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CSU-Mann im Außendienst: Manfred Weber am Mittwoch in London. 

Eine erstaunliche Karriere in der CSU

Das macht diesen Niederbayern zum Joker aus Brüssel

Lange wurde Manfred Weber in der CSU belächelt: Ein junger Politiker, der im EU-Parlament Karriere machen will? Bei den Bürokraten in Brüssel? Nach oben kam er dennoch, nun ist gar der Parteivorsitz in Reichweite.

London – Er ist kein Mann der emotionalen Ausraster. Aber am Mittwochabend redet sich Manfred Weber geradezu in Rage. Also für seine Verhältnisse. Der Niederbayer sitzt vor 20 britischen Journalisten in London. Nachmittags war er bei der Premierministerin, dann bei diversen Ministern. Dieser verflixte Brexit! Man kommt nicht voran. Weber hat sich den ganzen Tag um diplomatische Worte bemüht. Aber jetzt, vor „Guardian“, „Times“ und „BBC“, muss es raus. „Die heutige Europäische Union ist das beste Europa, das es je gab. Nicht perfekt, aber das beste“, schimpft er auf Englisch. Und: „Die letzten Jahrzehnte haben wir daran gearbeitet, das Leben für die Menschen besser zu machen.“ Mit dem Austritt wurde dieser Prozess umgekehrt. Weber klingt fast persönlich beleidigt.

Ja, dies ist eine Geschichte über einen potenziellen CSU-Chef, aber sie beginnt nicht in Miesbach oder Rosenheim, sondern vor der berühmtesten Haustür der Welt: 10 Downing Street, London. Es ist die Geschichte von Manfred Weber, der sich als aufstrebender JU-Chef entschied, für das Europaparlament zu kandidieren – wo die CSU damals mit Vorliebe Leute entsorgte, für die an wichtigen Stellen kein Platz mehr war. Selbst Wohlmeinende erklärten ihn damals für verrückt, rieten, er solle schleunigst als Staatssekretär für irgendwas nach München wechseln. Der Karriere wegen. Später hätte er Minister werden können. Aber der Überzeugungstäter, der sich auf einer Interrail-Tour in den Kontinent verliebt hatte, blieb in Brüssel.

Es hat ihm nicht geschadet. Mit seinen immer noch erst 45 Jahren blickt er auf die vielleicht erstaunlichste Karriere zurück, die die CSU derzeit zu bieten hat. Lange nahm kaum jemand von ihm Notiz, bis Weber plötzlich die größte Fraktion des EU-Parlaments führte. Und jetzt, da sich sein Haar lichtet, stellt sich die Frage: Führt die Methode Weber auch in Bayern in die allererste Reihe? Kann man von Brüssel aus die CSU führen – oder muss man nicht wenigstens nach Berlin wechseln? Weber meint: Man muss nicht. Jene, die ihn gerne als Parteichef hätten, sehen das anders. Aber das war ja eigentlich schon immer so.

CSU-Mann Manfred Weber verabscheut die krachenden Töne

Wer ist dieser Mann, der bei den europäischen Staatschefs ein- und ausgeht, der sich regelmäßig mit Angela Merkel SMS schreibt – den aber noch immer die Hälfte der Bayern nicht kennt? Kleine Vorwarnung: Die Antwort ist nicht allzu aufregend. „Ich verstehe Politik von der Sache her“, sagt Weber über Weber. Er liebt politische Debatten, erklärt dabei nicht nur anderen die Welt, sondern hört auch zu. Manchen Mechanismen des Polit-Betriebs entzieht er sich einfach. Wo ein Markus Söder auf Facebook mit Kapitänsmütze bei der Schiffstaufe oder im Shrek-Kostüm beim Fasching posiert, postet Weber Glückwünsche zum polnischen Nationalfeiertag. Sein Privatleben – verheiratet, keine Kinder – spare er sorgsam aus, lobte einst die „FAZ“ und ätzte, bei Söder sei „sogar dessen Hund eine öffentliche Person“. Auch die krachenden Töne der Kollegen verabscheut Weber. Am Mittwoch sagt er Theresa May in der Downing Street hinter der verschlossenen Number-10-Tür die Meinung, um später höflich Fortschritte zu loben. In die „Tagesschau“ bringt einen so etwas selten. Söder fuhr dagegen nach Wien und rief: „I want my money back!“

Zuweilen führen die Stilfragen zu Ärger. 2012 zum Beispiel, als sich Alexander Dobrindt in die Euro-Krise einmischte. Der damalige Generalsekretär beschimpfte EZB-Chef Mario Draghi als „Falschmünzer“. Weber mahnte, man klinge wie die FPÖ. „Unsinn“, giftete Dobrindt zurück. „Das sagt allenfalls etwas über den Charakter von Herrn Weber.“ Als „Anti-Dobrindt“ wurde Weber damals bezeichnet, drei Jahre später dann als „Anti-Gauweiler“. Mit knirschenden Zähnen musste Weber ausgerechnet im heimischen Passau beim Aschermittwoch 2015 dessen Tiraden auf die „EU-Flaschenmannschaft“ verfolgen. Als die Europawahl dann mit diesem Wahlkampf in die Hose ging, galt der Mann aus Brüssel plötzlich als Gewinner. Seehofer erhob ihn ins Kronzprinzenlager. Nun ist er auch noch der „Anti-Söder“.

