Krise im Iran und Irak

Naher Osten: Ein Überblick über das größte Pulverfass der Welt

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Religiöse Konflikte, nationale Interessen und Stellvertreterkriege: Der Nahe Osten ist mehr denn je ein Pulverfass. Das Geflecht der Interessen jenseits der USA ist hochkompliziert.

  • Nach dem Angriff der USA im Iran schaut die Welt gebannt auf den Nahen Osten.
  • Die Gemengelage dort ist hochkompliziert. 
  • Wir versuchen, einen Überblick über die Situation imIran, Irak, Saudi-Arabien, den VAE, Jemen, Syrien, Libanon, Katar, Israel und Russland zu geben.

Iran

Seit im Januar 1979 die Herrschaft des Schahs durch einen schiitischen Aufstand beendet wurde, herrscht im Iran ein religiöses Regime. Ajatollah Ruhollah Chomeini gründete eine Revolutionsgarde (heute 125 000 Mann), die die Interessen der Machthaber nach innen, aber auch sehr offensiv im Ausland durchsetzen soll. In vielen Ländern hat Teheran seine Finger im Spiel. Es geht um Macht, aber noch mehr um Religion: Der Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, der bis in die Frühzeit des Islams zurückreicht, gilt als Schlüssel für viele Auseinandersetzungen in der Region. Meist ziehen der schiitische Iran auf der einen und das sunnitische Saudi-Arabien auf der anderen Seite die Fäden. Aktuelles Beispiel: der Stellvertreterkrieg im Jemen.

Die USA und Israel bleiben die Hauptfeinde des Iran, der seit Jahren nach der Atombombe strebt. Die Regierung von Barack Obama versuchte mit der EU, eine diplomatische Lösung zu finden. Doch Donald Trump hat das mühsam ausgehandelte Iran-Abkommen aufgekündigt. Nach dem Tod von General Soleimani ist es endgültig tot.

Saudi-Arabien

Die sunnitischen Saudis wähnen sich permanent vom iranischen Einfluss umzingelt. Seit Trump im Amt ist, bestärken sie ihn in seiner harten Haltung gegenüber Teheran. Das Rüstungsgeschäft boomt. Obama war der repressive Charakter des saudischen Königshauses stets suspekt, er hielt Riad auf Distanz. Trump beauftragte seinen Schwiegersohn Jared Kushner (38) damit, Kontakte zu knüpfen, rasch freundete sich dieser mit Mohammed bin Salman (34) an. Der junge Kronprinz will sein Land gesellschaftlich öffnen und die Wirtschaft breiter aufstellen – weg vom Öl. Zunächst als Reformer bejubelt, hat Salmans Ruf zuletzt gelitten, weil er Kritiker mit aller Härte verfolgt. Den Mord an Jamal Khashoggi wird er nicht mehr los. Obendrein gilt das Land seit Jahren als Brutstätte des weltweiten islamistischen Terrors, die meisten Attentäter des 11. September 2001 kamen aus Saudi-Arabien. Trotzdem befinden sich 3000 US-Soldaten im Land.

Vereinigte Arabische Emirate (VAE)

Auch die reichen Emirate werden von einem sunnitischen Königshaus regiert, das sich zumindest nach außen weltoffener gibt als der große Nachbar. Viele Deutsche machen hier Urlaub, im vergangenen Jahr war sogar Papst Franziskus zu Gast – der erste Besuch eine Katholiken-Oberhaupts auf der Arabischen Halbinsel überhaupt. Doch Kronprinz Mohammed bin Said gilt als enger Vertrauter von Mohammed bin Salman. Im Jemen kämpfen Emirate und Saudis Seite an Seite. Zuletzt reduzierten die Emirate ihre Präsenz im Jemen. An einer Eskalation mit dem Iran haben sie kein Interesse – die Angst vor Krieg auf eigenem Boden ist dem Urlaubsland zu groß. 5000 US-Soldaten sind in den Emiraten stationiert.

