Droht ein Krieg? Ist Europa in Gefahr? So könnte es im Iran-Konflikt weitergehen
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Donald Trump im Clinch mit dem Iran - droht ein Krieg?

Iran-Konflikt

Droht Trump ein Krieg? Ist Deutschland in Gefahr? Iran und die möglichen Folgen

  • Florian Naumann
    vonFlorian Naumann
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Nach der Eskalation zwischen USA und Iran ist die Welt in Sorge - wie geht es nun weiter? Unter anderem vor Krieg und Terror wird gewarnt.

München - Das weltpolitische Jahr 2020 begann mit einem mittelschweren Schock. Keine drei Tage waren die 20er-Jahre alt, als die USA den iranischen General Ghassem Soleimani per Luftschlag in Bagdad töteten. Sollte es überhaupt Hoffnungen auf ein baldiges Ende des Konflikts zwischen Vereinigten Staaten und Iran gegeben haben: Spätestens jetzt waren sie passé.

Experten waren in dieser Hinsicht ohnehin pessimistisch. Neu ist jedoch die Sorge vor einer Eskalation, womöglich sogar einem echten Krieg zwischen Donald Trumps USA und dem Iran von Ajatollah Ali Chamenei und Präsident Hassan Rohani - und dass sie auch Thema in der Bevölkerung wurde. Durch einzelne Medien geisterte auch schon die Warnung vor einem Nato-„Bündnisfall“, also einer Verwicklung Deutschlands in eine militärische Auseinandersetzung.

Wie es im Iran-Konflikt weitergehen wird, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Mehrere Szenarien scheinen realistisch. Vorab: Ein handfester Krieg ist bei weitem nicht das wahrscheinlichste.

Trump mitten im Iran-Konflikt: Was gegen einen offenen Krieg spricht

Vereinigte Staaten gegen Iran in einer direkten kriegerischen Auseinandersetzung - daran haben vermutlich weder die US-Streitkräfte, noch der Iran ein Interesse. 

Der Iran sei „viel zu stark, zu gerüstet und kampferfahren“ für die USA, sagte der Politikwissenschaftler Thomas Jäger dem Portal watson.de. Die Kampfkraft des Landes übersteige die des Irak bei weitem. Schon der Einsatz dort verlief für die USA traumatisch. Ebenso habe aber auch der wirtschaftlich ohnehin geschwächte Iran keine Chance auf einen militärischen Erfolg.

Hinzu dürften zumindest in Donald Trumps Fall innenpolitische Erwägungen kommen. Der US-Präsident hatte bei seinem Amtsantritt 2016 versprochen, die USA würden die Rolle als „Weltpolizist“ aufgeben und sich auf ihre eigenen Interessen konzentrieren. 

Dass das Eigeninteresse der Vereinigten Staaten auch frühere außenpolitische Strategien bestimmte, darf getrost angenommen werden - Trump hatte aber mit seinem Versprechen einige wichtige Wählergruppen im Blick. Nicht zuletzt Mitglieder und Angehörige der US-Streitkräfte, die die aufreibenden, teils lebensgefährlichen Einsätze satthaben. Die Demokraten nahmen dann im Wahlkampf auch prompt diesen Punkt ins Visier. Auch der für Trump so wichtigen Prosperität der US-Wirtschaft könnte ein Krieg schaden.

Rationale Gründe für eine direkte Konfrontation gibt es insofern kaum. Die einzige Gefahr wäre eine impulsive Reaktion einer der beiden Seiten. Das Vertrauen in Donald Trump ist in dieser Hinsicht nach wie vor überschaubar; dass Trump seine eigenen Ziele mit einer Attacke durchkreuzt, scheint aber unwahrscheinlich. Auch die iranische Regierung versucht zwar auch nach Soleimanis Tötung mit hartem Kurs gegen die USA innenpolitisch zu punkten - ein offener Krieg im eigenen Land birgt aber auch innenpolitisch viele Risiken, würde er doch die Lage der iranischen Bevölkerung weiter verschlechtern.

Konflikt zwischen Iran und USA: Irak oder Straße von Hormuz als Kampfschauplatz? 

Durchaus wahrscheinlich ist jedoch, dass der Iran stattdessen den Konflikt im Nachbarland Irak weiter eskalieren lässt. Hier verfügt Teheran über besonders viele treue schiitische Milizen, die auch politisch großen Einfluss besitzen. Ein bemerkenswertes Hin und Her gab es bereits über die Frage, ob die USA einer Forderung des Irak nachkommen und ihre Truppen abziehen - Donald Trumps Antwort lautete Nein.

