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Iran: Scharfe Munition gegen Demonstranten? Offizielle Todeszahl schnellt nach oben

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Von: Marcus Giebel

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Im Iran eskaliert die Gewalt zwischen Protestierenden und den Sicherheitskräften. Derweil erheben Menschenrechtsorganisationen schwere Vorwürfe.

München - Der Tod von Mahsa Amini treibt im Iran die Massen auf die Straßen. Sie stehen auf gegen die Unterdrückung vor allem der Frauen und für ihre Rechte. Nicht wenige bezahlen das mit dem Leben.

„Die Todesopfer bei den jüngsten Unruhen im Land ist auf 35 gestiegen“, berichteten iranische Staatsmedien bereits am Freitagabend. Zuvor waren von Seiten der Behörden 17 Opfer bestätigt worden. Die Menschenrechtsorganisation Iran Human Rights (IHR) rechnete schon zu diesem Zeitpunkt mit mehr als 50 Toten infolge der Eskalationen.

Tod von Mahsa Amini: Herzanfall wird als Grund angegeben - doch Vater widerspricht

Amini war am Freitag vergangener Woche unter noch nicht ganz geklärten Umständen ums Leben gekommen, nachdem sie von der Sittenpolizei festgenommen worden war. Grund war offenbar, dass sie das islamische Kopftuch nicht den strikten Vorschriften entsprechend getragen hatte.

Die 22-Jährige brach auf der Polizeiwache zusammen und starb drei Tage darauf im Krankenhaus. Ihr Tod soll die Folge eines Herzanfalls gewesen sein. Allerdings habe Amini Menschenrechtsaktivisten zufolge einen tödlichen Schlag auf den Kopf erlitten.

Mahsa Amini durch tödlichen Schlag gestorben? Innenminister dementiert Schädelbruch

Dies dementierte Innenminister Ahmad Wahidi. Der Politiker sagte der Nachrichtenagentur Irna: „Die medizinischen Untersuchungen und jene der Gerichtsmedizin zeigen, dass es weder Schläge (seitens der Polizei) noch einen Schädelbruch gegeben hat.“ Daher seien die Proteste auf der Basis falscher Interpretationen entstanden.

Aminis Vater allerdings widersprach dieser Darstellung und kritisierte den Bericht der Gerichtsmedizin vehement. Da seine Tochter keinerlei Herzprobleme gehabt habe, könnte sich nicht an Herzversagen gestorben sein.

Protestierende auf einer Straße
Feuriger Protest: Seit dem Tod von Mahsa Amini gehen in Iran Abend für Abend Demonstranten auf die Straße. © afp

Proteste im Iran: Auch am Samstag gibt es Todesopfer zu beklagen

Derweil bestätigten die Behörden am Samstag allein für diesen Tag 739 Festnahmen im Norden des Landes. Darunter seien 60 Frauen. Medien berichteten von weiteren Toten, doch über deren Zahl gab es keine gesicherte Erkenntnis.

Wahidi erklärte, dass sowohl unter den Demonstranten als auch unter den Sicherheitskräften weitere Todesopfer zu beklagen seien. Die Zahl werde jedoch erst nach Untersuchungen veröffentlicht. Es seien Menschen, die in „hochgesicherte Einrichtungen“ eindringen wollten, von Sicherheitsbeamten erschossen worden.

Gewalt im Iran: Geheimdienst soll Bombenanschläge vereitelt haben

Von Asisiollah Maleki, dem Polizeichef der Provinz Gilan, hieß es, „Krawallmacher“ seien für die Verletzungen von mehr als 100 Polizisten und Beschädigungen an öffentlichen Einrichtungen verantwortlich. Weiter sagte er Irna, es seien bei den Festnahmen zahlreiche Waffen, Munition und Sprengstoffe sichergestellt worden.

Die Nachrichtenagentur Mehr berichtete unterdessen, laut dem iranischen Geheimdienst seien in der Stadt Täbris im Nordwesten mehrere Bombenanschläge vereitelt und Tatverdächtige festgenommen worden. Die Verantwortung liege bei Monarchie-Anhängern und Mitgliedern der Volksmudschaheddin.

Ein Bild von Mahsa Amini auf dem Boden
Auslöser für die Proteste: Mahsa Amini starb aus noch nicht geklärten Umständen nach der Festnahme durch die Sittenpolizei. © dpa

Gewalt eskaliert im Iran: Schießen Sicherheitskräfte mit scharfer Munition auf Demonstranten?

Auf einem von der IHR in Oslo verbreiteten Video ist ein Uniformierter zu sehen, der im Stadtzentrum von Teheran auf Menschen feuert. Ein anderes Video soll Sicherheitskräfte auf einer Schnellstraße in der Hauptstadt zeigen.

Heftige Vorwürfe gegen die Staatsgewalt gibt es auch von Amnesty International. So hätten Sicherheitskräfte allein am Mittwochabend 19 Menschen erschossen, darunter mindestens drei Minderjährige. Es sei dokumentiert worden, dass die iranischen Sicherheitskräfte „vorsätzlich und rechtswidrig“ auf scharfe Munition gesetzt hätten, um die Protestierenden auseinanderzutreiben.

Iran und das Kopftuch: Strenge Kleidungsvorschriften seit Islamischer Revolution

Präsident Ebrahim Raisi wiederholte seine Warnung, dass gegen die Demonstranten hart durchgegriffen werde. „Vom Ausland bezahlte Söldner“ dürften nicht die Sicherheit des Landes gefährden.

Im Iran gelten seit der Islamischen Revolution 1979 strenge Kleidungsvorschriften. Allerdings befolgen gerade in den Metropolen viele Frauen diese Regeln nicht und tragen ihr Kopftuch etwa nur auf dem Hinterkopf. Dies erzürnt erzkonservative Politiker. Seit Monaten bemühen sich religiöse Hardliner darum, die islamische Gesetze strenger anwenden zu lassen. (mg, dpa)

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