Jemen

Es war ein spektakulärer Schlag. Am 14. September 2019 zerstörten 19 Drohnen und Marschflugkörper die saudi-arabische Ölanlage von Abqaiq und Khurais gleich am Persischen Golf. Die weltweite Ölversorgung ging auf der Stelle um fünf Prozent zurück. Die jemenitischen Huthi-Rebellen bekannten sich zum Anschlag, doch schnell zeigte sich: Die Groß-Attacke war zu komplex für die schiitischen Rebellen. Die Spur führte in den Iran – zu General Soleimani.

Der Jemen ist – im Gegensatz zu seinen Nachbarn – eines der ärmsten Länder der Welt, ein „failed state“, ein gefallener Staat. Iranische „Militärberater“ unterstützen die Huthis, die 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung stellen, im blutigen Bürgerkrieg gegen den sunnitischen Präsidenten Hadi. Seit 2015 bombardiert ein Bündnis unter saudischer Führung Huthi-Stellungen. Von 100 000 Opfern ist die Rede.

Irak

Seit dem Sturz Saddam Husseins kommt der Irak nicht auf die Beine. Zunächst übernahm – mithilfe aus Teheran – die schiitische Mehrheit die Macht. Ihr hartes Vorgehen gegen die sunnitische Minderheit beförderte dann aber den Aufstieg des sunnitischen Islamischen Staates. Der gilt inzwischen als niedergeschlagen, stellt aber weiter eine Gefahr dar.

Der Schlag gegen General Soleimani nahe dem Flughafen von Bagdad ändert nun vieles: Bis dato sind 5000 US-Soldaten im Land stationiert. 120 Bundeswehr-Soldaten wurden gestern nach Jordanien verlegt. Aus Angst vor zu viel schiitischer Macht stemmen sich Sunniten und Kurden gegen einen US-Abzug. Zumal der Einfluss des Irans im Nachbarland bereits heute enorm ist: Schiitische Milizen wie die Hisbollah-Brigaden, die im Kampf gegen den IS eine führende Rolle spielten und mit den USA sogar eine Zweckallianz eingingen, verfügen über große Macht. Ihr Kommandeur Abu Mahdi al-Muhandis starb gemeinsam mit General Ghassem Soleimani in Bagdad. Offenbar unternahmen die Hisbollah-Brigaden zuletzt mehrfach Attacken auf US-Truppen im Land, was schließlich zur jetzigen Eskalation führte.

Die irakische Regierung dagegen gilt als schwach, der milliardenteure Wiederaufbau kommt kaum voran, zuletzt kam es wiederholt zu Demonstrationen, die blutig niedergeschlagen wurden.

Syrien

Auch hier ist die Lage mehr als kompliziert. Baschar al-Assad gehört der religiösen Minderheit der Alawiten an, wurde lange vom sunnitischen Saudi-Arabien unterstützt. Mit dem Aufstieg des IS und dem Engagement der USA im Bürgerkriegsland verschoben sich die Fronten. Russland und der Iran verbündeten sich, um Assad zu stützen. Die USA halfen den Kurden im Norden. Und alle gemeinsam bekämpften den IS. Noch immer sind alle Akteure vor Ort, auch wenn die USA ihre Truppen deutlich reduziert haben. Dafür ist im Norden das Nato-Mitglied Türkei einmarschiert. Und auch Israel wird an seiner Grenze zum Bürgerkriegsland immer wieder gegen iranische Einheiten oder Verbündete aktiv.

Libanon

Der Libanon gilt heute als Verbündeter des Irans. Anfang der 1980er-Jahre schickte Teheran die Revolutionsgarden in den libanesischen Bürgerkrieg, die dort die Gründung der Hisbollah vorantrieben. Heute fungiert die Hisbollah sowohl als islamistisch-schiitische Partei wie auch als Miliz beziehungsweise Terrororganisation. Im Laufe der Jahre wuchs offenbar auch eine enge Verbindung zu Soleimani. Hisbollah-Mitglieder kämpfen in Syrien an der Seite des Regimes. Nach Informationen des israelischen Militärs verfügt die Schiitenorganisation über 130 000 Raketen, die Ziele in ganz Israel angreifen könnten. Zuletzt kam es 2006 zu einem Waffengang.

