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Am katholischen Heilig Geist-Krankenhaus in Köln wurde im Januar ein Vergewaltigungsopfer abgewiesen. Aus Sorge, die Frau wolle ein Rezept für eine „Pille danach“. Der Image-Schaden für die Kirche war enorm. Dr. Manfred Lütz, Theologe und Psychiater sowie Leiter des katholischen Alexianer-Krankenhauses in Köln, kritisiert die Übermacht katholischer Institutionen. Sie könnten nicht mehr richtig katholisch sein

Zukunft kirchlicher Institutionen

Theologe: "Wir müssen mehr Caritas machen"

München - Ein Katholik kritisiert die Übermacht von kirchlichen Institutionen. Wir sprachen mit dem Theologen Manfred Lütz über sein neues Buch, das er zusammen mit Kurienkardinal Paul Josef Cordes geschrieben hat.

Die katholische Kirche ist einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Immer häufiger gibt es Streit ums Arbeitsrecht – etwa wenn es um die Entlassung von Mitarbeitern wegen Wiederverheiratung geht. Kirchenkritiker fordern eine Änderung der Tendenzklausel. Jetzt kritisiert ein Katholik die Übermacht von kirchlichen Institutionen. Wir sprachen mit dem Theologen und Bestseller-Autor Manfred Lütz über sein neues Buch „Benedikts Vermächtnis und Franziskus’ Auftrag: Entweltlichung – Eine Streitschrift“, das er zusammen mit Kurienkardinal Paul Josef Cordes geschrieben hat.

Sie halten katholische Krankenhäuser für einen Etikettenschwindel, weil es heute gar nicht mehr genügend überzeugte katholische Mitarbeiter für diese Einrichtungen gibt. Eine provokante These...

Ich halte nicht generell katholische Krankenhäuser für einen Etikettenschwindel. Aber ich glaube, dass die Proportionen heute einfach nicht mehr stimmen. Der Kölner Kardinal Meisner hat schon vor 25 Jahren gesagt, die Karosserie sei zu groß für den Motor. Wir haben im Erzbistum Köln 54 katholische Krankenhäuser und insgesamt 50.000 kirchliche Angestellte bei 215.000 sonntäglichen Kirchenbesuchern. Da stimmt die Proportion nicht mehr. Diese Krankenhäuser machen eine gute Arbeit, sie haben einen guten Ruf. Die Patienten wollen katholische Krankenhäuser, selbst Atheisten. Auch die Mitarbeiter arbeiten lieber in katholischen Häusern als bei irgendwelchen Gesundheits-Heuschrecken. . .

Dann müsste es sie doch auch weiter geben...

Was die Leute heute aber nicht mehr akzeptieren, ist, dass man über das Arbeitsrecht in den Privatbereich so vieler Mitarbeiter hineinleuchtet. Die Bischofskonferenz hat das ja schon Anfang der 90er Jahre zurückgefahren. Damals musste sogar eine wiederverheiratet geschiedene Putzfrau entlassen werden– da gab es Proteste. Seither gilt die strenge Regelung nur noch vor allem für leitende Mitarbeiter. Aber Sie finden ja heute auch nicht mehr genügend gute Chefärzte zu solchen Bedingungen. So rettet man sich, indem man zuweilen beide Augen zudrückt. Aber das geht auf Dauer nicht. Transparenz muss sein, das verlangen jetzt auch die Arbeitsgerichte, das fordert auch die Öffentlichkeit. Die Kirche kann nicht mehr über so viele Mitarbeiter so wie bisher Arbeitgebermacht ausüben.

Sie berufen sich auch auf den emeritierten Papst in Ihren Thesen.

