Feuer brennt im Nationalpark Chapada dos Veadeiros. Auch im Pantanal, dem weltgrößten Feuchtgebiet, brennt es.
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Feuer brennt im Nationalpark Chapada dos Veadeiros. Auch im Pantanal, dem weltgrößten Feuchtgebiet, brennt es.

Unter Jair Bolsonaro

„Wahnsinnig schlimm“: Abholzung des brasilianischen Regenwaldes ist eine Bedrohung für das Klima und die Artenvielfalt

  • Lisa Kuner
    vonLisa Kuner
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Auch 2020 wurden in Brasilien wieder riesige Flächen Regenwald abgeholzt. Ein großer Teil davon befand sich im Sumpfgebiet Pantanal. Eine Gefahr für Klima und die Artenvielfalt.

Brasilien – Vogel- und Wildtierbeobachtung – das zieht normalerweise viele Besucher und Besucherinnen ins brasilianische Pantanal, eines der größten Feuchtgebiete der Welt. Das Pantanal liegt im mittleren Westen von Brasilien und wird oft als artenreichstes Biotop der Welt beschrieben: Dort leben rund 650 verschiedene Arten von Vögel und es gibt mehr als 1700 Pflanzenarten. Seit einiger Zeit zeigen die Bilder, die vom Pantanal um die Welt gehen, aber nicht mehr hauptsächlich die Schönheit der Natur. Immer häufiger sehen wir von dort nun stattdessen Bilder mit brennenden Wäldern oder von verendenden Ameisenbären.

Brände und Rodungen sind in Brasiliens Wäldern an der Tagesordnung. Mehr als 11.000 Quadratkilometer Regenwald wurden nach offiziellen Angaben 2020 vernichtet, NGOs kommen teilweise noch auf deutlich höhere Schätzungen. Das ist eine fast unvorstellbar große Zahl, eine Fläche größer als der Libanon und nochmal deutlich mehr als 2019. Im Schatten der Pandemie geschahen die Rodungen und Brände beinahe unbemerkt. Abholzung von Regenwald ist in Brasilien nichts neues, aber seit Anfang der 2000er Jahre hatte das Land die Abholzung drastisch reduziert. Im Vergleich zu den Höchstwerten um bis zu 80 Prozent.  

Wieder zunehmende Rodungen und Brände in Brasilien unter Jair Bolsonaro

„Um 2012 herum hatten wir die Abholzung einigermaßen unter Kontrolle“, erzählt Eugênio Pantoja, vom Institut für Umweltforschung in Amazonien (Instituto de Pesquisa Ambiental da Amazônia), das sich für eine nachhaltige Entwicklung der Regenwaldregionen in Brasilien einsetzt. In den letzten Jahren hat sich die Situation aber dann wieder verschlechtert: Schon seit Michele Temer 2016 die Regierungsgeschäfte übernahm, nahmen die Rodungen zu, und unter Bolsonaro stiegen sie noch weiter.

Eugênio Pantoja hat wenig Hoffnung, dass sich die Situation bald bessert. „Die Abholzung und andere Umweltverbrechen zu reduzieren, ist schon normalerweise eine große Herausforderung, aber unter der aktuellen Regierung fast unmöglich“. Viel des gerodeten Regenwalds befindet sich in der Amazonasregion im Norden Brasiliens, aber ein zunehmender Teil Wald, wird inzwischen auch im Feuchtgebiet Pantanal zerstört. Mehr als ein Fünftel des Feuchtgebiets fiel in den vergangenen Jahren den Rodungen und Feuern zum Opfer. Das ist nicht nur mit Blick auf die Klimaerwärmung ein Problem: „Das ist auch wahnsinnig schlimm für die Biodiversität und Artenvielfalt“, sagt dazu Eugênio Pantoja. Akut in Gefahr sind zum Beispiel die blauen Hyazinth-Aras. Sie sind die größte Papageienart der Welt, leben hauptsächlich im Pantanal, sind vom Aussterben bedroht und haben immer stärkere Problem genügend Nahrung zu finden.

Für die Dokumentation der Brände im Pantanal gewann der brasilianische Photograph Lalo de Almeida den World-Press-Award 2021 in der Kategorie Umwelt:

Ursache für Brände in Brasilien: Klima und der Mensch

Eine der Hauptursachen für die Brände im Pantanal im vergangenen Jahr ist das Klima – es war so trocken, wie schon lange nicht mehr und es gab auch in der Regenzeit deutlich weniger Niederschlag als normalerweise. Kleine Feuer, die zwar verboten sind, in der Region aber regelmäßig auf landwirtschaftlichen Flächen gelegt werden, um Felder zu säubern, konnten sich unter diesen Voraussetzungen blitzschnell verbreiten und wurden schnell unkontrollierbar. Eine Studie der Umweltorganisation Greenpeace legt aber nahe, dass auch menschliche Eingriffe zum verheerenden Ausmaß der Brände in diesem Jahr beitrugen. Laut der Studie haben verschiedene Landwirte am Rande Pantanals durch das Legen von Feuern versucht, ihre Farmfläche zu vergrößern. „Das Pantanal steht dabei deutlich weniger im öffentlichen Fokus als Amazonien“, erzählt Eugenio Pantoja. Unterhalb des Radars könnten Großgrundbesitze und Landwirte hier darum viel eher ihre Flächen vergrößern. Obwohl das Pantanal im Jahr zum UNESCO Weltnaturerbe erklärt wurde und unter Naturschutz steht, sind diese Vorgänge keine Ausnahme: Landraub und Bodenspekulation kommen immer wieder vor.

