Kommentar

Spahn sendet mit einem Satz zu Corona ein Signal, das gefährliche Folgen haben könnte

  • Marcel Görmann
    vonMarcel Görmann
    schließen

Gesundheitsminister Jens Spahn leistete sich auf einer Pressekonferenz am Freitag einen Satz, der ein fatales Signal aussenden könnte. Ein Kommentar von Online-Redakteur Marcel Görmann. 

Deutschland steht vor einem sonnigen Frühlingswochenende, die Menschen werden langsam ungeduldig in der Corona-Krise - und der Gesundheitsminister sendet genau zu diesem Zeitpunkt ein fatales Signal. Auf einer Pressekonferenz verkündete Jens Spahn am Freitag: „Der Ausbruch ist - Stand heute - wieder beherrschbar und beherrschbarer geworden.“ Das klingt wie eine Entwarnung. Dieser leichtfertige Satz könnte noch gefährliche Folgen mit sich bringen. 

Spahn erweckt den Eindruck, die Corona-Epidemie in Deutschland sei jetzt im Griff

Ein Kommentar von Online-Redakteur Marcel Görmann.

Warum sollten sich die Bürger freiwillig weitere zwei Wochen an Kontaktbeschränkungen und strenge Abstandsregeln halten, wenn der Gesundheitsminister davon spricht, die Epidemie in Deutschland sei jetzt im Griff? Es ist fahrlässig zu behaupten, man beherrsche das Virus, solange es noch kein wirksames Medikament oder gar einen Impfstoff gibt. 

Auf der selben Pressekonferenz sagte RKI-Präsident Wieler, dass am Donnerstag 315 Todesfälle übermittelt wurden. Ein neuer trauriger Rekord für einen einzigen Tag in Deutschland. Ja, diese Toten haben sich vor Wochen infiziert. Und ja, die Reproduktionszahl ist mittlerweile auf 0,7 gesunken. Das heißt, ein Infizierter steckt im Durchschnitt nicht mal mehr einen weiteren an. Die Infektionskurve flacht nicht nur ab, sie sinkt. Das ist ganz klar ein Erfolg.

Video: Was bedeutet ein Maskengebot?

Jedoch bewertete Kanzlerin Angela Merkel die Lage auf ihrer Pressekonferenz vor zwei Tagen noch deutlich vorsichtiger als Spahn jetzt. Sie sprach von einem „dünnen Eis“ und einem "zerbrechlichen Zwischenerfolg". Wenn die Reproduktionszahl nur minimal steige, könne das Gesundheitssystem in wenigen Monaten vor einem Kollaps stehen. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder mahnte: "Wir sind noch lange nicht über den Berg".

Corona-Krise: Jens Spahn prescht vor - und könnte damit Millionen in falscher Sicherheit wiegen

Und nun prescht Spahn vor. Der Ausbruch sei beherrschbar. Sein Zitat wird - in verkürzter Form - in TV-Nachrichten ausgestrahlt und es wird morgen die Schlagzeilen der Zeitungen bestimmen. Es ist die gute Nachricht, auf die alle gewartet haben. Das Licht am Ende des Tunnels.

Selbstverständlich sollen die Politiker nicht unnötig Alarm schlagen oder die Bevölkerung gar verängstigen. Natürlich brauchen wir auch Nachrichten, die zuversichtlich stimmen. Doch Politiker sollten ihre Worte nun besonders verantwortungsvoll wählen, gerade um den positiven Corona-Trend nicht zu gefährden. Es ist jetzt nicht die Zeit, sich als erfolgreiche Krisenmanager inszenieren. Dafür ist die Lage immer noch zu ernst, eine zweite Welle im Mai oder Juni wird von Experten nicht ausgeschlossen.

Spahn ist somit, nicht nur durch seine Panne jüngst im Aufzug, kein gutes Vorbild. Er könnte damit Millionen Deutsche in falscher Sicherheit wiegen. 

mag

Währendessen gibt es Unruhe in Bayern: Die Freien Wähler fordern eine sofortige Maskenpflicht - und stellen den Corona-Kurs von Markus Söder in Frage.

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa / John Macdougall

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Merkel-Widersacher Merz? Er fällt hartes Urteil zu Moria-Flüchtlingen: „Dauerhaft keine Perspektive“
Merkel-Widersacher Merz? Er fällt hartes Urteil zu Moria-Flüchtlingen: „Dauerhaft keine Perspektive“
„Deutsche immer wieder Moral-Weltmeister“? EU-Kritik an Merkel - Seehofer gibt brisante Bewertung ab
„Deutsche immer wieder Moral-Weltmeister“? EU-Kritik an Merkel - Seehofer gibt brisante Bewertung ab
Streit um Moria-Flüchtlinge: Thüringische Stadt schießt gegen Ramelow - der kontert mit Fakten
Streit um Moria-Flüchtlinge: Thüringische Stadt schießt gegen Ramelow - der kontert mit Fakten
Schwuler Kanzler? Merz löst mit Interview heftige Empörung aus - Spahn reagiert vielsagend
Schwuler Kanzler? Merz löst mit Interview heftige Empörung aus - Spahn reagiert vielsagend

Kommentare