Internet-Experten organisierten den Kindesmissbrauch

- München - Der Fall ist besonders perfide. Die mutmaßlichen Kinderschänder trafen sich regelmäßig in der "Pädo-Selbsthilfe- und Emanzipationsgruppe". Aber anstatt im "Enhuber-Treff" an der Münchner Enhuberstraße ihre pädophilen Neigungen zu therapieren, tauschten sie Kontakte zu Kindern und anderen Pädophilen aus, missbrauchten zu Hause Kinder und ergötzten sich an Bildern und Videos. Wie viele Personen dem Münchner Pädophilen-Ring angehören, ist noch unklar. Die Polizei nahm 16 Männer fest, zwölf von ihnen sitzen derzeit in Untersuchungshaft, darunter Informatiker, Rentner, Handwerker, ein Arzt, ein Lehrer. Und alle Singles.

<P>Die Großrazzia am vergangenen Donnerstag traf die Verdächtigen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Zeitgleich brachen Sondereinheiten der Polizei an 18 Wohnungen in München, Freising, Dachau, Planegg, Haar, Vierkirchen, Altötting und Memmingen die Türen auf und setzten die Verdächtigen im Handstreich fest. "Wir wollten vermeiden, dass jemand noch Daten löschen kann", sagt Kriminaldirektor Gunter Hauch. Und die Fahnder wurden fündig: 36 Computer, 41 Festplatten, 4000 CD-ROM, 4200 Disketten, 1200 Videos, dazu Fotoalben, Adresslisten, Videokameras, Tagebücher, Dia-Sammlungen. Material, das mühsam ausgewertet werden muss.</P><P>Aber schon jetzt ist klar, dass Kinder missbraucht wurden _ wenn auch nicht mit letzter Brutalität. Hauch: "Es gab massive Handlungen, aber wir haben keine Hinweise auf Gewalttaten." Dennoch: "Hinter jedem pornografischen Bild steht ein missbrauchtes Kind", betont Hauch.</P><P>Der Münchner Zirkel bestand aus einem inneren und einem äußeren Kreis _ dem "Rekrutierungsfeld", wie Hauch es nennt. Und dass die Verdächtigen aus allen sozialen Schichten kommen, ist für die Fahnder nichts Neues. Pädophilie ist ein krankhafter Trieb, der auch vor Bildung nicht Halt macht. So gelten ein 31-jähriger Informatik-Student und ein 40-jähriger Informatiker als Köpfe des Rings. Experten im Verwischen von Spuren im Internet. Auch der Einsatz von Verschlüsselungssoftware war Bestandteil der Treffen. Einer der beiden soll querschnittsgelähmt sein.</P><P>Dass die Polizei dem Ring überhaupt auf die Spur kam, ist zwei kleinen Anzeigenblättern zu verdanken. Die "Selbsthilfegruppe" wollte Ende vergangenen Jahres im "Füssener Kreisboten" und im "Münchner Südostkurier" auf ihre regelmäßigen Treffen aufmerksam machen. Der Inhalt der Annoncen erschien den Verantwortlichen jedoch verdächtig. Beide Blätter lehnten die Annonce ab und informierten die Polizei.</P><P>Das Münchner Dezernat für Sexualdelikte schickte verdeckte Ermittler ins Rennen, Überwachungs- und Abhörmaßnahmen wurden genehmigt. Eigentlich wollten die Fahnder noch gar nicht zuschlagen. Aber es ging nicht anders. Ein Reporter des Magazins Stern hatte ein Jahr verdeckt in der Pädophilenszene recherchiert und daraus eine Serie geschrieben, die jetzt gestartet ist. "Wir sind unter Druck geraten, weil sich ein Teil auch auf die Münchner Gruppe bezieht", bestätigt Hauch.</P><P>Lehrer, Heilpraktiker, Polizisten und Pfarrer</P><P>Der Münchner Fall ist nur die Spitze eines Eisbergs, der mit dem Siegeszug des Internets immer gigantischer wird. Um welche Dimensionen es geht, zeigt die "Operation Marcy". Im September wurden weltweit in der bisher größten konzertierten Aktion 38 internationale Kinderporno-Zirkel zerschlagen. 25 600 Tatverdächtige in 166 Ländern. Von den 530 deutschen Tatverdächtigen kamen 58 aus Bayern, sieben aus München: Lehrer, Betreuer von Kindersportmannschaften, ein Heilpraktiker für geistig behinderte Kinder, fünf Polizisten - und ein Pfarrer, der sich sinnigerweise in der Kinder- und Jugendarbeit hervortat.</P><P>Für die Fahnder ist das Ganze ein dichter Dschungel. "Es gibt nicht die Szene", sagt Albert Bischeltsrieder, Leiter der Fahndung im Bayerischen Landeskriminalamt. "Kinderpornos werden weltweit gefertigt, mit wechselnden Schwerpunkten. Auch in Deutschland gibt es eine produzierende Szene."</P><P>Das Bundesjustizministerium hat angekündigt, auf den Wachstumsmarkt Kinderpornografie zu reagieren. Wird der reine Besitz von kinderpornografischem Material bisher nur mit einer Geldstrafe oder maximal einem Jahr Haft bestraft, soll der Strafrahmen deutlich angehoben werden.</P><P>In den USA geht es längst anders zur Sache. So wurde im August 2001 der Geschäftsführer einer Firma verurteilt, weil diese den Zugang zu 300 einschlägigen Websites bereitstellte und damit 5,5 Millionen US-Dollar verdiente. Der Geschäftsführer darf nun 1335 Jahre absitzen.</P>

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