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Albaniens Regierungschef Rama: „EU braucht den Westbalkan um ihrer eigenen Sicherheit willen“

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Von: Marcus Mäckler, Georg Anastasiadis

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Albanien Ministerpräsident Edi Rama und Bundeskanzlerin Angela Merkel schütteln sich die Hand
Albaniens Ministerpräsident Edi Rama wird Angela Merkel vermissen. © Michael Kappeler / dpa

In einem Interview mit dem Merkur erklärt Albaniens Ministerpräsident Edi Rama unter anderem, warum sein Land nach wie vor Mitglied der EU werden will.

München – Edi Rama, 57, war albanischer Basketball-Nationalspieler, machte sich dann als Künstler (Kleinformate in Filz, Tinte, Fettkreide) einen Namen und bemüht sich heute darum, sein Land in die EU zu führen. Mit seinen 2,02 Metern überragt Albaniens Regierungschef sogar Markus Söder* (1,94 Meter), den er vor unserem Interview zu Gesprächen getroffen hat.

Herr Ministerpräsident, was gibt es zwischen Bayern und Albanien zu besprechen?

Wie Sie vielleicht wissen, gibt es zwischen unseren Ländern eine Geschichte, die bis in die 1980er-Jahre zurückreicht. Damals besuchte Franz Josef Strauß wie aus dem Nichts Albanien und brach damit das Eis. Deutschland* und Bayern waren immerhin der Klassenfeind. Strauß schlug dem albanischen Regime einen sehr verführerischen Handelsdeal vor, aus dem aber nichts wurde. In unserer Hauptstadt Tirana ist bis heute eine Straße nach ihm benannt.

Was sagt Söder denn zu Ihrem Wunsch, Albanien in die EU zu führen?

Die CSU* hat uns in dieser Sache immer sehr unterstützt. Markus Söder sagte mir, er glaube, der Annäherungsprozess zwischen Albanien, dem Westbalkan und der EU müsse beschleunigt werden. Nächstes Jahr will er selbst nach Tirana kommen.

Zu Ihren Unterstützern zählt auch Angela Merkel*. Ist das Ende ihrer Kanzlerschaft eine schlechte Nachricht für Ihre EU-Pläne?

Das ist vielleicht etwas zu viel gesagt. Aber ja, sie hatte eine gewisse Sensibilität für unser Anliegen, was sicher auch mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Sie wuchs in einer kommunistischen Diktatur auf und versteht uns deshalb vielleicht besser als andere. Ich habe selten jemanden getroffen, der so genau über den Westbalkan und seine Probleme Bescheid weiß. In der Region wird man sie sehr vermissen, in ganz Europa auch.

Der Beitrittsprozess stagniert seit Langem. Sind Sie enttäuscht?

Anfangs ja, inzwischen nicht mehr. Die EU ist heute eine andere als zur Zeit ihrer Gründung. Sie ist fragmentiert, leidet unter nationalen Agendas und auseinanderklaffenden Interessen. Und ich glaube, seit der Flüchtlingskrise ist sie sehr von politischen Extremen beeinflusst. Die Rechtspopulisten mögen nicht an der Macht sein, aber sie haben großen Einfluss auf die Politik moderater Regierungen. Das widerspricht bisweilen den Werten und Prinzipien der EU.

Das klingt nicht gerade nach einer Bewerbungsrede. Warum wollen Sie noch Mitglied werden?

Es geht nicht um den Zustand der Gemeinschaft in einem konkreten historischen Moment. Die EU ist für uns ein Friedens-Versprechen. Im Westen haben Menschen das vergessen, weil sie gottlob lange keinen Krieg erlebt haben. Wir dagegen schon. Vielleicht geht es mit der EU noch ein Stück holpriger, aber am Ende ist sie ohne Zweifel die Zukunft des Kontinents.

Aber mit dem Westbalkan würde sich die EU Probleme ins Haus holen, etwa den Konflikt um das Kosovo.

Die EU braucht den Westbalkan um ihrer eigenen Sicherheit willen. Es ergibt keinen Sinn, dass sie eine Innengrenze zu uns hat. Und es ergibt keinen Sinn, unsere Region dem Einfluss anderer zu überlassen ...

... Sie meinen China und Russland?

Die sind ja nur der sichtbare Teil. Vergessen Sie nicht, dass wir Christen und Muslime in der Region haben. Den Westbalkan als Einfallstor für Radikalismus oder Terrorismus offen zu lassen, wäre doch Wahnsinn. Die EU muss das endlich begreifen.

Noch mal: Die Spannungen in der Region wachsen. Serbien hat zuletzt gepanzerte Fahrzeuge an die Grenze zum Kosovo verlegt ...

Aber das ist kein Vergleich zu den Spannungen von früher. Das liegt übrigens auch daran, dass die Kontrahenten von einst heute alle gemeinsam in die EU wollen. Militärische Konflikte entstehen, wenn Staaten isoliert sind und nicht, wenn sie in einer Gemeinschaft sind. Denken Sie an die positive Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen oder auch an Irland*. Die Gefahr, dass sich die EU einen Konflikt importiert, ist gering.

Manche in der Region fürchten, Sie wollten sich mit dem Kosovo zu einem Großalbanien vereinen ...

Solche Gedankenspiele sind außerhalb der EU viel wahrscheinlicher als innerhalb.

Während andere zögern, hat das relativ arme Albanien gerade viele Flüchtlinge aus Afghanistan aufgenommen. Warum?

Das ist Teil unseres Selbstverständnisses. Es gibt bei uns ein Sprichwort, das sagt: Das albanische Haus gehört Gott und Gast – gemeint ist der unangekündigte Gast, dem man helfen muss. Wir haben eine halbe Million Flüchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen und 3000 politische Oppositionelle aus dem Iran. Und nach dem Kommunismus haben wir selbst in Europa um Zuflucht gebeten. Als Nato-Mitglied fühlten wir uns jetzt verpflichtet. Die Nato-Staaten können den Ortskräften, die in Afghanistan ihr Leben für sie riskiert haben, nicht einfach den Rücken zudrehen und sie diesen Taliban-Schlächtern überlassen.

Sie wollen 4000 Menschen aufnehmen ...

Wir liegen jetzt bei fast 2000, es werden wöchentlich mehr. Im Land gibt es aber keine Diskussion darüber, ob das richtig ist oder nicht. Es geht dabei auch um den Respekt vor uns selbst.

(mmä/geo) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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