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Keine leichte Aufgabe: Martin Schulz soll die SPD aus dem 20-Prozent-Umfragetief befreien.

SPD hofft auf frischen Wind

Interview mit Parteienforscher: Wie stehen die Chancen für Schulz?

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Dieser Paukenschlag hat nicht nur die SPD durchgerüttelt: Martin Schulz, bisher Präsident des Europaparlaments, wird Kanzlerkandidat und SPD-Chef. Im Interview analysiert ein Experte seine Chancen.

Kanzlerin Angela Merkel hat sich noch nicht zu ihrem neuen Kontrahenten geäußert – CSU-Chef Horst Seehofer warnt, es werde für die Union „keineswegs leichter“. Seehofer: „Eigentore dürfen keine passieren, jetzt noch weniger.“ Schulz ist der Lieblings-Sozi der Deutschen und liegt in Umfragen zur Beliebtheit gleichauf mit der Kanzlerin. Muss Merkel also um ihre vierte Amtszeit zittern? Die tz spricht darüber mit dem Mainzer Parteienforscher Prof. Jürgen Falter:

Was hat Schulz, was Gabriel nicht hat?

Prof. Jürgen Falter, Parteienforscher Uni Mainz.

Prof. Jürgen Falter: Zunächst einmal liegt das in seiner Persönlichkeit und seinem Auftreten. Schulz kann auf andere zugehen und auch mal jemandem auf die Schulter klopfen, ohne dass man es ihm übel nimmt. Er menschelt – während Gabriel manchmal geradezu fremdelt. Das ist ein großer Vorteil im Wahlkampf, denn es kommt authentisch und positiv rüber.

Das schlägt sich in den Beliebtheitswerten wider. Allerdings waren auch die vorherigen Kandidaten Steinmeier und Steinbrück beliebt – der SPD hat das aber nicht genützt. …

Falter: Diese persönliche Beliebtheit kann sich natürlich auch bei Schulz abnutzen. Sie nimmt oft dann ab, wenn man zu bestimmten Dingen Stellung nehmen muss – das wird Schulz nicht erspart bleiben. Er muss sich jetzt zu Themen äußern, zu denen er bisher nichts sagen musste. Damit wird er automatisch Menschen verärgern und die Beliebtheitswerte bröckeln. Ob er das auffangen kann, ist zumindest fraglich.

Woher rühren Schulz‘ hohe Beliebtheitswerte?

Falter: Er hat ein sehr herausgehobenes europäisches Amt so vertreten, dass er sehr präsent war. Es ist eine große Leistung von ihm, dass er das europäische Parlament dermaßen in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hat. Außerdem hat Europa durch ihn weniger technokratisch gewirkt. So ist Schulz mit etwas Positivem verbunden worden.

Man traut ihm also auch Außenpolitik zu?

Falter: Ja, allerdings kann er gegenüber Angela Merkel trotz aller außenpolitischen Erfahrung allerhöchstens gleichziehen – und in anderen Politikfeldern muss er das erst noch beweisen.

Wie steht Schulz denn zu innenpolitischen Dingen?

Falter: In der Öffentlichkeit hat er zur Steuerpolitik oder zur Gesundheitspolitik noch keine Stellung bezogen. Nach allem was man so rauslesen kann, ist er pragmatischer Sozialdemokrat, ein typischer Lokalpolitiker. Insofern würde ich ihn eher zum konservativen Flügel der SPD rechnen. Das wirft natürlich ein Glaubwürdigkeitsproblem auf, wenn er als Kandidat für eine rot-rot-grüne Koalition stehen soll, inhaltlich aber ganz anders gelagert ist. Dann könnte es ihm so ergehen wie einst Peer Steinbrück, der als Kandidat linkere Aussagen tätigen musste, als er es in den Jahren zuvor getan hatte.

Andererseits fehlt der SPD die Machtoption jenseits der Großen Koalition?

Falter: Derzeit fehlen Rot-Rot-Grün fast zehn Prozent. Ob er in der Lage ist, das aufzuholen – zumal bei einer stärker werdenden AfD – ist zumindest ungewiss, wenn nicht gar fraglich.

Ist es ein Vorteil, dass Schulz nicht in die Große Koalition eingebunden ist?

Falter: Das ist Fluch und Segen zugleich. Er kann nicht im Bundestag reden, er wird nicht so häufig sichtbar sein, wie es ihm lieb wäre. Die positive Wirkung eines Amtes kann nicht auf ihn abstrahlen. Andererseits hat er mehr Zeit, in den Wahlkampf zu gehen und ist an keinerlei Kabinettsrücksichten gebunden.

Im Video: So stehen Schulz‘ Chancen gegen Merkel

Kommt seine pragmatische Art beim Wähler an?

Falter: Vor allem bei Wählern der Mitte. Dort liegen die Mehrheiten. Ich halte ihn für einen guten Wahlkämpfer: Er ist formulierungsstark und gebildet – obwohl man letzteres vor manchem Wähler besser verbirgt. Es wird ihm aber helfen, sich in die unterschiedlichsten Themeneinzuarbeiten. Kanzler müssen ja Generalisten sein und nicht Spezialisten.

Muss Angela Merkel vor ihm zittern?

Falter: Schulz kann für die Union schon ein unangenehmer Gegner werden – zittern muss sie aber noch nicht.

Interview: Marc Kniepkamp

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snacktv

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