Katar

Dem schwerreichen Emirat, in dem 2022 die Fußball-WM stattfindet, gelang lange ein Kunststück: Der Wüstenstaat Katar hatte ein gutes Verhältnis zu Saudi-Arabien, den USA – und zum Iran. Doch seit dem Arabischen Frühling ist vieles anders. Al-Jazeera hat seinen Sitz in dem Land. Kritiker werfen dem TV-Sender vor, Islamisten zu viel Sendezeit zu bieten. Saudi-Arabien und seine Verbündeten verlangen, dass Katar den Kanal schließt, keine terroristischen Gruppen mehr unterstützt – und seine Beziehungen zum Iran beendet. Saudi-Arabien, Bahrain, die Emirate und Ägypten verhängten 2017 eine Blockade über Katar, wiesen Diplomaten aus und froren Geschäfte ein. Das Land, das halb so groß wie Hessen ist, will seinen Ruf mit Sportgroßereignissen aufpolieren und Touristen anlocken. Eine Eskalation der Lage in der Region würde Katar massiv schaden. Es gibt bereits erste Negativmeldungen. Das Fußball-Nationalteam der USA hat sein Trainingslager in Katars Hauptstadt abgesagt – im Gegensatz zum FC Bayern.

Israel

Die Tötung Soleimanis führte zu Freudenfesten in Israel. Regierungschef Benjamin Netanjahu lobte Trump für dessen „entschlossenes, starkes und schnelles Vorgehen“ gegen Israels Erzfeind. Soleimani war es, der den iranischen Einfluss über befreundete Milizen bis an Israels Grenzen ausdehnte. Der Iran hat immer wieder die Auslöschung des jüdischen Staates gefordert – und neben der libanesisches Hisbollah auch die radikalislamische Hamas unterstützt. Für Israel ist eine Eskalation der Lage zweischneidig: Das Land ist eine logische Zielscheibe für eine Racheaktion des Mullah-Regimes. Auch Hamas-Anführer Ismail Hanija nahm an der Trauerzeremonie für Soleimani in Teheran teil. Er gelobte, dass palästinensische Extremistengruppen Soleimanis Weg weitergehen würden, „um dem zionistischen Projekt und dem amerikanischen Einfluss entgegenzutreten“. Israel ist aus Sorge vor Rache-Angriffen in erhöhter Alarmbereitschaft, das Skigebiet Hermon auf den Golanhöhen an der Grenze zu Syrien wurde geschlossen. Andererseits gibt es die langersehnte Hoffnung, dass eine militärische US-Intervention für einen Regimewechsel im Iran sorgen könnte.

Russland

Der Iran ist ein natürlicher Verbündeter Russlands im Nahen Osten, um den Einfluss Amerikas zurückzudrängen. Die USA sind ihrerseits eng mit Saudi-Arabien und den Emiraten verbunden. Wladimir Putin setzt auf Waffen-, Maschinen- und Lebensmittelexporte in den Iran, aber er hat kein Interesse an einer neuen dominanten Atommacht, die das Kräfteverhältnis im Nahen Osten durcheinanderwirbelt – deswegen will Moskau das Atomabkommen retten. Russland geht es um die Eindämmung des Konflikts, es ist kaum denkbar, dass die Großmacht im Kriegsfall militärisch eingreift und sich gegen die USA an die Seite des Irans schlägt.

Mike Schier und Stefan Sessler

Nach der Eskalation zwischen USA und Iran ist die Welt in Sorge - wie geht es nun weiter? Unter anderem vor Krieg und Terror wird gewarnt.

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