Jair Bolsonaro, Präsident von Brasilien, spricht auf einer Veranstaltung in Florida.
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Jair Bolsonaro ist seit seinem Amtsantritt als brasilianischer Präsident umstritten.

Der brasilianische Präsident

Leben und Politik des umstrittenen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro

Er ist frauenfeindlich, rassistisch und verherrlicht Gewalt: Jair Bolsonaro polarisiert Brasilien mit seiner rechtsextremen Politik.

  • Nach seiner Ausbildung an der Militärakademie strebt Jair Bolsonaro zunächst eine Karriere in der Armee an. Nach mehreren Skandalen wechselt er in die Politik.
  • Mit seinen rechtsextremen Ansichten kann er 2018 die Präsidentschaftswahl in Brasilien für sich entscheiden. Seine Kampagne ist geprägt von Gewaltverherrlichung und aggressivem Wahlkampf.
  • Sowohl in Brasilien als auch weltweit protestieren Menschen gegen Bolsonaros Amtshandlungen. Kritisiert werden vor allem Klimapolitik, Homophobie, Frauenfeindlichkeit und Rassismus.

1955 wird Jair Bolsonaro im Bundesstaat São Paulo in Brasilien geboren. Schon während seiner Schulzeit bereitet er sich auf eine Karriere beim Militär vor. An der Academia Militar das Agulhas Negras beginnt er seine Ausbildung, die er in Rio de Janeiro als Fallschirmjäger beendet. Nach einigen Skandalen entschließt sich Bolsonaro, die Armee zu verlassen und stattdessen in die Politik zu gehen.

Sieben Legislaturperioden ist er als Stadtrat in Rio tätig, dann entschließt er sich, für die Partido Social Liberal (PSL) als Präsident zu kandidieren. Seine Kampagne wird von starken Protesten begleitet: Viele Brasilianer sind mit Bolsonaros rechtsextremen Ansichten nicht einverstanden. Trotzdem kann er die Wahl für sich entscheiden. Nach seinem Amtsantritt schwächt der Präsident die Rechte der indigenen Bevölkerung und gibt Teile des bereits durch Waldbrände stark dezimierten Amazonas-Regenwald zur Abholzung frei, was internationale Kritik hervorruft. Seine Beliebtheit sinkt, nicht zuletzt durch seine verharmlosende Corona-Politik und eine mögliche Beteiligung am Mord an Marielle Franco. Mit der Allianz für Brasilien gründet Bolsonaro eine neue Partei, um den Rückhalt in der Bevölkerung zurückzugewinnen.

Jair Bolsonaro: Familiärer Hintergrund, Kindheit und Jugend

Jair Messias Bolsonaro kommt am 21. März 1955 in Glicério im brasilianischen Bundesstaat São Paulo zur Welt. Seine Eltern Percy Geraldo Bolsonaro and Olinda Bonturi sind größtenteils italienischer Abstammung: Bolsonaros Vorfahren väterlicherseits wandern Ende des 19. Jahrhunderts aus Venetien und Kalabrien nach Brasilien aus. Auch nach Hamburg lassen sich Verwandtschaftsbeziehungen zurückverfolgen. Bolsonaros Großeltern mütterlicherseits stammen aus der Toskana und treten ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts die Reise über den Atlantik an.

Benannt wird Jair nach dem Fußballspieler Jair da Rosa Pinto, der in den Vierzigern und Fünfzigern den brasilianischen Fußball prägt. Während seiner Kindheit zieht Jair Bolsonaro mehrfach um, bleibt jedoch stets in dem südöstlich gelegenen Bundesstaat São Paulo. Seine Familie lebt zeitweise in Ribeira, Jundiaí und Sete Barras - der junge Jair lernt damit Städte verschiedener Größenordnungen kennen. Schlussendlich lassen sich die Bolsonaros 1966 in Eldorado nieder, wo die sechs Söhne der Familie den Rest ihrer Kindheit und Jugend verbringen.

