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Die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta gilt als eine der Brutstätten für radikale Salafisten. Doch auch hier trauerten am Freitag viele Menschen mit den Opfern von Barcelona. Dieser junge Mann hat auf sein Schild geschrieben: „Sie sind keine Muslime, sie sind Terroristen“.

Nach den Anschlägen in Spanien

Interview: „Terror ist ein Angriff auf den Islam“

Woher kommt der islamische Terrorismus? Im Interview spricht der Vorsitzende der Religionsgemeinschaft Ahmadiyya Muslim Jamaat über die Ursachen und die Verantwortung der muslimischen Gemeinden.

München– Wertekonservativ und liberal: So beschreibt sich die Ahmadiyya Muslim Jamaat selbst. Die islamische Glaubensgemeinschaft versteht sich als Reformbewegung. Immer wieder sprechen sich die Mitglieder öffentlich gegen Extremismus und Terrorismus aus. Wir haben mit dem Vorsitzenden in Deutschland, Abdullah Uwe Wagishauser, über die Ursachen des Terrorismus und die Verantwortung der muslimischen Gemeinden gesprochen.

Herr Wagishauser, stimmt der häufige Vorwurf, dass sich Muslime nicht deutlich genug vom Terrorismus distanzieren?

Abdullah Uwe Wagishauser: Er stimmt nicht. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat und die meisten deutschen muslimischen Verbände distanzieren sich regelmäßig und deutlich. Wenn etwas im Namen des Islams passiert, betrifft uns das. Zu sagen: „Wir müssen uns nicht distanzieren, das hat mit dem Islam nichts zu tun“, finde ich falsch.

Hat die Politik das Recht, von den Muslimen immer wieder einzufordern, sich zu distanzieren?

Wagishauser: Ich glaube schon. Viele wissen nicht genug über den Islam und die Muslime. Deswegen muss man der Öffentlichkeit immer wieder klarmachen, dass es einen Unterschied zwischen der absoluten Mehrheit der Muslime und den Extremisten gibt. Man muss sich aber auch inhaltlich mit dem Terrorismus auseinandersetzen. Der Terrorismus kann nicht durch die islamische Lehre begründet werden. Der Koran stellt klar, dass es keinen Zwang im Glauben gibt. Wenn also Allah keinen Zwang ausübt, wie kann der Mensch das dann tun?

Irrlehren, die Gewalt propagieren

Sie sehen keinen Zusammenhang zwischen bestimmten islamischen Strömungen und dem Terror?

Wagishauser: Natürlich gibt es Irrlehren, die Gewalt propagieren. Für uns ist die Lehre des Islams eine absolut friedfertige. Nur Selbstverteidigung ist erlaubt. Wir müssen immer wieder gegen diejenigen argumentieren, die im Namen des Islams zu Gewalt aufrufen. In Deutschland gibt es keine Imame, die das öffentlich tun. Das ist in Belgien, Frankreich oder Großbritannien allerdings anders.

Was läuft in Deutschland anders?

Wagishauser: In Deutschland wird viel getan. Wir haben hier mittlerweile in jeder kleinen Stadt Initiativen, die sich für Dialog einsetzen und das trägt erste Früchte. Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin gab es nahezu keine feindseligen Reaktionen gegenüber Muslimen, weil die Muslime sich sofort distanziert haben und vor Ort klargemacht haben, dass das ein Angriff gegen den Islam ist.

Die Gemeinden kämpfen gegen Extremismus

Was tun muslimische Gemeinden im Kampf gegen den Extremismus?

Wagishauser: Es passiert viel in den Gemeinden, auch unter der Oberfläche. Die Muslime selbst haben ein großes Interesse daran, den Extremismus zu bekämpfen. Die Ahmadiyya organisieren immer wieder Kampagnen, wie die Flyeraktionen „Loyalität zum Staat“. Es geht darum, dass unsere Religion uns Gesetzestreue und Loyalität dem Staat gegenüber lehrt, unter dessen wohlbehütetem Dach wir leben. Auch die Islamkonferenz hat viel erreicht.

Finden Sie?

Wagishauser: Ja, und das wird leider viel zu selten positiv herausgestellt. Es wurde erreicht, dass alle größeren muslimischen Gruppierungen an einem Tisch sitzen und mit der Bundesregierung zusammenarbeiten, gegen Radikalisierung und in der Flüchtlingsarbeit. Es gibt definitiv eine Trendwende: Der Großteil der Muslime positioniert sich deutlich gegen Extremismus, auch in den Moscheen. Es wird darauf geachtet, dass keine radikalen Botschaften verbreitet werden. Aber es gibt auch Aufholbedarf. Viele Moscheevorstände wissen schlicht zu wenig über den Islam und können den Extremisten nur schwer inhaltlich Kontra bieten.

Was müssen die Staaten gegen Terrorismus tun?

Woher kommt Ihrer Meinung nach der islamistische Terrorismus?

Wagishauser: Radikalisierung gibt es in allen Ideologien. Auch das Christentum oder der Hinduismus wurden missbraucht. Das ist Teil der menschlichen Natur. Der Islam ist die jüngste Religion und durchläuft momentan eine Phase, in der es zu extremistischen Auswüchsen kommt. Aber das wird auch durch die politischen Gegebenheiten gefördert.

Was kann der Staat noch besser machen?

Wagishauser: Ich finde es fatal, dass die Politik immer wieder von uns fordert, sich vom Wahabismus und Salafismus zu distanzieren, selbst aber solche Regime unterstützt. Saudi-Arabien und Qatar vertreten extreme Ideologien und unterstützen dschihadistische Gruppierungen. Wenn man so halbherzig gegen den Islamismus vorgeht, wird man das Problem nicht bekämpfen können.

Alle aktuellen Nachrichten und Entwicklungen zu den Anschlägen in Spanien lesen Sie in unserem News-Ticker.  

Interview: Nabila Abdel Aziz

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