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Hildegard Hamm-Brücher im Jahr 1994 zwischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Interview aus dem Jahr 2005

Hildegard Hamm-Brücher über Bomben, Kriegsende und Filme über die NS-Zeit

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München - Hildegard Hamm-Brücher durchlitt die NS-Zeit und wurde nach 1945 eine der profiliertesten Politikerinnen aus Bayern. Dem Münchner Merkur gab sie 2005 ein langes Interview.

Sie haben das Kriegsende in Starnberg erlebt.

Hildegard Hamm-Brücher: Mein Doktorvater Prof. Heinrich Wieland hatte ein Haus in Starnberg. Nachdem das Chemische Staatsinstitut in München ausgebombt worden war, wurde es nach Weilheim verlegt. Da bin ich umgezogen, um in der Nähe zu sein.

Der Einmarsch der US-Armee bedeutete für Sie, nicht mehr in Lebensgefahr zu schweben.

Hamm-Brücher: Das Glücksgefühl, angstfrei leben zu können, war das Überwältigende. Das Zweite war die Sorge, ob meine ebenfalls als Halbjuden geltenden Brüder, Ernst und Dietmar, aus dem Zwangsarbeitslager Rositz bei Leipzig zurückkommen. Und kommt meine Schwester aus dem Landdiensteinsatz in Oberschlesien zurück? Sie kamen alle zurück, Gott sei Dank. Die dritte Sorge war, wie soll es denn weitergehen, aber da waren wir voll Optimismus.

Sie hatten Kontakt zur Weißen Rose. Kannten Sie Sophie Scholl? 

Hamm-Brücher: Ich habe in München Chemie studiert. Der Direktor Geheimrat Heinrich Wieland war ein ganz wunderbarer Anti-Nazi. Er hat mich unter seinen Schutz gestellt, nachdem mich die Universität 1940 nicht hatte immatrikulieren wollen. Man sagte zu mir: Nur wenn der Leiter des Instituts Sie aufnimmt, dann immatrikulieren wir Sie. Nach einer Prüfung und einem Gespräch hat Wieland mich aufgenommen, später war ich Doktorandin. In diesem Kreis waren viele Anti-Nazis. Ein Bekannter schleppte mich dann zu einer Vorlesung von Professor Kurt Huber...

Der so etwas wie der geistige Übervater der Weißen Rose war.

Hamm-Brücher: Ja, er las über Philosophie und ließ sehr intellektuell, sehr vorsichtig seine gegen den Nationalsozialismus gerichtete Einstellung durchscheinen. Da lernte ich die Scholls kennen und Alexander Schmorell, später auch Willi Graf. Wir erkannten uns in der Grundmeinung, aber keiner von uns wusste, dass da Flugblätter entstanden. Sogar die Schwester von Willi Graf, die mit ihm zusammen wohnte, hat lange Zeit keine Ahnung gehabt. Und die Sophie hat entgegen aller heutigen Geschichtsklitterung erst sehr spät davon erfahren – als sie ihren Bruder direkt gefragt hat. Ich kann nicht sagen, dass wir eng befreundet gewesen wären oder dass wir in irgendeiner Weise eingeweiht gewesen wären. Aber es war die Gesinnung, die uns verbunden hat.

Man verstand sich ohne Worte?

Hamm-Brücher: Ja, heute kann man das jungen Menschen kaum erklären. Die denken, da war so ein konspirativer Verein, der sich Weiße Rose nannte und Umsturzpläne schmiedete. Es gab keine Gruppe, es gab nur einzelne Studenten, die in der geistigen Not zusammenfanden. Als sie dann verhaftet wurden, kam ich in eine schwierige Gewissensnot, weil ich dachte: Musst Du nicht auch ein Zeichen setzen? Ein Pfarrer der Bekennenden Kirche riet mir ab. Nachdem ich glücklich befreit war, habe ich versucht, mich einzubringen, wie man das heute nennt. Von Demokratie wusste ich nichts. Ich lernte aber Theodor Heuss, damals Kultusminister in Württemberg-Baden, kennen. Er war 1946 der erste Deutsche, der mir etwas Positives über die Möglichkeiten der Demokratie sagte. Mädle, Sie müsset in die Politik, riet er mir. Und genau das wollte ich ja.

Noch einmal zurück zur Weißen Rose: Zurzeit läuft ein hochgelobter Film mit Julia Jentsch. Interessiert Sie so etwas?

Hamm-Brücher: Ich bin nach langen Überlegungen in der Premiere im Mathäser gewesen und war von der Julia Jentsch sehr beeindruckt. Ich fand nur nicht korrekt, dass Dichtung und authentische Texte aus den Verhörprotokollen gemischt wurden, weil das die Sache ziemlich verfälscht. Ich bin beinahe nervlich nicht imstande, so etwas zu sehen. Den Hitler-Film „Der Untergang“ habe ich mir bewusst nicht angesehen.

Warum nicht?

Hamm-Brücher: Weil ich diese Unterhaltungsmasche nicht gut finde für das Thema. Den Trend, mehr und mehr Nazigeschichten populär und boulevardmäßig aufzuzäumen, kann jemand, der davon persönlich geprägt worden ist und darunter gelitten hat, nur schwer ertragen. 

Haben Sie in Starnberg den Todesmarsch von KZ-Häftlingen gesehen?

