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Ohne Deutsch geht nichts: Ein junger Flüchtling aus Eritrea beim Sprachunterricht.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Interview mit Jugendhilfe-Leiter: „Sie wissen, wie sich Terror anfühlt“

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Mehr als die Hälfte der in Obhut genommenen Kinder in Deutschland sind Flüchtlinge, die alleine hierher gekommen sind. Der Leiter der Jugendhilfe Achim Weiss spricht im Interview über die Gefahr der Radikalisierung.

München – Überforderte Eltern, Verwahrlosung – oder Flucht. 2016 haben deutsche Jugendämter 84 230 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen, so viele wie nie zuvor. Rund 44 900, also mehr als die Hälfte, waren junge Flüchtlinge, die alleine nach Deutschland gekommen sind. Im Freistaat ist das Verhältnis nahezu identisch. Von 6730 Fällen waren 3869 minderjährige Migranten. Freie Träger wie die Innere Mission München bringen sie in Wohngruppen unter und betreuen sie je nach Bedarf – teils über das 18 Lebensjahr hinaus. Der Leiter der Jugendhilfe, Achim Weiss, 61, spricht im Interview über Leistungsdruck aus den Heimatländern und die Gefahr der Radikalisierung.

Herr Weiss, 2016 kamen bayernweit 3900 junge Flüchtlinge in Obhut. Bereitet den freien Trägern die hohe Zahl Probleme?

Achim Weiss: Ich habe einen ganz anderen Eindruck. Wir sind gerade dabei, Gruppen zu schließen, weil wir nicht belegt sind. Im Landkreis München machen wir bald eine Wohngruppe mit zwölf Plätzen zu. In der Stadt haben wir auch noch Aufnahmekapazitäten. Derzeit kommen sehr wenige Jugendliche.

Seit 2015 hat sich die Lage also sehr entspannt?

Achim Weiss: Na ja, für uns ist sie nicht entspannt. Wir haben unter dem Eindruck der Flüchtlingskrise Wohnräume angemietet und Personal eingestellt. Einige Immobilien stehen jetzt leer, das Personal will bezahlt werden. Wir haben zwar Fachkräftemangel und finden andere Einsatzgebiete. Aber das geht sehr träge und die meisten Mitarbeiter wollen gezielt mit Flüchtlingen arbeiten.

Trotzdem: Die Innere Mission in München betreut 200 junge Migranten. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das?

Achim Weiss: Ein großes Thema ist das Erlernen der Sprache. Gerade die Grundschulkinder sind sehr motiviert, was auch daran liegt, dass sie aus ihren Heimatländern eine klare Ansage kriegen: ‚Schau’, dass Du weit kommst und einen guten Beruf erlernst, um uns später zu unterstützen.‘ Tatsächlich erzielen die Kinder sehr schnell sehr gute Leistungen und machen einen guten Weg. Je älter Jugendliche sind, desto schwieriger wird’s mit dem Erlernen der Sprache.

Wie wirkt sich das, was die jungen Menschen auf ihrer Flucht erlebt haben, auf Ihre Arbeit aus?

Achim Weiss: Traumatisiert sind im Grunde alle, die wir betreuen. Wenn sie bei uns ankommen, sind sie aber erst mal dankbar, in Sicherheit zu sein. Das kann sich ändern, wenn die Bilder der Flucht hochkommen. Aber das dauert Monate, manchmal Jahre. Die Krisen kommen verzögert. Wenn sie in den Nachrichten Bilder von Flüchtlingsbooten sehen, löst das natürlich eine ganze Menge aus. Oder nehmen Sie Attentate wie das in Barcelona. Unsere Jugendlichen wissen, wie sich Terror anfühlt. Das zu sehen, war emotional schwierig für sie.

Die Barcelona-Attentäter waren alle sehr jung. Ist Radikalisierung ein Thema bei Ihnen?

Achim Weiss: Es gibt manchmal dubiose Leute, die versuchen, mit unseren Jugendlichen Kontakt aufzunehmen. Wir unterbinden das, so gut es geht. Aber insgesamt haben wir wenige Probleme damit.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die jungen Flüchtlinge gut integrieren?

Achim Weiss: Als noch nicht so viele kamen, haben wir die Kinder und Jugendlichen in deutsche Wohngruppen gesteckt. Da lief die Integration wie von selbst. Ab 2015 waren wir wegen der hohen Zahlen gezwungen, reine Flüchtlings-Wohngruppen zu bilden. Logisch, dass die länger unter sich bleiben. Wobei: Wenn einer gut Fußball spielt, geht die Integration im Verein ratzfatz.

Wie ist die Perspektive nach der Schule?

Achim Weiss: Die Vermittlung von Praktikums- und Lehrstellen läuft zumindest bei uns sehr gut. Viele Betriebe rufen uns an und fragen, ob wir Flüchtlinge haben, die Bäcker oder Metzger werden wollen. Einmal hat sich sogar ein Brauer gemeldet, der einen Azubi suchte. Alles Berufe, die deutsche Jugendliche nicht gerne machen.

Seitenwechsel: In Neuperlach steht eine Mauer, die Anwohner vor dem Lärm junger Migranten schützen soll. Gibt es in München eine Stimmung gegen diese Leute?

Achim Weiss: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Nachbarschaften, die wunderbar mit unseren Jugendlichen klar kommen. Aber es gibt auch das Gegenteil. Vor zwei Wochen hatten wir den Fall, dass ein Jugendlicher ärztlich versorgt werden musste. Hinterher haben die Nachbarn den Rettungswagen mit Privatautos am Wegfahren gehindert. Passiert ist Gott sei Dank nichts. In einem anderen Haus sind es interessanterweise Ausländer, die sich gegen unsere Jugendlichen stellen. Unterm Strich ist die Situation aber zufriedenstellend.

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