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Als Medizinerin in den Landtag: Wissenschaftsministerin Marion Kiechle hatte jahrelang einen Lehrstuhl der Gynäkologie an der TU München.

Interview mit der CSU-Politikerin

100-Tage-Bilanz von Wissenschaftsministerin Kiechle: Dieses Ziel hat sie nach den Wahlen

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Seit 100 Tagen ist Marion Kiechle als Wissenschaftsministerin Teil des Kabinetts von Markus Söder. Im großen Interview spricht sie über die wichtigsten Projekte.

München - Am 21. März wurde Prof. Dr. med. Marion Kiechle (58, CSU) als neue Wissenschafts- und Kunstministerin des Freistaats vereidigt. Das Parteibuch hat sie mittlerweile und ist auch schon 100 Tage im Amt. Bis zu ihrer überraschenden Politik-Karriere hatte sie 18 Jahre lang den Lehrstuhl für Gynäkologie an der Technischen Universität München inne und leitete die dort ansässige Frauenklinik. Kiechle ist mit der Sportreporter-Legende Marcel Reif (68) verheiratet.

Frau Kiechle, wir müssen noch einmal zurückgreifen: ein Wort zur Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft?

Marion Kiechle: Sie war sehr gehemmt und wirkte übersättigt.

Haben Sie schon erste Übersättigungs-Erscheinungen?

Kiechle: Im Gegenteil! Ich bin heiß darauf, alle meine Schäfchen kennenzulernen. Ich habe ein großes Reich geerbt und bereue meine Entscheidung überhaupt nicht, den Gynäkologie-Lehrstuhl gegen die Politik eingetauscht zu haben.

Wobei der Kontrast zwischen Klinik-Alltag mit schnellen, punktgenauen Entscheidungen und Politik wohl groß ist - auch wenn Sie als Lehrstuhl-Inhaberin vielleicht nicht mehr so viel vorm OP-Tisch standen…

Kiechle: Ich stand jeden Tag am OP-Tisch - sogar noch am Vormittag vor meiner Vereidigung. Die war ja erst am Mittag, da war also noch Zeit (lacht). Aber es gibt viel mehr Ähnlichkeiten zwischen Medizin und Politik, als Sie glauben.

Die da wären?

Kiechle: In der Medizin mache ich erst eine Anamnese - ich spreche mit dem Patienten, was ihm fehlt, wo es schmerzt und so weiter. In der Politik ist das die Analyse eines Sachverhalts. Auf die Diagnosen folgen die Konsequenzen - in der Medizin die Therapie, in der Politik die Maßnahme. Das Ziel ist bei beiden: Wir wollen den Menschen helfen. Die Logik, die Gedankenwelt ist relativ ähnlich.

Aber bei der Politik dauern Entscheidungen teils Jahre, während es in der Medizin oft auf jede Sekunde ankommt.

Kiechle: Das ist schon richtig, aber mich hat die Schnelligkeit in der Politik verblüfft. Als ich das Ministeramt antrat, dachte ich zunächst: Politik ist ein bisschen träge. Doch ich bin überrascht, wie schlagkräftig es im Kunst- und Wissenschaftsministerium zugeht. Und in der Medizin läuft auch nicht alles glatt. Der Krebs etwa verändert den Körper so, dass Sie immer einen anderen Situs haben.

Situs?

Kiechle: Pardon, eine andere Anatomie, die Lage der Organe im Körper.

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Wo wollen Sie als Politikerin operativ eingreifen?

Kiechle: Falls ich im Oktober nach den Neuwahlen noch im Amt bin - ich bin optimistisch und glaube, dass ich an den Hochschulen und in der Kunstwelt gut ankomme -, dann habe ich ein erstes großes Ziel: die Digitalisierung der Kultur.

Warum ist das so wichtig?

Kiechle: Es ist wichtig für die Zukunftsfähigkeit der staatlichen Kultureinrichtung, um forschen und wissenschaftlich besser arbeiten zu können - und zum anderen sollen die Besucher Lust bekommen, Werke, die sie aus unseren Beständen etwa in den Pinakotheken im Internet sehen können, auch in echt zu genießen. Ich kann mich erinnern, wie das bei mir als Erstklässlerin war.

Was war da?

Kiechle: Wir hatten ein Lesebuch - da war die Mona Lisa abgebildet. Die hat mich so fasziniert, dass ich wusste: Ich muss sie unbedingt mal in echt sehen. Gut, das hat dann noch ein paar Jahre gedauert, aber es hat geklappt.

Der Louvre ist ja auch nicht um die Ecke.

Kiechle: Aber er ist für ein weiteres Projekt ein gutes Beispiel: Der Louvre hat einen zentralen Informationspunkt, die Pyramide, und so etwas schwebt mir auch für München vor. Ein zentraler kultureller Dreh- und Angelpunkt fürs Informieren, um seine Kinder betreuen lassen zu können, um zu essen und zu trinken und Kunst zu genießen.

Interviewtermin: Wissenschaftsministerin Marion Kiechle stellt sich den Fragen von Redakteur Matthias Bieber.