Seitdem ist klar, dass Weber bei der Frage der CSU-Zukunft ein Wörtchen mitreden wird. Die Spekulationen, dass er Seehofer als Parteichef beerben könnte, nimmt er gelassen. Wollen tät er wohl schon, nur sagen will er’s nicht. Vielleicht gilt ja der Umkehrschluss: Zur eigenwilligen Karriereplanung Webers gehörte nämlich schon immer, Posten offensiv abzulehnen. Erst in diesem Frühjahr beispielsweise, als Martin Schulz sich auf den Weg nach Berlin machte, hätte der EVP-Fraktionschef beim Posten des Parlamentspräsidenten nur zugreifen müssen. Doch Weber hat offenbar andere Pläne.

Eine verlorene JU-Wahl in Niederbayern als Schlüsselerlebnis

Dabei musste er früh lernen, dass es nicht immer nach Wunsch läuft. Gleich am Anfang seiner Karriere, als er bei der ersten Wahl zum niederbayerischen JU-Chef durchfiel. Ein „frühes Schlüsselerlebnis“, sagt er heute. Er lernte das Kämpfen: Bevor er dann 2003 Landeschef der Jugendorganisation wurde, musste er sich gegen den Kandidaten seines Vorgängers Markus Söder behaupten – am Ende gaben zwei Delegierte den Ausschlag. Und um den CSU-Vorsitz Niederbayern rangen 2008 gleich vier Kandidaten. Die anderen zogen in letzter Minute zurück.

Weber mag kein großer Bierzelt-Redner sein, kein Schlagzeilen-Lieferant und auch nicht immer ein großer Stratege. Mit der Regelung seiner Nachfolge als Niederbayern-Chef fiel er kräftig auf die Nase. Aber er pflegt auch von Brüssel und Straßburg aus ein Netzwerk. Mit Ilse Aigner stimmt er sich eng ab, sogar mit Alexander Dobrindt ruhen die alten Rivalitäten. Legendär ist sein Neufahrner Kreis, zu dem auch der damals verpönte Karl-Theodor zu Guttenberg regelmäßig anreiste.

Aber reicht das für den Platz an der CSU-Spitze? Vielleicht. Der Ministerpräsident muss vom ganzen Volk gewählt werden, der Parteichef nur von den Delegierten. Das letzte Mal, als Vize, bekam Weber mehr als 90 Prozent. Deutlich mehr als Seehofer. Von dessen Vorschlag wird nun sehr viel abhängen. Beide verbindet eine lange Geschichte. Vor einem Jahrzehnt, das Land diskutierte über die „Agenda 2010“, stritten beide über Sozialpolitik. Weber überließ schon damals die Schlagzeilen anderen. Philipp Mißfelder forderte: Keine künstlichen Hüftgelenke für Alte – zu teuer. Auch Weber stellte die Generationenfrage, natürlich konzilianter. Sozialpolitiker Seehofer schimpfte trotzdem über die „Ichlinge“.

Heute ist das anders: Der Ministerpräsident schätzt die ruhige, unaufgeregte Art Webers, der lieber arbeitet, statt Kronprinzenallüren zu pflegen. Da verzieh er auch, dass Weber früh dafür plädierte, wieder auf Angela Merkel zuzugehen – was nicht allen in der Partei gefiel. Bis heute gilt er als Merkel-Versteher.

Und nun? Sollte Seehofer in den nächsten Tagen einen Parteichef vorschlagen, der nicht Seehofer heißt, dürfte es auf Dobrindt oder Weber zulaufen. Der Joker aus Brüssel steht bereit: Nach seinem Besuch bei Theresa May macht er sich gestern schon um kurz nach fünf auf den Weg zu den Sondierungen nach Berlin. Nur hinziehen will er halt nicht. „Man soll niemals nie sagen. Das ist klar. Ich fühle mich aber im Moment mit meiner Aufgabe in Brüssel sehr wohl.“

Lesen Sie auch: Manfred Weber will Präsident der EU-Kommission werden

Mike Schier

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