„Gewöhnen Sie sich dran“

„Sollte sich schämen“: Kommentar zu Jill Biden sorgt für Empörung - Blatt wehrt sich mit fiesem Trump-Vergleich

  • Cindy Boden
    vonCindy Boden
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Aufruhr wegen eines Meinungsbeitrags in den USA: Jill Biden, baldige First Lady, soll auf ihren Doktortitel verzichten. Statt sich der Forderung zu beugen, wehrt sie sich.

  • Jill Biden wird ab 20. Januar, wenn Joe Biden sein Amt als US-Präsident antritt, die nächste First Lady in den USA sein.
  • Aktuell flammt in den USA eine Diskussion über ihren Doktortitel, den sie seit 2007 trägt. Auslöser war ein Meinungsbeitrag einer Zeitung.
  • Das Blatt bezeichnet die Empörung als „politische Strategie“.

Washington, D.C. - Haben nur Ärzte einen Doktortitel verdient? In den USA ist eine Debatte darüber entbrannt, wie prominent Männer und Frauen ihren akademischen Titel präsentieren sollten. Dabei im Mittelpunkt: die zukünftige First Lady, Jill Biden.

Auslöser der Diskussion ist ein Meinungsbeitrag im amerikanischen Wall Street Journal von Joseph Epstein. Darin fordert er die Ehefrau des designierten US-Präsidenten Joe Biden auf, auf ihren Doktortitel zu verzichten. „Lassen Sie den Doktor unverzüglich fallen“, schreibt der Essayist. „Dr. Jill Biden“ klinge und fühle sich „betrügerisch“ und „einen Hauch komisch“ an.

Jill Biden: Designierte First Lady will ihre Lehrtätigkeit nicht aufgeben

Jill Biden hatte im Jahr 2007 ihren Doktortitel in Pädagogik an der Universität von Delaware erworben, heißt es nach dpa-Angaben in ihrer offiziellen Biografie, in der sie „Dr. Jill Biden“ genannt wird. Bei Twitter lautete ihr Nutzername „DrBiden“. Bereits in der Zeit, als ihr Mann Vizepräsident unter Barack Obama war, setzte Biden ihre Arbeit als Lehrerin fort. Mehrfach kündigte sie an, sie wolle diese Lehrtätigkeit auch als First Lady nicht aufgeben.

Jill Biden gemeinsam mit ihrem Ehemann Joe Biden, designierter US-Präsident

Epstein führt einen „weisen Mann“ an, der einmal gesagt habe: „Niemand soll sich ‚Dr.‘ nennen, außer er hat ein Kind zur Welt gebracht.“ Seiner Meinung nach sollen also scheinbar nur Ärzte diesen Titel tragen dürfen. Außerdem bezeichnete er Jill Biden als „kiddo“, was umgangssprachlich so viel wie „Kleine“ oder „Kind“ heißt.

Doktortitel-Debatte um Jill Biden: Vorgängerinnen geben ihr Rückendeckung

Führende Demokraten und das Team um die Bidens wiesen die Kolumne als sexistisch zurück. Das Wall Street Journal „sollte sich schämen, den ekelhaften und sexistischen Angriff auf Jill Biden zu drucken“, schreibt ihr Sprecher, Michael LaRosa auf Twitter. Das Blatt solle sich bei Biden entschuldigen. „Diese Geschichte wäre nie über einen Mann geschrieben worden“, schreibt Douglas Emhoff, der Ehemann der baldigen Vize-Präsidentin, Kamala Harris, ebenfalls in dem sozialen Netzwerk. Biden habe sich ihre Abschlüsse durch harte Arbeit verdient.

Auch Michelle Obama, frühere First Lady, zeigt ich empört und schaltet sich über Instagram in die Diskussion ein. Die Kolumne sei ein Beleg dafür, was immer noch zu vielen professionellen Frauen passiere: „Viel zu oft wird unseren Errungenschaften mit Skepsis und sogar Spott begegnet.“ Sie kommentiert weiter: „Nach Jahrzehnten der Arbeit sind wir gezwungen, uns wieder völlig neu zu beweisen.“ Während ihrer Zeit im Weißen Haus habe sie gesehen, wie erfolgreich Jill Biden mit „mehreren Verantwortungsbereichen zugleich“ umgehe - bei ihren Lehrpflichten, Aufgaben im Weißen Haus, als Mutter, Frau und Freundin.

Und es gibt noch mehr Unterstützung: „Sie heißt Dr. Jill Biden. Gewöhnen Sie sich dran“, schreibt Hillary Clinton, ebenfalls frühere First Lady, auf Twitter. Auch die Northwestern University, an der Epstein früher lehrte, stimmt dem Autor nicht zu und bezeichnete die Äußerungen als „frauenfeindlich“.

Jill Biden als First Lady: Zeitung findet Empörung „übertrieben“ und zieht Trump-Vergleich

Natürlich griffen auch die Medien in den USA die Diskussion auf. So schreibt etwa die Washington Post in einer eigenen Kolumne: „Die Tatsache, dass sie (Jill Biden) später im Leben Dinge erreicht hat, nachdem sie drei Kinder großgezogen und eine andere Karriere gemacht hat, ist bewundernswert.“ The Atlantic greift eine Debatte auf, in der es darum geht, dass der Titel eigentlich von dem lateinischen Wort „docere“ kommt, das so viel wie „lehren“ oder „unterrichten“ heißt. Und genau dies tue Jill Biden ja, schreibt die Zeitschrift. Zudem sei der Titel „sicherlich nicht peinlicher als andere Titel, die Menschen auf Dauer verwenden.“ Botschafter etwa würden dazu neigen, sich für immer „Botschafter“ zu nennen.

Gewaltige Kritik also, die auf das Wall Street Journal einprasselte. In einem weiteren Kommentar stellte die Zeitung die Empörung als „übertrieben“ dar. „Die Beschwerden begannen als Rinnsal, wurden aber zu einem Strom, nachdem das Biden-Medienteam die Arbeit von Herrn Epstein in einer eindeutig politischen Strategie erhöht hatte“, schreibt Paul Gigot, zuständig für die Meinungsseiten. Es gebe nichts Vergleichbares dazu, die Rassen- oder die Geschlechterkarte zu spielen, um Kritik zu unterdrücken. „Es ist die linke Version von Donald Trumps ‚Feind des Volkes‘ -Tweets.“ Epsteins Kommentar sei fair gewesen, egal ob man der Meinung zustimme oder nicht.

Jill Biden selbst wendet ihren Blick in die Zukunft, als sie auf die Diskussion über Twitter reagierte: „Gemeinsam werden wir eine Welt aufbauen, in der die Leistungen unserer Töchter gefeiert und nicht gemindert werden.“ (cibo)

Rubriklistenbild: © Patrick Semansky/AP/dpa

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