Wo könnte der sein?

Kiechle: Meine Fantasie sagt mir: im Museums-Areal.

Das ist nicht ganz zentral…

Kiechle: Aber es ist dennoch gut zu erreichen und wäre zumindest für die großen staatlichen Museen ein sehr wichtiger Anker: Alte Pinakothek, Neue Pinakothek, Pinakothek der Moderne und Brandhorst.

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Die Neue Pinakothek gehört zu den zahlreichen Sanierungs-Fällen. Die Kosten werden auf rund 80 Millionen Euro geschätzt.

Kiechle: Die Neue Pinakothek wird Ende 2018 geschlossen. Es regnet durchs Dach, wir beten jeden Tag, dass das durchhält. Die Highlights der Neuen Pinakothek werden während der Schließung an anderer Stelle zu sehen sein - welche Werke, entscheiden die Staatsgemäldesammlungen. Aber das ist ein riesiges Projekt: Allein das Ausräumen der Werke wird auf ein Jahr veranschlagt. Auch das ist wieder ein Argument für eine schnelle Digitalisierung.

In Jahren ausgedrückt?

Kiechle: Ich hoffe: fünf Jahre, damit die Bestände elektronisch abrufbar sind.

Ein anderes Haus ist häufiger in den Schlagzeilen: das Haus der Kunst. Ist zumindest der Punkt „Beschäftigung eines Scientologen“ durch?

Kiechle: Da können Sie einen Haken dahintersetzen. Der neue Geschäftsführer Bernhard Spies hat das alles geordnet, und bei künftigen Einstellungen wird nicht mehr vergessen, diesen Punkt zu überprüfen.

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Was muss der künstlerische Direktor mitbringen, der hier auf den zurückgetretenen Okwui Enwezor folgen wird?

Kiechle: Ich finde es erst einmal sehr gut, dass die Rollen verteilt sind zwischen Kunst und Finanzen. Im Krankenhaus ist das ganz normal: Es gibt einen ärztlichen Direktor, einen Verwaltungsdirektor - das ist der Kaufmann - und einen Pflegedirektor.

Sie wären also der Pflegedirektor?

Kiechle: Ich hoffe nicht (lacht). Nein, das wollen wir nicht.

Soll der neue künstlerische Direktor Pressekonferenzen auf Deutsch halten können?

Kiechle: Die Sprache spielt keine primäre Rolle. Aber es ist nicht zu viel verlangt, dass er oder sie sich zumindest Mühe gibt, die Sprache zu lernen. Er oder sie muss drei Sachen erfüllen. Erstens: sich in der modernen Kunst super auskennen und sehr gut vernetzt sein. Zweitens: Er oder sie muss schon eine oder mehrere riesige Ausstellungen gewuppt haben. Und drittens: Er oder sie muss international und national ein Zugpferd sein.

Wie sieht die Sanierung des Hauses aus?

Kiechle: Es gibt zwei Möglichkeiten: ganz zu schließen oder in zwei Abschnitten zu sanieren, was ich bevorzugen würde. Dann bleibt die Marke sichtbar und das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das Flaggschiff ist das Deutsche Museum. Da wird ja schon saniert, aber die Kosten sind enorm - derzeit liegen sie bei 455 Millionen Euro, wo es hingeht, weiß niemand.

Kiechle: Wir haben hier das am besten besuchte Museum Deutschlands. Jetzt ist bald Halbzeit beim ersten Bauabschnitt, und man kann sehen: Da geht was voran. Mein Wunsch ist, dass Freistaat und Bund sich die Kosten teilen. Da wird es auch für die anstehenden Bauabschnitte intensive Gespräche geben.

Was wird sich bei einem möglichen 1000-Tage-Gespräch im Vergleich zu heute geändert haben?

Kiechle: Erstens hat das Haus der Kunst einen neuen Direktor und die erste Knallerausstellung absolviert. Zweitens wird im Werksviertel für den Konzertsaal gebuddelt. Drittens ist die Sanierung der Neuen Pinakothek in vollem Gange. Viertens hat das Residenztheater seine neue Werkstatt in Bogenhausen, und die Sanierung des Marstall kann beginnen. Und fünftens: Die Bestände der großen Museen sind weitgehend digitalisiert, wodurch das Angebot noch attraktiver wird und noch mehr Touristen angelockt werden.

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Welches Museum lockt Sie denn persönlich am stärksten?

Kiechle: Ich liebe das Ägyptische Museum. Ein Wahnsinn, so eine coole Mischung! Der Kontrast von 5000 Jahre alten Exponaten und dem modernen Bau ist so spannend. Der alte Krempel hat mich ja schon immer interessiert, aber dieses Haus ist weltweit einmalig.

Wenn Sie ein Instrument im Orchester der Ministerien wären - welches wäre das?

Kiechle: Das Schlagzeug. Ich gebe den Rhythmus vor.

Gibt es allerdings in der klassischen Musik eher selten. Also die Kesselpauke?

Kiechle: Nein, die liegt mir weniger. Dann die erste Geige.

Interview: Matthias Bieber

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