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Der Streit um die Mohammed-Karikaturen, hier im Niger, hat die gesamte islamische Welt erfasst.

Interview zum Aufruhr in der islamischen Welt

"Muslime müssen religiöses Erbe voranbringen"

München - Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo: Die islamische Welt ist in Aufruhr. Im Interview spricht Professor Gudrun Krämer über den Koran und die Herausforderungen für Europa.

Die Mohammed-Karikaturen in der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“ und die Abdrucke in vielen deutschen Zeitungen setzen die islamische Welt in Aufruhr. Terror und Gewalt sind die Folge. Europa steht vor einer neuen Herausforderung. Wir sprachen darüber mit der Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Professor Dr. Gudrun Krämer:

Terror und Gewalt sind die Folge. Europa steht vor einer neuen Herausforderung. Wir sprachen darüber mit der Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Professor Dr. Gudrun Krämer:

Die international renommierte islamische Al-Azhar-Universität in Kairo hat die Karikatur auf der ersten Ausgabe der Pariser Zeitschrift „Charlie hebdo“ nach dem Attentat als „den Hass schürend“ bezeichnet. Gezeigt wird ein trauernder Mohammed mit einem Schild „Ich bin Charlie“ und darüber steht „Alles ist vergeben“. Was ist daran so verwerflich?

Die Muslime wehren sich zunächst einmal gegen die Abbildung des Propheten Mohammed als solche. Es geht in dem Heft aber nicht allein um das Titelblatt. Die Azhar-Gelehrten und viele andere Muslime sind der Überzeugung, Satire und Karikatur seien ein Angriff auf den Propheten und daher unzulässig. Wenn Charlie Hebdo nun angibt, der Prophet selbst vergebe den Satirikern und möglicherweise auch den Mördern, ist für sie eine Grenze überschritten.

Die harsche Reaktion, die in der muslimischen Welt viele aufrütteln dürfte, überrascht Sie also nicht?

Nein, weil die Überzeugung, dass Satire und Karikatur den Propheten nicht treffen dürfen, weithin geteilt wird. Viele Muslime fühlen sich durch sie, auch wenn sie selbst nicht besonders fromm sind, beleidigt.

Dass der größte Teil der Muslime friedlich ist, ist unbestreitbar. Wo liegt der Kern des Problems?

Ich würde zunächst einmal die Hauptaussage doppelt unterstreichen. So, wie die große Mehrheit der Franzosen nicht rechtsradikal ist und die große Mehrheit der Deutschen die NSU-Morde nicht billigt, so billigt auch die große Mehrheit der Muslime die brutalen Morde an den Karikaturisten nicht, selbst dann nicht, wenn sie meinen, diese hätten sie auf regelrecht böswillige Art provoziert.

"Muslime können Islam weiterentwickeln"

Gut, aber was tut man gegen Fundamentalisten?

Hier müssen die Muslime ansetzen, denn sie können den Islam weiterentwickeln und darauf hinweisen, dass in einer freiheitlichen Gesellschaft selbst böswillige Angriffe auf religiöse Überzeugungen hingenommen werden müssen. Man sollte aber auch darüber nachdenken, warum in der westlichen Gesellschaft die Religion im Gegensatz zu anderen Gütern weitestgehend ungeschützt ist.

Islamkritiker betonen, dass in Moscheen, auch in deutschen, Gewalt gepredigt wird. Stimmt das?

Ja, es gibt vereinzelte Prediger, die die Auffassung vertreten, dass diejenigen, die gegen Gott und gegen den Islam auftreten, bekämpft und bestraft werden müssen. Der Rechtsstaat ist aufgerufen, dagegen vorzugehen.

Ist die Grundtendenz des Islam eine radikale?

Nein, natürlich nicht. Aber wie das Christentum, das Judentum oder auch der Buddhismus ist der Islam keine einheitliche Größe. Im Koran, den die Muslime für Gottes Wort halten, und in der Überlieferung dessen, was Mohammed als Prophet gesagt und getan hat, stehen unterschiedliche Dinge.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Aufrufe zum friedlichen Zusammenleben, zu Toleranz und Pluralität auf der einen Seite, und Aufrufe dazu, diejenigen, die gegen Gott, den Propheten und den Islam vorgehen, zu bekämpfen auf der anderen. Das alles steht im Koran und ist auch von Mohammed überliefert. Mittel- und langfristig müssen sich die Muslime mit dieser Vielstimmigkeit ihrer „heiligen Schriften“ auseinandersetzen und eine Position entwickeln, die in eine freiheitliche Ordnung passt.