Nach dem Tod des einflussreichen Suleimani sieht sich der Iran nun jedenfalls zu Vergeltung gezwungen. Der frühere BND-Chef August Hanning nannten in einem Interview mit dem Tagesspiegel zwei Möglichkeiten, wie das Land dies tun könnte, ohne größere Verheerungen fürchten zu müssen: „Gesichtswahrende, begrenzte Vergeltungsmaßnahmen“ könnten die USA tolerieren, meinte er. Auch ein „begrenzter Vergeltungsschlag des Iran gegen US-Verbündete in der Region oder erneut gegen den Schiffsverkehr in der für den Ölhandel wichtigen Straße von Hormuz“ könne mit einer „symbolischen“ Reaktion Trumps enden.

Zwischen den in der Krisenregion Syrien und Irak engagierten Mächten, USA, Iran, Russland und Türkei, habe es bislang „offenkundig informelle oder zumindest stillschweigende Vereinbarungen, gegenseitige militärische Auseinandersetzungen zu vermeiden“ gegeben, sagte Hanning weiter. Der Iran habe mit dem Sturm auf die US-Botschaft im Irak die Lage falsch eingeschätzt. Als wahrscheinlicher erachtete er aber, dass Teheran nun die Eskalationsstufe wieder zurückfährt.

Iran und USA im Konflikt: Droht ein Angriff auf Israel?

Israel ist einer der engsten und wichtigsten Verbündeten der USA in der Region - nicht zuletzt rührt der Streit um das iranische Atomprogramm auch von der Sorge um eine akute Bedrohung für Israel. Theoretisch könnten dem Iran verbundene Kräfte auch jetzt Israel gefährlich werden: Die Hisbollah-Milizen im Libanon wären zu Raketenangriffen in der Lage. Israels Streitkräfte wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Aktuell scheint ein Angriff aber eher unwahrscheinlich. Israels Präsident Benjamin Netanjahu betonte nach der Attacke auf Soleimani, Israel sei nicht beteiligt gewesen und wolle sich auch nicht einmischen. Die Hisbollah wiederum ist nach Ansicht Hannings aktuell in Syrien, dem Irak und Jemen gebunden und nicht an einer Auseinandersetzung mit Israel interessiert. Ein direkter Angriff Iran auf Israel hingegen würde die maximale Eskalationsstufe bedeuten - und dem Regime unmittelbar gleich zwei überstarke Gegner bescheren.

Iran und USA in der Eskalation: Was bedeutet der Konflikt für Europa?

„Die europäischen Gesellschaften könnten jetzt ein mögliches Ziel für den Iran sein“, warnte Außenpolitik-Experte Jäger im Gespräch mit watson - ein Ziel könne es sein, einen Keil zwischen USA und EU zu treiben. Es könne der Eindruck provoziert werden, das Bündnis mit den USA sei von Nachteil für Europa.

„Die deutschen Sicherheitsbehörden wissen, dass der Iran unter Nutzung von ihm gesteuerter Organisationen über das Potenzial verfügt, auch in Deutschland terroristische Anschläge auszuführen“, sagte auch Hanning im Tagesspiegel. Potenzielle Ziele von Terrorattacken seien gar schon von Mitgliedern der Al-Quds-Brigaden ausgespäht worden. Wirklich eklatant werde diese Gefahr aber wohl nur im Falle einer handfesten militärischen Eskalation zwischen USA und Iran.

Sehr greifbar werden in jedem Fall außenpolitische Defizite der EU. Die Europäische Union hatte das Atomabkommen mitvermittelt - auf den Bruch und die folgende Eskalation regiert der Staatenbund jedoch weitgehend hilflos, wie unter anderem der Münchner Merkur in einem Kommentar rügte. Besserung scheint nicht in Sicht - trotz zahlreicher anderslautender Bekenntnisse.

Iran gegen USA: Ist ein Frieden in naher Zukunft denkbar?

Die Antwort fällt vorerst wohl zweigeteilt aus: Frieden im Sinne der Abwesenheit einer offenen militärischen Eskalation bleibt weiter in Reichweite - die USA wollen sich eigentlich aus der Region zurückziehen, ihrer aktuell riskanten Strategie zum Trotz. Und der Iran dürfte wenig Interesse haben, die Vereinigten Staaten in seiner Einflusssphäre präsent zu binden.

Der tieferliegende Konflikt zwischen den Ländern scheint aber vorerst nahezu unlösbar: Bereits seit der islamischen Revolution im Land 1979 existiert eine Feindschaft. Die Ankündigung des Iran, das Atomprogramm weiterzuführen, können die Vereinigten Staaten eigentlich nicht tolerieren - wie auch Donald Trump in einem Tweet überdeutlich klarstellte. Zumindest in Form kleinerer Scharmützel und von Wirtschaftssanktionen dürfte der Streit weiter schwelen. Wie eine Einigung aussehen könnte - es steht in den Sternen.

Auch interessant: Interview mit einem Iran-Experten - „Wir Europäer haben eine historische Chance verpasst“

fn

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