Papst Benedikt XVI. hat 2011 in Freiburg eine spektakuläre Rede gehalten, in der er für Entweltlichung plädiert hat, nicht für Weltflucht, sondern im Gegenteil, er hat gesagt: Die Kirche muss mehr ausstrahlen in die Welt hinein, aber nicht durch Macht und machtvolle Institutionen, sondern durch Dienst und durch Spiritualität. Die deutsche Kirche hat damals kabarettreif reagiert nach dem Motto: „Der Papst hat das alles nicht so gemeint. Er redet immer weltkirchlich.“ Aber wenn ein deutscher Papst in Deutschland vor Deutschen auf Deutsch redet, meint er wahrscheinlich nicht Nicaragua...

Kirche könnte ja auch barmherziger mit ihren Mitarbeitern umgehen...

Es muss aber auch gerecht zugehen. Sie können nicht beim einen barmherzig sein und beim anderen das Recht durchziehen. Man braucht juristisch saubere Lösungen. Das Problem sind übrigens nicht die Bischöfe. Viele von denen stimmen meinen Thesen zu. Aber es gibt eine Funktionärsschicht, die natürlich auch Macht zu verlieren hat und auf Veränderungsvorschläge schon seit Jahren ziemlich ungemütlich reagiert. Doch jetzt nimmt Papst Franziskus mit liebenswürdiger Hartnäckigkeit die Thesen Benedikts auf: Er geißelt die Weltlichkeit der Kirche und fordert eine dienende, nicht eine mächtige Kirche. Daraus ergeben sich Konsequenzen. Mein Vorschlag: Man muss Regelungen schaffen, die den heutigen Realitäten standhalten. Die Gesellschaft ist entkirchlicht. Und deshalb sollte man die meisten etwa der 54 katholischen Krankenhäuser im Erzbistum Köln zu „Krankenhäusern aus katholischer Tradition“ machen.

Was soll das bringen?

Ehrlichkeit und Transparenz. Man beschreibt so eigentlich, was heute schon so ist. Da würde weiter nicht abgetrieben, es gäbe keine Euthanasie, es würden Obdachlose kostenlos verpflegt und auch Leute, die nicht versichert sind. Man würde nicht nur auf den Profit achten, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Aber: Es wäre insofern kein katholisches Krankenhaus mehr, als man bei den Mitarbeitern die Katholizität nicht mehr als Kriterium voraussetzt. So dass man auf das Religionsprivileg der Verfassung freiwillig verzichtet, die Gewerkschaft ins Haus holt, Streiks zulässt etc.

Und Sie glauben, da machen die Bischöfe mit? Sie geben ja ihre Instrumente aus der Hand, um Mitarbeiter strenger zu führen?

Es geht um Glaubwürdigkeit. Darum ging es Benedikt, darum geht es Franziskus und natürlich auch den Bischöfen. Keinem Bischof machen diese öffentlichen Konflikte Spaß, die dem Ruf der Kirche schwer schaden. Denken Sie bloß an den Fall der vergewaltigten Frau in Köln.

Sie sprechen also nicht einem Rückzug der Kirche aus der Welt das Wort?

Nein, das wäre ein Missverständnis. Im Gegenteil: Ich finde, wir müssten viel mehr Caritas machen. Das Buch erinnert daran, dass christliche Gemeinden nicht nur Gottesdienstgemeinden sein dürfen. Denn jeder getaufte Christ muss sich selbst für die Ärmsten der Armen einsetzen. Wir dürfen nicht sagen: Wir gehen sonntags in die Kirche, aber für die Caritas, da haben wir einen Verband.

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Der Münchner Kardinal Marx lehnt die Aufgabe katholischer Krankenhäuser strikt ab....

Wir sind da, glaube ich, gar nicht so weit auseinander. Auch er ist für Änderungen. Aber er setzt eher auf eine Reform des Sonderwegs der Kirche. Ich schlage eine differenzierende Lösung vor. In diesem Stil kann man gut diskutieren. Aber es gibt da einige Funktionäre, die schlagen wild um sich. Da habe ich den Eindruck, in ein Wespennest gestochen zu haben. Da geht es um Macht von Verbänden.

Interview: Claudia Möllers

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