Aber ist das nicht eines der Kernprobleme. Der Koran ist gottgegeben und darf deshalb nicht verändert werden? Wie sieht es mit der Interpretation aus?

Ja, der Koran darf im Wortlaut nicht verändert werden, aber die Interpretation hat sich erheblich verändert. Schon aus früher Zeit kennen wir Koran-Interpretationen, die das Ganze eher in einem übertragenen, symbolischen und gelegentlich mystischen Sinn deuten. Andere versuchen dagegen, die Schrift Wort für Wort umzusetzen, was unmöglich ist, weil viele Dinge im Koran mehrdeutig sind und nicht unmittelbar in die Praxis umzusetzen.

Was fordern Sie?

Die Muslime müssen klären, wie sie die unterschiedlichen Aussagen mit Blick auf ein friedliches Zusammenleben und die Meinungsfreiheit interpretieren, welche Aussagen für sie von zentraler Bedeutung sind und wie sie diese in einen stimmigen Rahmen bringen.

Die weltweit im Namen des Islam ausgeführten Anschläge haben dazu geführt, dass Muslime vielen als Gefahr erscheinen.

So ist es. Deswegen sind diese Mörder im Namen des Islam eine Gefahr für die muslimische wie für die nicht-muslimische Gemeinschaft. Bekanntlich sind die meisten derer, die den Mördern zum Opfer fallen, selbst Muslime.

Geiselnehmer, Terroristen und der „Islamische Staat“ vermitteln weltweit den Eindruck, ihr Gott sei ein Gott der Gewalt.

Leider. Dem Islam und den Muslimen schlagen auf Grund dieser mörderischen Taten weithin Misstrauen und Feindschaft entgegen.

Was muss geschehen?

In der Bundesrepublik erwarten wir von den muslimischen religiösen Autoritäten und den gebildeten, nachdenklichen Muslimen eine klare Positionierung. Die haben sie in den vergangenen Tagen auch wieder und wieder geboten, indem sie sich nachdrücklich von Gewalttaten im Namen des Islam distanziert haben, obwohl auch in Deutschland die Mehrheit der Muslime die Karikaturen als solche missbilligt.

Sich zu distanzieren, dürfte allein nicht ausreichen. Welche Möglichkeiten haben wir hierzulande?

Wir müssen darauf dringen, dass die kritische Auseinandersetzung der Muslime mit ihrem religiösen Erbe vorangebracht wird. Und wir müssen uns zugleich davor hüten, auf Halbwissen zu bauen und den Islam als solchen zu verdammen. Das bedeutet für alle Beteiligten eine Gratwanderung zwischen Schönfärberei und ignoranter Verdammung.

Was erwarten oder erhoffen Sie sich von den religiösen muslimischen Autoritäten in Deutschland, aber auch von den deutschen Behörden, um überhaupt einen Ausgleich erreichen zu können?

Erstens, dass der Ruck durch die Gesellschaft als Ganzes, über die Religionsgruppen hinweg, den man in Paris und bei den unterschiedlichen Solidaritätskundgebungen förmlich sehen konnte, sich dauerhaft in Handeln übersetzt. Wichtig ist, dass Aussagen wie „Gewalt im Namen einer Religion darf nicht gebilligt werden“ und „Der Islam gehört zu Deutschland“ auch verinnerlicht werden.

Und zweitens ...

... erhoffe ich mir, dass die kritisch-nachdenklichen Stimmen in der muslimischen Gemeinschaft noch deutlicher hörbar und sichtbar werden, dass sie von Muslimen und Nicht-Muslimen wahrgenommen werden und dass auch verängstige und verunsicherte Nicht-Muslime erkennen: Hier sind interessante, kluge Menschen, die den islamischen Glauben auf ihre Weise leben, die den Islam glaubwürdig vertreten können und die in dieser Gesellschaft ihren Platz und eine Stimme haben.

Das Gespräch führte Werner Menner.

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