+
Gerhard Strate.

Gerhard Strate im Interview

Strate: "Gericht hätte den NSU-Prozess aussetzen müssen"

  • schließen

München - Gerhard Strate ist einer der bekanntesten deutschen Strafverteidiger. Einer seiner Mandanten war Gustl Mollath, mit dem er sich gegen Prozessende überwarf. Der Anwalt versteht nicht, warum Zschäpes Verteidiger am Montag nicht entpflichtet wurden.

Im NSU-Prozess reiht sich eine Machtprobe an die nächste: Zschäpe beantragte eine neue Sitzordnung, um weit weg von ihren Anwälten zu sitzen. Was muss sich ein Pflichtverteidiger gefallen lassen?

Gerhard Strate: Ein Verteidiger, der sich solchen Piesackereien ausgesetzt fühlt, darf so was nicht hinnehmen. Ich würde sofort meine Entpflichtung beantragen.

Die Anwälte wollen das Mandat niederlegen, verraten die Gründe aber wegen der Schweigepflicht nicht. Dem Richter reichen die bisherigen Begründungen nicht. Und jetzt? 

Strate:  Das liegt eigentlich auf der Hand. Das Gutachten, das Psychiater Nedopil im März über Zschäpes Verhandlungsfähigkeit verfasst hat, basiert auf einem Gespräch mit ihr. Darin macht sie sehr deutlich, dass sie unter dem Schweigen im Prozess leidet. Die Verantwortung dafür schob sie den Verteidigern zu. Das wäre ein guter Grund für den Antrag auf Entpflichtung.

Reicht dafür ein Streit über Prozessstrategien? 

Strate: Es geht nicht nur um eine unterschiedliche Strategie. Die wurde sicher seinerzeit von Zschäpe und ihren Anwälten besprochen. Wenn sie plötzlich mit dem Finger auf die Verteidiger zeigt, wäre für mich das Vertrauensverhältnis, das unabdingbare Voraussetzung jeder effektiven Verteidigung ist, unheilbar zerstört. So was geht einfach nicht. Dass der Entpflichtungsantrag jetzt kam, war korrekt – vielleicht hätte man es etwas früher machen können.

Die Anwälte sagen, sie wollten den Prozess nicht platzen lassen. Wann platzt denn ein Prozess?

Strate: Erst einmal muss das Gericht feststellen, ob das Vertrauensverhältnis tatsächlich endgültig zerüttet ist. Zschäpes Aussagen in Nedopils Gutachten reichen in einem normalen Prozess. Aber das ist alles andere als ein normaler Prozess. Was an den 219 Prozesstagen gelaufen ist, lässt sich nicht einfach an den vierten Anwalt weitergeben. Eine Verteidigung kann so eigentlich nicht mehr geführt werden. Das ist fatal. Trotzdem hätte das Gericht die Verteidiger entpflichten und den Prozess aussetzen müssen. Das wäre rein rechtlich der korrekte Weg gewesen.

Kann man jemanden verteidigen, zu dem man kein Vertrauen mehr hat?

Strate: In gewissen Grenzen. Als ich im Fall Mollath das Mandat niederlegen wollte und das Gericht das abgelehnt hat, war die Beweisaufnahme fast gelaufen. Selbst wenn der Mandant sich vom Anwalt öffentlich distanziert, hindert es den Verteidiger nicht daran, für einen Freispruch einzutreten. Aber hier geht der Prozess noch mindestens bis Mitte 2016 weiter. Das ist dann sehr, sehr schwierig.

Was, wenn nur Anwalt Grasel weitergemacht hätte?

Strate: Das wäre nach herkömmlichen Maßstäben für jedes Urteil verheerend. Es würde mit Sicherheit vom Bundesgerichtshof aufgehoben, weil ein neuer Anwalt die Verteidigung mangels Kenntnis der Beweisaufnahme nicht führen kann.

Richter Götzl hat den Antrag abgelehnt. Gerichte stimmen Anträgen auf Entpflichtung eher selten zu...

Strate: Die Gründe müssen gewichtig sein. Aber in diesem Fall müssen sie als absolut gravierend eingeschätzt werden.

Interview: Carina Lechner

Mehr zum Thema

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Überschaubar und überfüllt“: So sieht Trumps Büro aus
Berlin/New York - Völlig überfüllt ist das Büro, in dem Donald Trump seine Amtsübernahme organisiert. Es gibt wohl nur eine sichtbare Veränderung.
„Überschaubar und überfüllt“: So sieht Trumps Büro aus
So reagieren deutsche Politiker auf Mays Brexit-Rede
Berlin/London - Nach der Brexit-Rede von Theresa May hat sich Außenminister Steinmeier zu Wort gemeldet. Er sieht nicht alles negativ. 
So reagieren deutsche Politiker auf Mays Brexit-Rede
Lawrow hofft auf neue Beziehungen zu USA unter Trump
Soviel Vorschusslorbeeren wie Donald Trump hat noch nie ein US-Präsident aus Moskau bekommen. Auch Außenminister Sergej Lawrow setzt auf den Wechsel im Weißen Haus. Nun …
Lawrow hofft auf neue Beziehungen zu USA unter Trump
Ticker: May droht - „Europa würde leiden“
London - Die Briten wollen raus aus der EU. Doch bislang gab es nur viele Spekulationen um den Brexit. Jetzt hat Regierungschefin May Klartext gesprochen. Ihre Rede im …
Ticker: May droht - „Europa würde leiden“

Kommentare