Ein Jahr nach der Spitzel-Affäre - Was von Pauli übrig blieb

München - Heute vor einem Jahr kam die Pauli-Affäre ins Rollen: Am 18. Dezember 2006 beschuldigte die Fürther Landrätin Gabriele Pauli Edmund Stoiber im CSU-Vorstand, er habe sie bespitzeln lassen. Seine Antwort: "So wichtig sind Sie nicht." Ein schwerer Irrtum. Mit Pauli begann das Ende der Ära Stoiber. Wir haben zusammengefasst, was aus den Protagonisten der Affäre wurde.

Gabriele Pauli

Die Landrätin hat eine der steilsten Medienkarrieren der Bundesrepublik hingelegt ­ dann folgte der Absturz. Pauli tingelte durch Talkshows, ließ sich in Latex-Handschuhen ablichten oder nackt in die bayerische Fahne gehüllt. Ihre Forderung, die Ehe auf sieben Jahre zu befristen, löste europaweit Wirbel aus. Den größten Auftritt hatte sie beim Parteitag Ende September, wo ihr ein Pulk von Kameras bis auf die Toilette folgte. Bei der Wahl zur CSU-Vorsitzenden erhielt sie nur 24 Stimmen. Seitdem ist es ruhig geworden: Die Nachricht vom Austritt aus der CSU verkaufte sie noch für Geld an ein Hochglanzmagazin. Doch als sie sich jetzt den Freien Wählern als Spitzenkandidatin andiente, erhielt sie eine Abfuhr. Nun überlegt Pauli, die im März als Landrätin abtritt, eine eigene Partei zu gründen. Richtig ernst nimmt sie in der bayerischen Politik aber niemand mehr.

Edmund Stoiber

Er hat alles verloren: Regierungsamt, Parteiamt, Spitzenkandidatur. Einen Monat nach der Vorstandssitzung kündigte er seinen Rückzug an. Jetzt ist er Ministerpräsident a.D. mit einem Büro in der Münchner Wagmüllerstraße und Ehrenvorsitzender der CSU (gestern erhielt er die Urkunde). Er hat einen diffizilen Nebenjob als Bürokratie-Bekämpfer für die EU. "Ihr werdet von mir keine Bitternis erleben", sagte er mal in kleiner Runde. Ganz hat das nicht geklappt, aber im Großen und Ganzen vermittelt er das Bild eines Regenten im Ruhestand, der sich mit dem Loslassen irgendwie arrangiert hat.

Michael Höhenberger

Er war der Stoiber-Vertraute, der sich in einem Telefonat über Paulis Privatleben informierte. Für ihn folgte ein jäher Sturz: Den Posten als Stoibers Büroleiter räumte er nach einer abendlichen Krisensitzung, auch als einer der Chefplaner in der Staatskanzlei trat er nicht mehr nach außen in Erscheinung. Es folgte eine disziplinarrechtliche Untersuchung des Vorgangs ­ und die Wende für Höhenberger. Der Ministerialdirigent wurde voll rehabilitiert, weil ihm dienstrechtlich kein Vorwurf gemacht werden kann. Bei der Umstrukturierung der Staatskanzlei durch Beckstein wurde Höhenberger jüngst Leiter einer zentralen Abteilung, die den Planungsstab einschließt. Er ist wieder einer der wichtigsten Beamten.

Horst Müller

Der Wirtschaftsreferent der Stadt Fürth war Höhenbergers Gesprächspartner bei dem ominösen Telefonat, geriet dadurch bundesweit in die Schlagzeilen und wurde Top-Thema der Tagesschau. "Es war krass", sagt er heute über die mediale Aufregung, "und nie beabsichtigt." Dutzende Talkshow-Einladungen schlug er aus. Müller blieb Wirtschaftsreferent und berufsmäßiger Stadtrat, er steht erst 2010 zur Wiederwahl. Zu Pauli habe er wenig Kontakt, sagt er, zu Höhenberger gar keinen mehr.

Roland Fleck/ Kl. Gsell

Die beiden Nürnberger CSU-Politiker Roland Fleck (Wirtschaftsreferent) und Klemens Gsell (3. Bürgermeister) stellten sich beide früh hinter Paulis Kritik und damit gegen Stoiber. "Mir hat das in meinem politischen Leben am Ende genutzt", sagt Fleck ehrlich. Seine Linie, Stoibers Rückzug zu fordern, setzte sich durch. Fleck wurde im Sommer als Wirtschaftsreferent der Stadt für sechs Jahre wiedergewählt. Auch Klemens Gsell wurde durch die Pauli-Affäre bekannter. Er ist nun, wenngleich nicht aussichtsreich, sogar OB-Kandidat der CSU.

Günther Beckstein

Heute gibt Günther Beckstein den bayerischen Landesvater. Im Dezember 2006 aber war er als Nürnberger Bezirksvorsitzender der CSU damit beauftragt, seine prominente Kommunalpolitikerin zur Mäßigung aufzurufen. Am 22. Dezember trafen sich Beckstein und Pauli für zwei Stunden in der Nürnberger Bezirksgeschäftsstelle. Beckstein redete Pauli ins Gewissen ­ ohne Erfolg. Pauli hatte eigens eine Pressekonferenz einberufen, um mitzuteilen: keine Annäherung. Beckstein war nach dem Gespräch sichtlich frustriert. Umso größer waren in der CSU die Irritationen, als Beckstein wenige Wochen später beim Fasching in Veitshöchheim mit Pauli für die Kameras posierte. Geschmacklos, hieß es. Ein öffentliches Wiedersehen folgte beim Parteitag im September 2007. "Wir haben eine gemeinsame Geschichte", rief Pauli dem schaudernden Beckstein zu. Der hatte seit Januar eine steile Karriere hingelegt und war zu diesem Zeitpunkt schon designierter Ministerpräsident. Nach dem Parteitag gab es ein klärendes Gespräch unter vier Augen.

Markus Söder

Edmund Stoiber schickte seinen General in die Schlacht, doch das Unternehmen "Stoppt Pauli" scheiterte. Überliefert sind ein paar schöne Bonmots ("Pauli entwickelt sich zur Tatjana Gsell der CSU"), die allerdings die Stimmung nicht zugunsten Stoibers wenden konnten. Bayern-Manager und CSU-Fan Uli Hoeneß griff Söder bei "Sabine Christiansen" an. "Wo waren Sie denn in den letzten 14 Tagen?", fragte er Söder höhnisch. Der reagierte entrüstet ("Jetzt ärgert's mich, jetzt ärgert's mich"). Der neue Ministerpräsident Beckstein erwies sich ebenfalls nicht als Söder-Fan: Erst nach heftigen Debatten machte er den Ex-Generalsekretär zum Minister ­ fürs eher unspektakuläre Ressort Bundes- und Europaangelegenheiten.

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