+
Umplakatieren in letzter Minute, kämpfen um die letzten Unentschlossenen: Die Parteien investieren heuer mehr denn je in die Wahlkampf-Schlussphase.

Wahlkampf-Finale in Bayern

Ein irrer Endspurt von 72 Stunden

  • schließen

München - Der Wahlkampf in Bayern gipfelt in 72 wilden Stunden. Auf den letzten Drücker kämpfen die Parteien um unentschlossene Wähler. Tag und Nacht arbeiten die Helfer durch. Nur eine Partei geht das Finale gelassen an.

Die große Wahrheit klebt ausgerechnet auf einem kleinen Kondom. „Im September kommt der Höhepunkt“, hat die SPD getextet, und die Botschaft ist nach wie vor gültig. Der Höhepunkt des Wahlkampfs kommt erst noch: Drei Tage liegen vor den Parteien, in denen sie noch mal alles geben wollen. In den letzten 72 Stunden vor Sonntag, 18 Uhr, soll Bayern ein Wahlkampf-Finale bisher ungeahnten Ausmaßes erleben.

Ergebnisse der Landtagswahl Bayern 2013 finden Sie ab Sonntagabend hier - ebenso ab jetzt die Ergebnisse von 2008!

Um die Kiste mit den tausend Werbe-Kondomen, sie steht ganz hinten links in der mehrstöckigen SPD-Wahlkampfzentrale, wuselt es deshalb. Freiwillige bauen eine Art TV-Studio auf, aus dem die SPD 72 Stunden live ins Internet sendet. Mitarbeiter verschicken 100 000 Türhänger („Genau jetzt! Christian Ude“) an Wahlkämpfer im ganzen Freistaat. Die hausinterne Druckerei röhrt, noch in der Wahlnacht werden bayernweit neue Steinbrück-Plakate geklebt. Unten am Eingang sind gerade zigtausend Ude-Fahnen angeliefert worden. Mittendrin steht Generalsekretärin Natascha Kohnen und gibt die Devise aus: „Keiner gibt auf! Bis zum Schluss!“ Die Partei, sagt Kohnen fröhlich, sei „tierisch aktiv“.

CSU und SPD: Wahlkampf-Abschluss in München

CSU und SPD: Wahlkampf-Abschluss in München

Früher galt die Devise, man müsse ein paar Wochen wild Wahlkampf machen, bis sich der Wähler entschlossen habe. In den Tagen vor Sonntag wurde es dann ruhiger. Jetzt aber entscheiden sich die Wähler immer später. In der vergangenen Woche meldeten zwei Umfrage-Institute Zahlen zwischen 19 und 46 Prozent Unentschlossenen. Gleichzeitig ist die Zahl der Briefwähler auf Rekordhöhe – sie sind sich meist ihrer Sache sicher und gehören oft zu den verbliebenen Stammwählern. Ihre Kreuzchen sind längst gesetzt. Übrig bleiben deshalb prozentual noch mehr Unentschiedene. Für die Parteien heißt das, sie dürfen sich ja nicht vor Sonntagabend zurücklehnen.

Alle Informationen zur Landtagswahl finden Sie hier!

Derzeit führt nach dem ZDF-Politbarometer (6. September) die CSU mit 48 Prozent vor SPD (20), Grünen (10), Freien Wählern (8) und FDP (4). Wenn aber auch nur ein Fünftel der neun Millionen Bayern-Wähler bisher unentschlossen war und ganz anders wählt als in der Umfrage, können sie das Ergebnis auf den Kopf stellen.

