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US-Botschafter John B. Emerson. 

Merkur-Interview

US-Botschafter: „Deutschland kann von uns lernen“

München - Die Weltmacht USA spielt auch bei der Lösung der Flüchtlingskrise eine Rolle. Zugleich gelten die Vereinigten Staaten als das Einwanderungsland Nummer 1. Ein Gespräch mit dem US-Botschafter John B. Emerson.

Herr Botschafter, Deutschland ächzt unter der Flüchtlingskrise. Wie nehmen die Amerikaner das war?

Vor allem die Rolle der Kanzlerin wird in der Regierung und in anderen Organisationen äußerst positiv bewertet. Es herrscht das Gefühl, dass Angela Merkel das Richtige tut. Aber wir Amerikaner wissen aus eigener Erfahrung, wie schwierig die Bewältigung eines solchen Zustroms ist.

Können die Europäer vom Einwanderungsland USA lernen?

Ich denke schon. Zwar haben auch wir derzeit unsere Integrationsdebatte. Aber wir haben es über Jahrhunderte geschafft, Menschen bei uns so aufzunehmen, dass sie ihre kulturelle Identität bewahren, aber trotzdem stolze Staatsbürger sind und sich so amerikanisch fühlen, dass sie jedes Jahr am 4. Juli den Unabhängigkeitstag feiern.

Was ist der Schlüssel?

Viele Faktoren. Als erstes natürlich Bildung: Kinder lernen eine neue Sprache extrem schnell. Die Erwachsenen werden sich hier ein „Arbeitsdeutsch“ aneignen, sodass sie im Beruf zurecht kommen. Der Rest ergibt sich dann schon. Mittelfristig hat es sich bei uns als äußerst hilfreich erwiesen, dass wir Immigranten einen Weg aufzeigen, wie sie eingebürgert werden können.

Was müssen die Deutschen tun?

Unsere Erfahrung zeigt, dass die Neuankömmlinge neue Aspekte ins öffentliche Leben mit einbringen. Darauf sollte man vorbereitet sein.

Das klingt alles sehr positiv.

Ja. Die wichtigste Lektion heißt: Geduld. Deutschland muss die Chancen sehen. Kein Mensch nimmt freiwillig Todesgefahr auf sich, um in einem fremden Land aus dem Nichts ganz neu anzufangen. Wer das auf sich nimmt, bringt in der Regel eine große Arbeitsmotivation mit. Das ist unsere Erfahrung. Für eine Region wie Bayern, wo auch Arbeitskräfte gesucht werden, ist das eine gute Nachricht.

Gerade die bayerische Staatsregierung ist sehr kritisch mit Angela Merkel.

Das ist auch verständlich, schließlich kommen die Flüchtlinge hier an. Aber nochmal: Der Erfolg kommt nicht über Nacht.

Die Flüchtlinge sind eine Herausforderung für ganz Europa . . .

. . . nein, für die ganze Welt. Das ist ein globales Problem, das eine globale Lösung braucht. Es geht ja nicht nicht nur um Syrien, den Irak oder Afghanistan, sondern um viele andere Länder. Und warten Sie erst auf die vielen Klimaflüchtlinge.

Gut, dann stellt sich aber die Frage: Warum nehmen die USA nicht mehr Flüchtlinge auf?

Wir haben bereits eine 40-prozentige Steigerung der durch das UNHCR weltweit registrierten Flüchtlinge angekündigt. Außerdem haben wir in den letzten zwei Jahren 70 Prozent aller UNHCR-Flüchtlinge aufgenommen. Es wird immer so sein, dass einzelne Regionen in bestimmten Krisen stärker gefordert sind als andere. Die USA haben immer wieder große Gruppen aufgenommen, denken Sie an die Bürgerkriege in Nicaragua oder El Salvador, die Drogenkriege in Lateinamerika oder zuletzt die unbegleiteten Minderjährigen aus Mexiko. Übrigens auch 65 Millionen Menschen, die sich heute Deutsch-Amerikaner nennen.

Und heute?

Heute nehmen wir zwar deutlich weniger Flüchtlinge aus Syrien auf als Deutschland, haben aber in den letzten Jahren 4,5 Milliarden Dollar an humanitärer Hilfe in der Region geleistet, um die Fluchtursachen vor Ort zu bekämpfen. Und höchste Priorität hat die Beendigung des Bürgerkriegs in Syrien

Werden die USA Bodentruppen schicken?

Dafür gibt es keine Anzeichen. Wir versuchen derzeit, mehr nachrichtendienstliche Informationen zu bekommen, um die Koalition aus 65 Nationen im Kampf gegen den IS zu stärken. Wir haben gelernt, dass die Besetzung eines Landes keine Lösung bringt. Die Leute am Boden müssen Einheimische sein.

Es gibt Berichte, dass es dafür russische Bodentruppen in Syrien gibt.

Ich habe das in der Zeitung gelesen, habe aber keine eigenen Informationen dazu. Wir müssen mit den Russen zusammenarbeiten: Erstens, um den Bürgerkrieg zu beenden. Zweitens, um ISIL, den sogenannten IS, zu besiegen. Und drittens, um einen politischen Prozess ohne Baschar Assad einzuleiten.

In den USA stehen Wahlen an. Ist Barack Obama noch stark genug für solch schwere Aufgaben?

Natürlich. Er muss keinen Wahlkampf führen, sondern wird seinen Job bis zum Mittag des 21. Januar 2017 machen, wenn der nächste Präsident vereidigt wird.

In Europa wachsen die Spannungen. Machen sich die USA Sorgen, das Projekt EU könnte scheitern?

Die EU ist einer der beeindruckendsten Erfolge die Weltgeschichte. Natürlich beeinflussen die derzeitigen Herausforderungen ein wenig das Wesen dieser Union. Aber ich mache mir keine Sorgen.

In den vergangenen Jahren hat die NSA zu Spannungen zwischen Europa und den USA geführt. Jetzt stellt sich heraus: Auch der BND hat befreundete Außenminister und das FBI bespitzelt. Verspüren Sie Genugtuung?

Nein. Ich antworte Ihnen jetzt genau das gleiche wie in den vergangenen Monaten: Lasst uns nicht danach schauen, was in der Vergangenheit passiert ist. Schauen wir auf die Gefahren, die wir abwehren müssen. Die wachsende Gefahr an Cyberattacken, der internationale Terrorismus, die Krisenländer Irak oder Syrien. Darauf müssen wir uns konzentrieren!

Sie werden sich also nicht bei der deutschen Regierung beschweren?

Ich würde sicherlich keinen Botschafter einbestellen (lacht).

Interview: bb, mik, cd

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