Jair Bolsonaro: Der spätere Präsident macht Karriere beim Militär

Während seiner letzten Schuljahre wächst in Jair Bolsonaro der Wunsch, zum Militär zu gehen. 1973 wird er an der Escola Preparatória de Cadetes do Exército angenommen. Die in Campinas gelegene Schule soll Anwärter auf die Lehrjahre beim Militär vorbereiten; Bolsonaro macht hier seinen Abschluss. 1974 wechselt er auf die renommierte Militärakademie Academia Militar das Agulhas Negras, wo er seine Ausbildung zum Artillerieoffizier beginnt. 1977 kann er diese erfolgreich abschließen und dient fortan in der brasilianischen Armee. Einige Zeit später zieht Bolsonaro nach Rio de Janeiro um, wo er sich zum Fallschirmjäger ausbilden lässt. Seine Vorgesetzten behalten den jungen Soldaten als „aggressiv“ in Erinnerung, außerdem sei sein Wunsch nach finanzieller Bereicherung auffällig gewesen.

1986 erlangt Bolsonaro erstmals größere Bekanntheit: In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin Veja beschwert er sich über die schlechte Bezahlung beim brasilianischen Militär, außerdem behauptet er, dass Offiziere grundlos gekündigt würden, um Geld einzusparen. Seine Vorgesetzten verärgert der damals 31-Jährige mit den gewagten Aussagen, die jedoch an anderer Stelle gut ankommen: Bolsonaro wird zum Aushängeschild der brasilianischen Hardliner, die von der neuen demokratischen Regierung enttäuscht sind.

Ein Jahr später folgt der nächste Skandal: Veja berichtet, dass Bolsonaro gemeinsam mit einem Komplizen vorhabe, mehrere Bomben in Militärgebäuden hochgehen zu lassen. Hochrangige Militärs halten ihn für schuldig - der Fall endet vorm Obersten Militärgericht. Dort wird Bolsonaro für unschuldig befunden. Nach seinem Freispruch im Jahr 1988 beendet er seine militärische Karriere mit dem Rang eines Hauptmannes und wechselt in die Politik.

Jair Bolsonaro: Nach seinem Ausscheiden aus der Armee geht er in die Politik

Noch im selben Jahr wird Jair Bolsonaro in Rio de Janeiro zum Stadtrat gewählt, wo er die christlich-demokratische Partei PDC vertritt. Warum der ehemalige Soldat plötzlich eine politische Karriere in Erwägung zieht, ist unklar; in der von seinem Sohn Flávio Bolsonaro geschriebenen Biografie deutet dieser an, dass es die einzige Option seines Vaters war, um weitere Verfolgung durch seine Vorgesetzten zu vermeiden. Nach zwei Jahren beendet Bolsonaro seine Tätigkeit im Stadtrat. Seine Kollegen beschreiben ihn als ruhig und diskret - nur in Fragen das Militär betreffend habe er sich regelmäßig zu Wort gemeldet.

Bei der Wahl zur Abgeordnetenkammer 1990 lässt sich Bolsonaro erfolgreich als Kandidat für die Christdemokraten aufstellen. Seinen Posten bekleidet er ab 1991 sieben aufeinanderfolgende Legislaturperioden lang, bis er 2018 zum Präsidenten gewählt wird. Über die Jahre wechselt er mehrfach die Partei, was seiner Beliebtheit in Rio de Janeiro jedoch nicht schadet. In den 27 Jahren, die Bolsonaro im brasilianischen Nationalkongress tätig ist, schlägt er eine Grundgesetzänderung und 171 Gesetzesentwürfe vor, von denen zwei verabschiedet werden.

Im Januar 2018 verlässt Bolsonaro die Partido Social Cristão (PSC) und wechselt zur Partido Social Liberal (PSL), deren ruckartigen Gesinnungswechsel nach rechts er entscheidend beeinflusst.

Jair Bolsonaro: Wahl zum Präsidenten und Besonderheiten seiner Amtszeit

Die PSL stellt Jair Bolsonaro im Juli 2018 als Kandidaten für die Präsidentschaftswahl auf. Unterstützung erhält er auch von der Partido Renovador Trabalhista Brasileiro. Mit seinem Wahlspruch „Brasilien über alles, Gott über alle„ bewirbt Bolsonaro die Koalition. Der pensionierte General Antônio Hamilton Mourão wird als Kandidat für die Vize-Präsidentschaft aufgestellt. Von Beginn an gilt der damals 63-Jährige als Favorit: Sein Wahlgewinn im Oktober 2018 ist deshalb keine Überraschung.

Nach seinem Amtsantritt am 1. Januar 2019 beginnt Bolsonaro mit seinem Kabinett bestehend aus 16 Ministern die Arbeit. Insgesamt sind in der Regierung nur zwei Ministerinnen vertreten, dafür vergibt Bolsonaro vier Posten an Mitglieder des Militärs.