Landtagswahl: Die Wahlprogramme der Parteien im Vergleich

Landtagswahl: Die Wahlprogramme der Parteien im Vergleich

Gerade die SPD kämpft, weil sie seit den TV-Duellen einen Trend nach oben spürt. Jusos ziehen spätabends werbend durch Kneipen. Helfer sollen in der Zentrale selbst die Nacht durch das Telefon hüten, die Internetseite aktualisieren, twittern. Am Wahlwochenende gab es schon 2008 mehr Zugriffe als im ganzen Jahr zuvor. Sie sollen auch auf Online-Seiten der Medien aktiv mitmischen, um das Meinungsklima zu beeinflussen. „Bis zur letzten Minute“, sagt der technische Wahlkampfleiter Rainer Glaab inmitten der Kisten voll Flaschenöffnern („Das Bier entscheidet“) und Ude-Schals. Er sagt: „Mehr kann man nicht machen.“

Hier geht's zum Wahl-O-Mat

Bei Bayerns Grünen läuft seit gestern Abend eine ähnliche Aktion, sie heißt „Drei-Tage-wach“. Wer mag, kann um vier Uhr früh Fachfragen zum Einspeisegesetz stellen und die Beantwortung live im Internet verfolgen. Über 6000 Fragen erwarten die Wahlkämpfer, ein Vergleichswert aus anderen Bundesländern. Die Klingel-Kampagne wird verschärft, geplant sind mindestens 10 000 Hausbesuche in den letzten drei Tagen. Die Jungen Liberalen schlugen sich derweil gestern die Nacht um die Ohren, um die Mauern des Landtags mit einem hämischen Spruch über die CSU-Affären anzustrahlen.

Porträt: So tickt Horst Seehofer

Porträt: So tickt Horst Seehofer

Nur eine Partei schließt sich der Hektik nicht an: Die CSU-Strategen raten angesichts des Umfragehochs: Ruhe bewahren, Fehler vermeiden. „Wir waren überall, in jedem Winkel Bayerns, mit tausenden Besuchern“, bilanziert einer aus der Parteizentrale: „Wir haben alles getan, was man tun kann.“ Gleich zwei Großkundgebungen gestern in Nürnberg und München schlossen die heiße Phase ab; Horst Seehofer startete am Abend vor 800 Anhängern in der Kleinen Olympiahalle schon zufrieden ins große Danksagen an alle Unterstützer. Nun läuft eine „dezentrale Phase“ mit Infoständen vor Ort, begleitet von Zeitungsanzeigen und wenigen TV-Interviews von Seehofer. Mehr nicht.

Porträt: So tickt Christian Ude

Porträt: So tickt Christian Ude

Gut möglich, dass die CSU in der Woche zwischen den Wahlen den Ton hochdreht, etwa bei steigenden Werten für die AfD. Entschieden wird das aber kurzfristig. Der Eindruck, Seehofer würde nun per Hubschrauber von einer Großkundgebung zur nächsten eilen, täuscht. Nächster wichtiger Termin mit großem Medienecho: Sonntag, 9 Uhr, Feuerwehrhaus Gerolfing – Familie Seehofer geht wählen.

Christian Deutschländer

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Nordkorea droht mit Abschuss von Jets - USA dementierten „Kriegserklärung“
Der Konflikt zwischen den USA und Nordkorea eskaliert weiter. Die Führung in Pjöngjang sieht eine „Kriegserklärung“ - und droht damit, US-Kampfjets abzuschießen.
Nordkorea droht mit Abschuss von Jets - USA dementierten „Kriegserklärung“
Nordkorea wertet Trump-Worte als "Kriegserklärung"
Zuletzt wurde der Krieg der Worte zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un immer schärfer. Inzwischen erkennt Nordkoreas …
Nordkorea wertet Trump-Worte als "Kriegserklärung"
Kommentar zur Spaltung der AfD: Ohne Schadenfreude
Einen Tag nach der Wahl kündigt sich schon die Spaltung der AfD an. Ein Grund zur Schadenfreude ist das beileibe nicht. Ein Kommentar von Christian Deutschländer.
Kommentar zur Spaltung der AfD: Ohne Schadenfreude
Jamaika: Eine Reise ins Ungewisse
Die SPD will nicht, also muss sich Angela Merkel neue Koalitionspartner suchen. Warum Jamaika aber keinem der Beteiligten so wirklich gefallen will:
Jamaika: Eine Reise ins Ungewisse

Kommentare