Zunahme an Umweltverbrechen und sozialen Konflikten in Brasilien unter Regierung Bolsonaros

Die Regierung Bolsonaro tut wenig, um den Rodungen und Bränden entgegen zu treten. Der Präsident behauptete sogar, indigene Gemeinden seien an den Bränden schuld. „Das führt neben dem Umweltverbrechen dann noch zu vielen sozialen Konflikten“, sagt Eugênio Pantojas.

Die Rechte von Indigenen interessieren Bolsonaro allerdings sowieso kaum: Brasiliens Regenwälder müssten im Sinne der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes endlich erschlossen werden – so das Narrativ. „Die Regierung stellt sich damit total gegen alle Umweltthemen“, sagt dazu Pantoja. „Das ist ein strukturelles Problem“. Und solchen Aussagen lies die Regierung auch Taten folgen: Die Finanzierung von Umweltprojekten wurde drastisch gekürzt, viele Kontrollmechanismen sind zurzeit außer Kraft gesetzt. „In diesem Kontext haben kriminelle Unternehmer das Gefühl, das alles erlaubt ist“, meint Pantoja. Es gebe auch in den geschützten Gebieten kaum Kontrollen und illegale Baumfäller oder Landräuber müssten kaum mit Strafen rechnen.

Kaum strukturelle Lösungen in Sicht

Das brasilianische Thinktank Igarapé Institute will dieser Zerstörung und diesen Fake News wenigstens etwas entgegenhalten. Dafür würde die Plattform Ecocrime ins Leben gerufen – sie soll Umweltverbrechen und illegale Abholzung in Brasilien visualisieren. Hoffnung gibt auch die Initiative von neun brasilianischen Gouverneuren, die unabhängig von der brasilianischen Zentralregierung mehrere Umweltschutzprojekte angestoßen und damit begonnen haben, einen Plan für die strategische Entwicklung der brasilianischen Regenwälder zu entwickeln.  Unter der Politik von Bolsonaro, könnten solche Initiativen, aber nicht allzu viel bewegen, meint Eugênio Pantoja. „Wir brauchen tiefgreifende, strukturelle Veränderungen in Brasiliens Umweltpolitik“, sagt er. Die Gesetzgebung müsse verbessert werden, in wirtschaftliche Diskussionen müssten Aspekte der Nachhaltigkeit einbezogen werden. Für das Pantanal schlägt der Politikwissenschaftler zum Beispiel vor, auch den ökonomischen Wert der Biodiversität zu sehen – statt mit Landwirtschaft könne man hier in Zukunft auch noch stärker mit ökologischem Tourismus Geld verdienen. „Aber unter der aktuellen Regierung ist das nicht möglich“.

Er hofft auf einen Regierungswechsel nach den Wahlen im Herbst 2022. Bis dahin ist es auch der Sicht von Pantoja wichtig, dass ausländische Regierungen Druck ausüben: „Im politischen Dialog mit Brasilien müssen andere Länder klar machen, dass ihnen Umweltfaktoren und das Pariser Klimaabkommen wichtig sind“, sagt er.

Für die Artenvielfalt im Pantanal ist ein weiteres Jahr politischer Untätigkeit allerdings eine Katastrophe: Für2021 werden dort ähnliche Brände, wie im Vorjahr befürchtet. Denn obwohl dort Anfang des Jahres eigentlich Regenzeit ist, gab es in den vergangenen Monaten kaum Niederschläge und viele Landstriche sind bereits jetzt sehr trocken.

Abholzung in Brasilien seit 2004 (Quelle: TerraBrasilis):

  • Jahr AbholzungTausend km²
  • 2004 - 27,8 Tausend km²
  • 2005 - 19 Tausend km²
  • 2006 - 14,3 Tausend km²
  • 2007 - 11,7 Tausend km²
  • 2008 - 12,9 Tausend km²
  • 2009 - 7,5 Tausend km²
  • 2010 - 7 Tausend km²
  • 2011 - 6,4 Tausend km²
  • 2012 - 4,6 Tausend km²
  • 2013 - 5,9 Tausend km²
  • 2014 - 5 Tausend km²
  • 2015 - 6,2 Tausend km²
  • 2016 - 7,9 Tausend km²
  • 2017 - 6,9 Tausend km²
  • 2018 - 7,5 Tausend km²
  • 2019 - 10,1 Tausend km²
  • 2020 - 11,1 Tausend km²

von Lisa Kuner

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