Besondere Aufmerksamkeit erlangt die Entscheidung der brasilianischen Regierung, dem staatlichen Organ für Angelegenheiten der indigenen Bevölkerung, Fundação Nacional do Índio (FUNAI), die Verantwortung zu entziehen. Durch sein Vorgehen gibt Bolsonaro zuvor geschützte Teile des Amazonas-Regenwaldes zur Abholzung frei - eine Amtshandlung, die aufgrund der verheerenden Waldbrände im Amazonas 2019 internationale Empörung hervorruft.

Im Oktober 2019 berichtet der Fernsehsender Globo, dass der mutmaßliche Auftragsmörder im Fall der getöteten Stadträtin Marielle Franco kurz vor der Tat einen Komplizen in der Nähe von Bolsonaros Wohnhaus abgeholt habe. Außerdem habe er in Bolsonaros Anwesen angerufen. Bolsonaro bestreitet eine Beteiligung am Mord an der afrobrasilianischen, lesbischen Politikerin.

Im November tritt Bolsonaro nach vorangegangenen Differenzen aus der PSL aus und gründete die Allianz für Brasilien.

Jair Bolsonaro: Politische Einstellungen und Wahrnehmung im Ausland

Jair Bolsonaros Wahlkampagne war von Beginn an starkem Widerstand ausgesetzt. Insbesondere Frauen gingen unter dem Slogan „#EleNão„ („Er nicht“) auf die Straße, um gegen den Präsidentschaftskandidaten zu protestieren. Über die Jahre hatte Bolsonaro mit zahlreichen frauenfeindlichen Aussagen auf sich aufmerksam gemacht; unter anderem sagte er über eine Abgeordnete, dass sie es nicht verdiene, vergewaltigt zu werden, da sie „hässlich“ sei.

Bolsonaro vertritt außerdem extrem homophobe Einstellungen und lehnt die gleichgeschlechtliche Ehe ab. In Interviews behauptete er, dass die LGBTQ*-Community in Brasilien nicht akzeptiert sei, dass man Menschen ihre Homosexualität mit einer Tracht Prügel austreiben könne und dass er den Tod seiner Kinder bevorzugen würde, sollten diese sich als homosexuell outen.

Stark kritisiert wird auch Bolsonaros rassistische Politik. Geflüchtete aus Haiti, Afrika und muslimischen Ländern bezeichnete er als „Abschaum der Welt“, außerdem verweigert er konsequent Fördermaßnahmen für die historisch benachteiligte afrobrasilianische Bevölkerung.

Bolsonaro ist Abtreibungsgegner, lehnt die Reglementierung von Waffenbesitz ab und spricht regelmäßig positiv über die brasilianische Militärregierung (1964-85), deren konstante Menschenrechtsverletzung gut dokumentiert ist. Gewaltverherrlichende Äußerungen, unter anderem die Befürwortung von Mord an politischen Gegnern, sind für Bolsonaro keine Seltenheit. Nicht zuletzt deshalb wird der brasilianische Präsident der extremen Rechten zugeordnet, deren populistische und nationalistische Positionen er traditionell vertritt. Bolsonaro selbst bezeichnet sich als rechtskonservativ.

Jair Bolsonaro: Familie und Privatleben

Jair Bolsonaro ist in dritter Ehe verheiratet. Mit seiner ersten Frau Rogéria Nantes Braga hat er die Kinder Flávio, Carlos und Eduardo, die ebenfalls alle als Politiker tätig sind. Aus seiner zweiten Ehe mit Ana Cristina Valle stammt der Sohn Renan. 2007 heiratete Bolsonaro Michelle de Paula Firmo Reinaldo Bolsonaro, mit der er die Tochter Laura großzieht. Während seiner Arbeit im Kongress stellte er Michelle als Sekretärin an, musste ihr jedoch kündigen, als Vorwürfe der Vetternwirtschaft laut wurden. Seit 2018 lebt Bolsonaro mit seiner Familie in Barra da Tijuca, Rio de Janeiro. Bolsonaro wurde römisch-katholisch getauft, besucht jedoch seit einiger Zeit baptistische Kirchen.

Im September 2018 verübte ein 40-jähriger Mann ein Attentat auf den damaligen Präsidentschaftskandidaten. Durch Stichwunden am Bauch wurde Bolsonaro lebensgefährlich verletzt, konnte jedoch durch eine Notoperation gerettet werden.

Im Juli 2020 wurde Jair Bolsonaro positiv auf COVID-19 getestet.

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