UK-Wahl am 12. Dezember

Niederlage bei UK-Wahl: Jeremy Corbyns Tage als Labour-Chef sind gezählt 

Als Labour-Chef nahm es Jeremy Corbyn bei der Großbritannien-Wahl 2019 mit Boris Johnson auf. Corbyn verliert die Wahl, er kündigt seinen Rückzug an.

  • Labour-Chef Jeremy Corbyn fällt Brexit-Chaos zum Opfer.
  • Britische Parlamentswahl: Endet nach der Wahl-Schlappe nun Corbyns Karriere?
  • Jeremy Corbyn im Porträt.

Update vom 12. Dezember 2019, 23.14 Uhr: Die Labour-Partei um Jeremy Corbyn hat bei der Großbritannien-Wahl eine herbe Schlappe hinnehmen müssen. Laut vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos Mori erhobenen Nachwahl-Befragungen kam die Labour-Party nur auf 191 Sitze im Parlament, die konservativen Tories von Premier Boris Johnson hingegen auf 368 Sitze.

„Wenn das Ergebnis auch nur annähernd so ist, wie die Prognose aussagt, ist das extrem enttäuschend“, analysiert Labour-Finanzexperte John McDonnell. Er schloss personelle Konsequenzen nicht aus. „Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden wir angemessene Entscheidungen treffen“, sagte er auf die Frage im BBC-Interview, ob Parteichef Corbyn und er selbst ihren Hut nehmen müssten.

Jeremy Corbyn vor Großbritannien-Wahl: Sind seine Tage als Labour-Chef gezählt?

London - Es ist gar nicht einmal zwei Jahre her: Labour-Chef Jeremy Corbyn wird als Messias der Linken gefeiert, er gilt als Lichtgestalt der europäischen Sozialdemokratie. Ende des Jahres 2019 ist alles anders. Der Glanz des britischen Oppositionsführers ist abgebröckelt, Corbyn steht vor dem Trümmerhaufen seiner Politik und dem Ende seiner Karriere. Mittlerweile ist das Rennen um seine Nachfolge an der Spitze der Labour-Partei bereits eröffnet. Doch warum ist Superstar Corbyn so tief gesunken?

Corbyn verliert politisches Profil und Wahl-Duell gegen Johnson

Die Vorwürfe von enttäuschten Genossen und abgesprungenen Mitstreitern gegen den 70-jährigen Altsozialisten wiegen schwer. Als Labour-Chef habe Jeremy Corbyn keine klare Brexit-Position eingenommen, Antisemitismus und Rassismus innerhalb der britischen Sozialdemokratie dulde er nicht nur, sondern befeuere er sogar mit seinem pro-palästinensischen Kurs.

Letztendlich gelingt es Oppositionsführer Corbyn nicht, beim entscheidenden Fernsehduell vor der britischen Parlamentswahl (am 12. Dezember 2019) das Ruder herumzureißen, wie fr.de* berichtet. 

Zu schwer wiegt Corbyns negatives Image-Gepäck im Infight mit dem agiler wirkenden und jüngeren Premierminister Boris Johnson (konservative Tories). Bleibt abzuwarten, wie die Bürger in WalesEnglandNordirland und Schottland bei der vorgezogenen Parlamentswahl Mitte Dezember entscheiden.

Corbyn schreibt Geschichte und wird überraschend Labour-Chef 

Jeremy Corbyns Wahl zum Labour-Chef im September 2015, im Alter von 66 Jahren, ist eine der größten Umwälzungen in der britischen politischen Geschichte. Damals gilt er als der erfahrenste Sozialist Großbritanniens, da er dreißig Jahre lang als Labour-Abgeordneter im britischen Parlament arbeitet und konsequent linke Konzepte propagiert.

Corbyn ist seit dem Jahr 1983 Abgeordneter im britischen Unterhaus, zu einer Zeit als noch Margaret Thatcher* eisern als Premierministerin regiert. Tony Blair* folgt ihr als weichgespülter moderater Sozialdemokrat, mit dem der äußerst linke Corbyn nicht viel anfangen kann; in den eigenen Reihen bleibt er in der Opposition und ist einer der heftigsten Kritiker der „New Labour“-Strömung. Corbyn ist weiterhin gegen die britische Monarchie, gegen die Kriege in Afghanistan und im Irak, gegen die Nato und auch gegen die Europäische Union.

Großbritannien-Wahl 2019: Aktueller Image-Film des Labour-Wahlkämpfers Corbyn

Höhenflug und Niedergang des Alt-Linken Jeremy Corbyn

Im Jahr 2015 hatte kaum jemand mehr den Alt-Sozialisten Corbyn auf dem Zettel: Überraschend wählt ihn seine Partei zum Vorsitzenden. Zwei Jahre später, im Jahr 2017, tritt er als Labour-Spitzenkandidat an und verhindert eine Mehrheit der Konservativen unter Theresa May*. Nach diesem Erfolg geht es jedoch für Corbyn bergab. Er und seine Labour-Partei kann sich zu keiner klaren Position gegenüber der Europäischen Union und dem Brexit durchringen. Den Brexit-Befürwortern überlässt er die Show. Somit gilt Corbyn nicht mehr als klar und kantig, sondern unberechenbar.

Höchst kritisiert sind auch Corbyns „Umweltschutz“-Pläne zur Total-Verstaatlichung verschiedener Bereiche der Grundversorgung: Energie-, Wassernetze sowie Post und Eisenbahn. Unternehmerverbände sowie für Teile der Labour-Partei ist diese Forderung zu radikal, sie laufen Sturm gegen Corbyn.

Sind Corbyns Tage als Partei-Vorsitzender gezählt?

Im Jahr 2018 bricht eine weitere Front gegen Corbyn auf: In einem offenen Brief von jüdischen Dachorganisationen wird Corbyn heftig dafür kritisiert, dass Corbyn eine zu große Nähe zur Hamas und Hisbollah pflege.

Aufgrund dieser Entwicklungen verlassen tragende Mitglieder die Labour-Partei, Corbyns Kritiker bekommen extremen Aufwind. Somit verliert der einstige Hoffnungsträger massiv Vertrauen, Image und Macht. Gemäß den Umfragen wirkt sich diese Führungsschwäche auf die Wähler- Mobilisierung und die bevorstehende Schlappe der Labour-Partei bei der Großbritannien-Wahl aus. Corbyns Tage als Parteichef scheinen gezählt zu sein.

Jeremy Corbyn: Steckbrief

  • Geburtsdatum: 26. Mai 1949 (70 Jahre alt)
  • Job: Labour-Abgeordneter für Islington North (Wahlsprengel in London) seit dem Jahr 1983 
  • Ausbildung: Er besucht eine staatliche Grundschule, dann ein Gymnasium in Newport, Shropshire. 
  • Familie: Er ist zum dritten mal verheiratet und hat drei Söhne aus einer früheren Ehe
  • Hobbys: Laufen, Radfahren, Cricket, Konfitüren-Herstellung mit Obst, das auf seinem Kleingarten und dem Arsenal Football Club angebaut wird. Sein ungewöhnlichstes Hobby ist das intensive Interesse an Kanaldeckeln. Corbyn spricht fließend Spanisch und liebt lateinamerikanische Literatur.

*Merkur.de und fr.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © dpa/Alberto Pezzali

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