Hamm-Brücher: Nein, der war in den letzten Tagen vor der Befreiung. Ich habe nur einzelne KZ-Häftlinge gesehen, die im Ort herumirrten und Bekleidung und Essen suchten. Die waren natürlich nicht zimperlich, haben sich einen Amerikaner als Begleitung geholt und sind in die Geschäfte rein ohne Marken. Aber man muss doch sagen, dass die Starnberger Bevölkerung mies reagiert hat. Man darf nicht unterschätzen, dass die Leute doch zu 95 Prozent Nazis waren. Nicht alle fanatisch, nicht alle enthusiastisch für den Krieg, aber sie waren doch sehr ideologisch geprägt, hatten eine Abneigung gegen Juden und gegen Leute, die im KZ waren. Bis in die 50er-Jahre war das die Stimmung.

Wie lange waren Sie noch in Starnberg?

Hamm-Brücher: Fast das ganze Jahr 1945, ehe ich Mitarbeiterin bei der „Neuen Zeitung“ im Feuilleton bei Erich Kästner wurde, Artikel über Penicillin, DDT-Puder und bald über Atombomben schrieb und nach München zur Untermiete zog. Ich musste ja irgendwie Geld verdienen. Das zehn Quadratmeter große Zimmer in der Hanfelderstraße 12 in Starnberg bei der Frau Senft hielt ich noch mindestens zehn Jahre.

Wie sehen Sie die heutige Erinnerungskultur? Es wird viel über die Deutschen als Opfer geredet – siehe Dresden, siehe Wilhelm Gustloff.

Hamm-Brücher: Es hat Jahrzehnte gedauert, bevor überhaupt breit an die Opfer der Nazi-Schreckensherrschaft gedacht wurde. In den 50er- Jahren gab es keine Erinnerung an den 20. Juli, an die Weiße Rose, an Dietrich Bonhoeffer. Es gab Jahrzehnte der Verdrängung und des Beschweigens. Erst ein Kitsch- Film wie „Holocaust“ Ende der 70er-Jahre hat das aufgebrochen. In den Familien wurde auf einmal darüber geredet. Heute gibt es eine breite Erinnerungskultur zugunsten der Opfer. Die Erinnerung der meisten Deutschen an ihr eigenes Leid ist dabei zu kurz gekommen, das finde ich schon. Man kann nicht jeden Heimatvertriebenen, der über sein Leid und seine Erinnerung nicht hinweg gekommen ist, als Revanchisten hinstellen. Jeder, der bei Nacht und Nebel vertrieben wird unter schrecklichen Bedingungen, ist für sein Leben geprägt, so wie ich durch meine Erfahrungen unter der Nazidiktatur. Aber man darf nie vergessen: Die Deutschen haben in Guernica, Warschau, Rotterdam, Coventry, London genau das Gleiche gemacht, nämlich die Zivilbevölkerung aufs Fürchterlichste in den Krieg einbezogen. In diesem Zusammenhang muss auch der Bombenangriff auf Dresden verstanden werden.

Verhält sich die deutsche Politik richtig?

Hamm-Brücher: Ich glaube, sie wandelt sich. Vielleicht etwas spät. Nur fürchte ich, dass die neue und alte Rechte aus dieser neuen Bewusstseinsbildung ein schiefes Kapital schlagen wird. Es hat mich aber sehr gefreut, dass sich die Dresdner am Gedenktag von den Rechtsradikalen abgegrenzt und eine Weiße Rose angesteckt haben. Wo Nazis demonstrieren, sollte man das jetzt immer tun. Das wäre ein Zeichen.

Hätte Bundeskanzler Schröder am Jahrestag der Bombenangriffe in Dresden sein müssen?

Hamm-Brücher: Nein, das wollen wir nicht übertreiben. Dann müsste es zu allen Bombenangriffen in ganz Europa regelmäßig Bußgänge geben, auch in Warschau, London und Rotterdam.

Lässt sich das durchhalten, dass man einerseits der deutschen Opfer gedenkt, andererseits der Holocaust-Opfer?

Hamm-Brücher: Warum eigentlich nicht. Ich würde jetzt keine KZ-Wächter da mit einbeziehen, aber die unschuldige Zivilbevölkerung schon – jedoch immer im Zusammenhang mit den Ursachen der eigenen Untaten.

Sie sind 2002 wegen antisemitischer Tendenzen in der FDP um Möllemann aus der Partei ausgetreten.

Hamm-Brücher: Ich habe es nicht eine Sekunde lang bereut. Es gibt Wichtigeres als Parteipolitik, zum Beispiel direkte Bürgerbeteiligung. Eine Volksinitiative als erster Schritt zum bundesweiten Volksentscheid wäre ein richtiger Schritt. Initiatoren von großen Unterschriftensammlungen müssten das Recht haben, im Bundestag gehört zu werden. Parteien vereinnahmen Querdenker. 

Wenn ich heute einen Neustart machen könnte, würde ich das nicht mehr in einer Partei machen. Ist das eine Lehre aus der Nazi-Diktatur?

Hamm-Brücher: Vorsichtig, die Volksmeinung ist manipulierbar, eine Volksinitiative wird nicht immer das bessere Ergebnis bringen. Aber das Nichternstnehmen der Bürger ist fatal. 

Am 7. Dezember 2016 ist Hildegard Hamm-Brücher im Alter von 95 Jahren in München verstorben. 

Hildegard Hamm-Brücher: Bilder aus ihrem Leben

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