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Ein Opfer der Flammen: Dieses Haus wurde bei einem der Großbrände in Griechenland zerstört.

Interview mit Wirtschaftsberater Bastian

Griechenland-Experte über Waldbrände: „Man hat auf die Opfer gezeigt“

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Die Waldbrände in Griechenland haben zahlreiche Menschenleben gekostet und zugleich die Probleme des Staates offengelegt. Ein Experte erörtert die Lage.

München - Der promovierte Ökonom und Wirtschaftsberater Jens Bastian lebt seit zwanzig Jahren in Athen. Im Interview erklärt Bastian, der zwischen 2011 und 2013 auch für die EU-Kommission beratend tätig war, warum bei vielen Griechen nach den schlimmen Waldbränden der Zorn wächst.

Herr Bastian, wie erleben Sie die Situation in Griechenland nach den verheerenden Bränden mit bisher rund 90 Toten?

Bastian: Die Regierung von Alexis Tispras ist durch die Katastrophe in politische Bedrängnis geraten. Ihre Kommunikationspolitik war sehr schlecht. Viele Menschen haben bei den Bränden ihr Haus verloren, manche auch Freunde und Verwandte. Und nicht nur diese Leute fragen sich: Was muss eigentlich passieren, damit die Regierung eine Mitverantwortung übernimmt - und nicht reflexartig alle Schuld von sich weist?

Welche Fehler hat die Regierung gemacht?

Bastian: Man hat zunächst schnell auf die Opfer gezeigt. Ein Beispiel: Der griechische Verteidigungsminister ist in der schwarzen Mercedes-Limousine im Waldbrandgebiet angekommen - und hat den Betroffenen in der Öffentlichkeit illegale Bautätigkeiten nachgesagt. Nach dem Motto: Ihr seid mitverantwortlich für diese Ereignisse. Das kommt natürlich nicht gut an - zumal sich die die Zivilgesellschaft zur gleichen Zeit durch eine bemerkenswerte Hilfs- und Spendebereitschaft ausgezeichnet hat, ohne sofortige Schuldzuweisungen an die Opfer vorzunehmen.

Was ist schiefgelaufen während der Brände?

Bastian: Zunächst einmal hat es tatsächlich besondere Umstände gegeben, etwa das enge Terrain oder die hohen Windgeschwindigkeiten, durch die sich das Feuer extrem schnell ausgebreitet hat. Aber auch die Behörden müssen sich viele Fragen stellen. Wie können Polizei und Feuerwehr effektiver evakuieren? Warum mangelt es zwischen Ministerien und Einsatzkräften an zeitnaher Koordination?

Jens Bastian arbeitet als Ökonom und Berater in Athen.

Was ist mit dem Vorwurf, illegale Bauten ohne Brandschutz hätten die Katastrophe verschlimmert?

Bastian: 

Da ist schon etwas dran. In den vergangenen Jahren wurden manche dieser Bauten in eng besiedelten Gebieten nachträglich durch eine kleine Strafzahlung legalisiert. Die Regierung muss sich die Frage gefallen lassen, warum sie das akzeptiert hat.

Manche Hubschrauber mussten am Boden bleiben, weil sie nicht einsatzfähig waren...

Bastian: 

Das ist richtig - und hat auch mit den Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre zu tun. Nun wird auf tragische Art und Weise deutlich, dass an den falschen Stellen gespart wurde, nämlich bei der hiesigen Feuerwehr und Polizei. Auch viele Krankenhäuser sind nicht ausreichend gerüstet.

Womit wir wieder bei der politischen Verantwortung sind. Wagen Sie eine Prognose, wie es mit der links geprägten Regierung weitergeht?

Bastian: 

Zunächst würde ich diese Regierung nicht links geprägt nennen. Sondern populistisch-nationalistisch. Im Gespräch sind nun Steuererleichterungen für die neu aufzubauenden Häuser. Auch über eine Kabinettsumbildung wird spekuliert. Klar ist: Viele Griechen haben 2015 mit der neuen, von der Syriza-Partei geführten Regierung große Hoffnungen verbunden.

Und zwar?

Bastian: 

Einen echten Aufschwung, weniger Korruption, eine effektive Verwaltung. Aber diese Hoffnungen haben sich als Illusion entpuppt. Jetzt wächst die Wut der Menschen wieder. Mal sehen, wohin das bei den Wahlen 2019 führt.

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