„War sein Wissen so katastrophal falsch?“

Corona-Lockdown: Spahn fliegt sein Satz aus dem September um die Ohren - jetzt rechtfertigt er sich

  • vonAnna-Katharina Ahnefeld
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Erst im September zog Bundesgesundheitsminister Jens Spahn seine Lehren aus der ersten Corona-Welle. Nun, mitten in der zweiten, muss er auch diese wieder korrigieren.

  • Im September zog Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Lehren aus der ersten Corona-Welle.
  • Seine Äußerung fliegt ihm nun in sozialen Netzwerken um die Ohren.
  • Ab Mittwoch, 16. Dezember, schließt ein Großteil des Einzelhandels und Friseure. Beschlossen wurden die verschärften Maßnahmen beim Corona-Gipfel am Sonntag.

Update vom 14. Dezember, 16.50 Uhr: Jens Spahn hat am Montag Fehler bei seiner kritisierten Einschätzung vom September eingeräumt. Das sagte er im „Politiktalk aus der Hauptstadt“, von rbb und der Süddeutschen Zeitung. Er hätte gerne „richtig gelegen“, so der Bundesgesundheitsminister. Anfang September hatte Spahn noch gesagt, eine Schließung des Einzelhandels und von Friseuren würde man mit den gewonnenen Erkenntnissen nicht mehr machen. Mit Hinblick auf die weiträumigen Schließungen ab Mittwoch flog ihm der Satz in den sozialen Netzwerken um die Ohren. „Aber die dynamische Lage macht‘s erforderlich“, sagte Spahn weiter.

Gesundheitsminister Jens Spahn in einer Sitzung des Bundestags.

Nicht alles sei jedoch „schwarz-weiß“ führte Jens Spahn weiter an, mit Verweis auf „volle Einkaufsstraßen“ und Shopping-Malls. Das „Miteinander-Unterwegs-Sein“ sei ebenfalls ein Problem, nicht nur die Situation in den Geschäften. „Im Zweifel hätte man schon früher zu Entscheidungen kommen müssen“, gab Jens Spahn zu. Zugleich betonte er: „Die dritte Welle fing an, bevor die zweite richtig runter war.“

Jens Spahn mit kritisierter Einschätzung: Lehre aus erster Corona-Welle - Soziale Medien kritisch

Erstmeldung vom 14. Dezember, 13.45 Uhr: Berlin - Eine Botschaft, die es in sich hat. Zumindest rückblickend. „Man würde mit dem Wissen heute, das kann ich Ihnen sagen, keine Friseure mehr schließen und keinen Einzelhandel mehr schließen.“ Erst im September sprach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) - der zwischenzeitlich im Oktober selbst erkrankte - diese Worte aus. Nun, dreieinhalb Monate später, hat die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern eine erneute Verschärfung der Corona-Maßnahmen beschlossen. Ab Mittwoch soll der Einzelhandel größtenteils geschlossen werden. Und auch Friseur-Salons können zunächst einmal bis zum 10. Januar ihre Scheren und Lockenwickler einmotten.

Der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks vermeldete am Montag bereits einen starken Anstieg an Friseur-Terminen für die verbleibenden zwei Tage. „Das ist natürlich nicht im Sinne des Erfinders, aber die Friseure sind absolut verzweifelt,“ sagte Hauptgeschäftsführer Jörg Müller hinsichtlich der Verlängerung der Öffnungszeiten vieler Betriebe. Diese wollen so noch möglichst viele KundInnen abarbeiten.

Gesundheitsminister Jens Spahn: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen“

Anfang September vermeldete Jens Spahn besagte Lehre aus der ersten Corona-Welle im Frühjahr. Vor dreieinhalb Monaten - mitten in einer Pandemie ein langes Zeit-Fenster. Angesichts der rasant steigenden Corona-Infektionszahlen muss nun auch diese Erkenntnis redigiert werden. Und Geschäfte geschlossen. In den sozialen Medien wie dem Kurznachrichtendienst Twitter hagelt es Kritik an Jens Spahn und seiner - dort vielfach zitierten - Aussage. Der Satz fliegt dem Gesundheitsminister aktuell um die Ohren. Dieser wird meist mit einem Verweis auf das Datum getwittert. „Nicht gut gealtert“ und „Nun wird der Einzelhandel komplett geschlossen. War sein Wissen vor drei Monaten so katastrophal falsch?“ lauten zwei der harmloseren Kommentare. Ein Nutzer kommentiert: „Wer einmal lügt...“

Es ist eben jener Jens Spahn, der bereits zu Beginn des Ausbruchs des Coronavirus in Deutschland einen Satz geprägt hat. „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Damit warb der Bundesgesundheitsminister um Verständnis für die aufreibenden politischen Entscheidungen in der Corona-Krise. Es sind auch solche Aussprüche deutscher PolitikerInnen, die im kollektiven Gedächtnis aus der Corona-Pandemie bleiben werden. Und an Aktualität gewinnen.

Die Lage ist Ernst. Nehmen Sie sie auch Ernst.

Bundeskanzlerin Angela Merkel

Corona-Pandemie in Deutschland: Merkel richtete Appell an Bevölkerung - es reichte nicht

Nach dem Sommer bereitete Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bevölkerung auf die kommenden Winter-Monate ein. Denn der Sommer ließ viele Menschen nach den erlebten Lockerungen zunächst die Dramaturgie der Corona-Krise vergessen. Die dann mit voller Härte mit bis zu 30.000 Neu-Infektionen pro Tag einschlug. „Der Winter wird schwer, aber er wird enden“, betonte Merkel damals. Und schwor die Bevölkerung auf einen ernsten Umgang mit dem Coronavirus ein: „Die Lage ist Ernst. Nehmen Sie sie auch Ernst.“

Auch aus der zweiten, harten Welle der Corona-Pandemie wird die Politik Schlüsse für einen künftigen Umgang mit Pandemien ziehen können. Doch nicht nur die PolitikerInnen. Die Appelle der Bundesregierung, sich an Kontakt-Beschränkungen zu halten, der sogenannte Lockdown Light, sie verliefen schlussendlich im Sand. Ob man wirklich alles getan hat, um solch dramatische Corona-Infektionszahlen zu vermeiden, kann sich die Politik fragen - aber auch jede*r einzelne Bürger*in. Vielleicht ist es so möglich, Sätze wie die Jens Spahns im September einordnen zu können. (aka)

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa

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