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Aschwak Hadschi Hamid Talo (19), eine junge Jesidin, die angibt, aus Schwäbisch Gmünd geflohen zu sein, spricht in einem YouTube-Video. Sie soll einem IS-Mitglied begegnet sein, der sie im Irak drei Monate lang gefangengehalten und mehrmals vergewaltigt hat.

Unglaublicher Fall

„Niemand hört uns, niemand glaubt uns“: Jesidin trifft ihren IS-Peiniger in Schwäbisch Gmünd

Der unglaublich klingende Fall einer jungen verschleppten Jesidin beschäftigt Behörden und Politik in Baden-Württemberg. In Deutschland erkannte sie ihren Peiniger von der Terrormiliz IS.

Erbil/Karlsruhe – Die Jesidin Aschwak Hadschi Hamid Talo kam nach Deutschland, um den Mann zu vergessen, der sie einst für 100 Dollar auf einem Sklavenmarkt in Mossul gekauft hatte. Doch ausgerechnet in Baden-Württemberg will sie ihren Peiniger von der Terrormiliz IS wiedergetroffen haben. Sie floh zurück in den Irak und fühlt sich von den deutschen Behörden nicht ernst genommen. „Niemand hört uns, niemand glaubt uns“, klagt sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur. Politiker fordern Aufklärung. Doch die Ermittler stoßen an Grenzen.

„Niemand hört uns, niemand glaubt uns“

Die Untersuchung des Falls stockt. Seit Juni ist die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe damit befasst. Sie betonte, sie nehme die Schilderungen „sehr ernst“. Doch eine Befragung scheiterte bisher, weil die 19-Jährige nicht in Deutschland sei. „Unsere Hoheitsbefugnisse enden an der deutschen Grenze“, sagte Sprecherin Frauke Köhler. „Wir können nicht ins Ausland fliegen und da Zeugenbefragungen machen.“ Auch das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg hatte mitgeteilt, die Ermittlungen könnten nicht fortgeführt werden, da die Zeugin „aktuell nicht erreichbar ist.“

Ein Phantombild gibt es bereits

Es sind Aussagen, über die sich Aschwak wundert. Die Behörden hätten sie zuletzt nicht kontaktiert, obwohl sie im Nordirak erreichbar sei, sagt sie am Telefon. „Warum rufen die mich nicht an?“ Sie wolle den Behörden weiter helfen, nachdem sie in Deutschland bereits ein Phantombild mit der Polizei angefertigt hatte. Schließlich sei ihre Geschichte kein Einzelfall, behauptet Aschwak.

Erst verkauft und dann monatelang missbraucht

Es war der 3. August 2014, als der Schrecken für sie begann. Die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) fielen in ihr Dorf in der Region Sindschar im Nordirak ein. Die Männer der Jesiden, einer ethnisch-religiösen Minderheit, wurden in den Folgetagen zu Tausenden getötet. Die Extremisten nahmen Aschwak – damals 15 Jahre alt – sowie ihre Schwestern und Cousinen mit. Ein IS-Kämpfer, der sich Abu Humam nannte, kaufte sie. 

„Für ihn war ich seine Frau. Er hat mich geschlagen, jeden Tag. Ich musste putzen und aufräumen“, erzählt Aschwak in einfachem, aber flüssigem Deutsch. Monatelang habe der Mann sie missbraucht, der sie nun als sein Eigentum betrachtete. Eines Nachts schaffte es Aschwak zu fliehen. 2015 kam die Nachricht aus Deutschland: Aschwak durfte als Flüchtling nach Baden-Württemberg, sie lebte fortan mit ihrer Mutter und ihren Brüdern in Schwäbisch Gmünd.

Eines Tages fühlte sich Aschwak verfolgt

„Zuerst war alles gut“, sagt sie. Bis sie sich eines Tages verfolgt fühlte. „Er war hinter mir, ist hinter mir gegangen, hat aber nichts gesagt. Und ich habe auch nichts gesagt.“ Aschwak hatte einen schrecklichen Verdacht, aber ihre Mutter beruhigte: „Mach dir keine Sorgen, es gibt in Deutschland keine solchen Menschen.“

Im Februar dann sah sie den Mann eigenen Angaben zufolge in Schwäbisch Gmünd wieder. Und erkannte ihn als ihren Peiniger Abu Humam. „Er hat vor mir gestanden und gesagt: ,Du bist Aschwak!‘“. Sie habe erwidert, sie kenne niemanden, der so heiße. Daraufhin habe er seine Brille von der Nase genommen, sie gemustert und nur gesagt: „Du musst nicht lügen“. Er wisse alles über sie und ihr Leben in Deutschland. Aschwak lief weg.

Die Grünen und die FDP in Baden-Württemberg fordern nun Aufklärung vom CDU-geführten Innenministerium. Es geht darum, ob es weitere Fälle gebe und ob alles getan wurde, um Aschwak zu schützen. Das Ministerium versicherte, alle möglichen Vorkehrungen getroffen zu haben, „um für Aufklärung und Schutz zu sorgen“.

Die Identifizierung eines Verdächtigen dürfte allerdings deswegen schwierig werden, weil die Angaben der Jesidin der Bundesanwaltschaft zufolge „nicht sehr präzise“ waren. Recherchen des SWR, nach denen weitere Jesiden in Baden-Württemberg Abu Humam erkannt haben, stützen Aschwaks Äußerungen allerdings.

dpa

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