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Der Mann, der nie lächelte: Ajatollah Ruhollah Chomeini (mit erhobener Hand) wird kurz nach seiner Rückkehr in Teheran als Befreier gefeiert. Aber das böse Erwachen lässt nicht lange auf sich warten. 

Iran

Sieg der Mullahs vor 40 Jahren: Die düsteren Folgen der Revolution

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Die USA halten den Iran für den Inbegriff des Bösen. Das hat viel mit der Islamischen Revolution zu tun, die sich heute zum 40. Mal jährt. Am Sieg der Mullahs hat die Welt bis heute zu knabbern.

München – Maryam Hosini trug nie ein Kopftuch und als die neuen Herrscher sie dazu zwingen wollten, ging sie auf die Straße. Tausende Frauen demonstrierten damals, Anfang 1979, gegen den Kopftuchzwang der Mullahs. Das Regime reagierte brutal. „Eine Mitschülerin von mir wurde neben mir erstochen“, sagt Hosini. Am nächsten Tag hing ihr blutverschmiertes Shirt in der Schule, als Mahnung.

Hosini war 16, als die Revolution den Iran überrollte. Der Schah floh, kurz darauf kehrte der greise Ajatollah Chomeini aus dem Pariser Exil zurück und baute die Monarchie zur islamischen Republik um. Anfangs gab er sich liberal, was die Hoffnung der Menschen auf Demokratie nährte. Aber bald ließ er die Maske fallen. Heute feiert Teheran den 40. Jahrestag der Revolution. Für Hosini, eine Frau Mitte 50, die im Raum München lebt und ihren echten Namen zur Sicherheit verschweigt, ein dunkler Tag.

Trump spricht von einem „bösartigen System“

Nicht nur für sie. Der Iran gilt vielen Staaten als Bedrohung, allen voran Israel und den USA. Als US-Präsident Donald Trump Mitte 2018 den Atom-Deal kündigte, sprach er von einem „bösartigen System“ und meinte vor allem das iranische Streben nach Vorherrschaft in der Region. Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. Sie hat viel mit der Revolution zu tun.

Mit der Entmachtung von Schah Mohammad Reza Pahlavi verloren die USA an Einfluss im Nahen Osten. Dass mit den neuen Machthabern nicht zu spaßen war, merkten Washington bei einer berüchtigten Geiselnahme, als Studenten die US-Botschaft in Teheran besetzten und 52 Diplomaten als Geiseln hielten – 444 Tage lang. „Das war ein Trauma für die Amerikaner“, sagt Iran-Experte Ali Fathollah-Nejad vom Brookings-Institut in Doha.

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Allerdings können auch die Iraner mit einem Trauma aufwarten: Es waren Amerikaner und Briten, die 25 Jahre zuvor den demokratisch gewählten Präsidenten Mohammed Mossadegh stürzten und den Schah als Diktator und willigen Handlanger aufbauten. Die Gleichung lautet: ohne den Putsch kein Schah – ohne Schah keine Mullahs.

Der Nahe Osten wurde aufgemischt

Es kam, wie es kam. Für Menschen wie Maryam Hosini, damals politisch links, gebildet und eher unreligiös, bedeutete die Revolution Unfreiheit – und Angst. Zehn ihrer Mitschülerinnen wurden als Regimegegner hingerichtet. Hosini selbst flüchtete nach München, als sie 24 war. In Teheran, sagt sie, habe sie keine Zukunft mehr gesehen. Auch für die Welt hatte 1979 Langzeitfolgen. Der Nahe Osten wurde aufgemischt, weil Iran plötzlich eine Außenpolitik unabhängig von den USA machte. Außerdem, sagt Fathollah-Nejad, habe „die Revolution den Islamismus als institutionalisiertes politisches Modell eingeführt“.

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Manche sehen eben jenen politischen Islam inzwischen wanken. Die Tochter von Ex-Präsident Akbar Haschemi Rafsandschani, Faeseh Haschemi, meinte kürzlich, die „islamische Ideologie als politische Basis“ sei „gescheitert“. Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA konterte, man sei ein „robuster Baum“ – quasi „unbesiegbar“.

Tatsächlich ist der schiitische Iran trotz zündender US-Sanktionen die bestimmende Macht in der Region – neben dem sunnitischen US-Verbündeten Saudi-Arabien. Die Spannungen zwischen beiden sind konstant hoch. Auch Israel fühlt sich akut vom Mullah-Staat bedroht, vor einem Jahr geisterten sogar Kriegsängste durchs Land. Ohne die Erzkonservativen in Teheran wäre das alles womöglich anders, zumindest weniger scharf. Auch der Atomstreit, sagt Fathollah-Nejad, ist nur ein Symptom der schlechten Beziehungen zwischen dem Iran und den USA.

So stabil das Regime über vier Jahrzehnte auch gewesen sein mag: Inzwischen gibt es Widerstand. Vor einem Jahr gingen Tausende Iraner tagelang auf die Straßen, um gegen die wirtschaftliche Misere zu demonstrieren. Die Erzählung von der guten Revolution und dem bösen Ausland, gerade bei den Jungen zieht sie nicht mehr. „Alle Fraktionen des Regimes wurden infrage gestellt“, sagt Fathollah-Nejad. Inzwischen sind die Proteste abgeebbt. Aber unter der Oberfläche brodelt es weiter.

Einmal im Jahr fliegt Maryam Hosini nach Teheran, zur Familie, zu Freunden. Dort trägt sie Kopftuch, weil sie muss. 2019 will sie aussetzen. Das wirtschaftliche Elend, das politische Klima, das ist ihr momentan zu viel. Ob sie noch an Veränderung glaubt? Das Regime, sagt sie, sei noch zu gut organisiert und Europa zu gutgläubig. Veränderung? Eher nicht. Auch nicht im 40. Jahr der Revolution.

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