Landeschef war Mitglied der rechten Republikaner, länger als angegeben. Ein Hamburger AfD-Mann verteidigte die Demo von Hooligans und Rechtsextremen in Köln als „friedlich“. Ein anderes Mitglied schrieb: „Heute Abend ziehe ich meinen Hut vor den Hools.“ Beteuerungen von AfD-Chef Lucke, „dass wir mit Rechtsradikalismus und Extremismus nichts gemein haben“, klingen da etwas verloren.

Die bayerische AfD holte für Lucke vorerst die Kohlen aus dem Feuer. In einem internen Brandbrief an den Bundesvorstand, der unserer Zeitung vorliegt, kritisierte der Landesvorstand Gaulands Äußerungen als „sehr parteischädigend“. Dieser ist verstummt, Co-Sprecherin Petry erklärte sich bereit, Lucke den Vorsitz zu überlassen. Ruhe also – vorerst. Parteienforscher Weigl aber sagt dazu: „Komplett einfangen kann man das nicht.“

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