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Schulz‘ Schwester Doris Harst begleitet ihren Bruder 2015 zur Verleihung des Karlspreises in Aachen.

Interview

Schulz-Schwester “Nie hätten wir gedacht, dass einer von uns in diese Sphären kommt“

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Würselen - Martin Schulz wuchs mit vier Geschwistern auf. Wie seine Kindheit und Jugend verliefen, verrät Schwester Doris Harst im Interview.

Nicht nur Martin Schulz ist eng mit seiner Heimatstadt Würselen verbunden - auch seine Geschwister leben zum Teil noch immer dort, wo sie als Kinder eines Polizisten und einer CDU-Kommunalpolitikerin aufgewachsen sind. tz-Reporter Klaus Rimpel traf Doris Harst (67), eines der fünf Schulz-Geschwister, im Würselener Ballettstudio ihrer Tochter Alexa.

Alle fünf Schulz-Geschwister, auch Sie, sind SPD-Mitglied. Dabei ist Ihre Mutter doch eine der Mitbegründerinnen der CDU in Würselen gewesen...

Doris Harst: Meine Mutter kommt vom sozialen Flügel der CDU, war ganz sicher keine stockkatholische Konservative. Schon mein Großvater war als Zentrumspolitiker im Rat der Stadt Würselen - unsere Familie war immer sehr politisch.

Gab’s dann Streit um Politik am Mittagstisch?

Harst: Bei uns wurde immer über Politik diskutiert - aber meine argumentationsstarke Mutter konnte da ihren fünf 68er-Kindern durchaus Paroli bieten. Wir Kinder waren uns immer einig - gegen die Mutter. Aber meine Eltern ließen Diskussionen zu, was unserer Streitkultur sehr gutgetan hat.

Was war da die Rolle von Martin Schulz?

Harst: Er ist ja der Jüngste und ist von uns Älteren sehr verwöhnt worden. Aber er war schon als Kleiner rhetorisch sehr begabt - und konnte da bei den Politikdiskussionen am Esstisch gut mithalten. Der sechs Jahre jüngere Martin und ich sind dann fast zeitgleich in die SPD eingetreten - und ich war im Rat der Stadt, als Martin Bürgermeister von Würselen wurde.

Gab es da dann auch mal Zoff mit Ihrem Bruder um Stadtrats-Entscheidungen?

Harst: Natürlich waren wir auch mal unterschiedlicher Meinung - aber wir sind es ja von klein auf gewöhnt, Kontroversen auszutragen. Das hat uns unsere Mutter eingetrichtert: Immer respektvoll miteinander umzugehen, auch eine andere Meinung zu respektieren. Der politische Mitbewerber war für uns nie der böse Feind - außer Rechtsaußen, das geht für mich und Martin gar nicht!

Wie prägte Würselen die politischen Überzeugungen Ihres Bruders?

Harst: Die Nähe zu Belgien und den Niederlanden macht die Menschen hier quasi automatisch zu überzeugten Europäern. Wir hatten früher immer drei Währungen im Geldbeutel - für uns war der Euro eine echte Erleichterung. Wir haben fast alle Verwandte in Belgien und Holland, das ist für uns kein Ausland. Es ist einfach wunderbar, dass wir zum Frühstück Croissants in Lüttich essen können - das ist alles so nah!

Ihr Bruder redet ja sehr offen über seine schwierige Phase, als er als junger Mann nach dem Abbruch der Schule dem Alkohol verfiel. Wie war es für Sie als Schwester, seinen Absturz mit ansehen zu müssen?

Schwester und Nichte von Martin Schulz: Doris Harst (l.) brachte zum Interview ihre Tochter Alexa mit.

Harst: Ich ärgere mich darüber, dass jetzt immer darauf so herumgeritten wird. Da ist ein junger Mensch vom Weg abgekommen - Punkt! Martin war ja nicht dumm, hat damals gemerkt: Ich bin in einer Sackgasse - und hat dann mit der gleichen Konsequenz, mit der er alles durchzieht, auch den Entzug durchgezogen und seither keinen Tropfen mehr angerührt. Jetzt, da er als Kanzlerkandidat so im Mittelpunkt steht, kommen böse Mails nach dem Motto: „der Säufer“. Das tut schon weh, wenn Menschen, die ihn gar nicht kennen, so etwas schreiben. Martin hat einfach einen Bruch in seiner Biografie, wie es viele Menschen in ihrem Leben haben. Natürlich war die Zeit nicht einfach, vor allem für meine Eltern nicht. Wir haben damals alle zu ihm gestanden und ihm geholfen, so gut wir konnten.

Nun kommt ja wieder eine schwierige Zeit auf Martin Schulz zu - sein Vorgänger Peer Steinbrück hat die Kanzlerkandidatur einen „Höllenritt“ genannt. Machen Sie sich da Sorgen um Ihren Bruder?

Harst: Als Schwester habe ich natürlich schon Grummeln im Bauch, einfach wegen der Größe der Aufgabe. Kanzlerkandidat einer so alten, ehrwürdigen Partei wie der SPD zu sein. Und dann Vorsitzender dieser Partei zu sein, in der Nachfolge von Willy Brandt, den wir alle sehr verehrt haben. Da stockt einem schon der Atem.

Hat Ihr Bruder jetzt überhaupt noch Zeit für die Familie?

Harst: Die nimmt er sich, weil er einfach ein Familienmensch ist. Als meine Enkeltochter in der Grundschule Europa durchgenommen hat, hat sie Martin gefragt, ob er in die Schule mitkommt. Und das hat er natürlich gemacht! Die Kleinen haben ihn da mit Fragen gelöchert wie: Magst du Currywurst mit Pommes? Sind die Pistolen von deinen Securitys wirklich echt?

Ist es nicht seltsam, jemanden schon als hilfsbedürftiges, kleines Kind zu erleben - und dann ist er EU-Parlamentspräsident, dann SPD-Chef und Kanzlerkandidat?

Harst: Wir waren ja Arme-Leute-Kinder - wie ja die Familien damals fast alle arm waren. Ein Politiker war damals für uns etwas Überirdisches - nie hätten wir gedacht, dass einer von uns in diese Sphären kommt. Auch wir Geschwister erleben ja dank Martin Dinge, die wir uns nie zu träumen gewagt hätten: Kürzlich waren wir im Schloss Bellevue, als Bundespräsident Gauck Martin das Bundesverdienstkreuz verliehen hat. Und wir haben ein Häppchen im Elysee-Palast in Paris essen dürfen!

Interview: Klaus Rimpel

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