Jonny Königs Transrapid-Version

So gefällt Stoiber seine getrommelte Rede

München - Der junge Mann sitzt konzentriert hinter seinem Schlagzeug. Angespannte Stille bei seinem Publikum. Dann setzt der Redner ein: „Wenn Sie“ – Trommeln – „Vom Hauptbahnhof in München – Trommeln – „In zehn Minuten“ – Trommeln.

Der junge Mann hinter dem Schlagzeug heißt Jonathan König, nennt sich Jonny und ist 24 Jahre jung. Der Redner, dessen Stimme da vom Tonband kommt, heißt Edmund Stoiber, war langjähriger CSU-Chef und Bayerns Ministerpräsident. Im Jahr 2002 hielt Stoiber seine heute längst legendäre Transrapid-Rede, in der er die Segnungen der Magnetschwebebahn preisen wollte. Stattdessen verhaspelte er sich, versprach sich und verirrte sich im eigenen Satzbau.

Nun hat Jonny König Teile dieser Rede für seine Schlagzeug-Komposition genutzt, mit der er seine Abschlussprüfung an der Popakademie Baden-Württemberg bestritt. „Stoiber on Drums“ nannte er seinen gut vier Minuten langen Song: Die Aufnahme einer Aufführung im vergangenen Dezember steht nun seit wenigen Tagen im Internet und wurde bislang allein bei der Video-Plattform Youtube knapp 400 000 Mal angeschaut. „Stoiber on Drums“ ist also auf dem besten Weg, genauso Kult zu werden wie die verunglückte Rede selbst. „Große Kunst“, jubelte etwa der Kritiker der „FAZ“.

Wer „Stoiber on Drums“ hört, kann diesem Urteil nur zustimmen: Aus einem streng rhythmisierten, technisch versierten Beginn, bei dem jede Silbe Stoibers ihre Entsprechung auf Königs Schlagzeug findet, entwickelt sich die Nummer mit eingängiger, soghafter Melodie. Die Transrapid-Rede – jetzt ist sie eine Pop-Hymne. Als Stoibers Stimme vom Band „Weil das ja klar ist“ verkündet, kommt diese Passage in die Wiederholungsschleife, während Königs Musikerkollegen an Gitarre, Bass und Keyboard in den Song einsteigen. Jubel im Publikum! Und inzwischen auch im Internet: „Hätte nie gedacht, dass mir Stoiber mal Gänsehaut bereitet“, lobt einer die Aufnahme, ein anderer schreibt: „Politische Reden waren nie unterhaltsamer.“

König, der als Achtjähriger das erste Mal den Schlagzeugraum einer Musikschule betreten hat, spielt in verschiedenen Bands, gibt selbst Unterricht, schreibt Musik für Werbung, Film- und Theaterprojekte. Natürlich kann er sich vorstellen, „Stoiber on Drums“ künftig bei Konzerten zu spielen.

Und Edmund Stoiber ist mit der Nummer ebenfalls ganz zufrieden: „Es geht eben nichts über eine gelungene Rede. Dem kreativen Schlagzeuger wünsche ich natürlich eine große Karriere. Als Texter fühle ich mich vom Komponisten absolut verstanden“, sagte er lachend auf Anfrage unserer Zeitung.

Wen wundert’s? Schließlich hatte er sich und seine missglückte Rede vor einem Jahr selbst aufs Korn genommen: Bei der Verleihung eines von „Horizonte“, einem Branchenblatt der Werbeindustrie, gestifteten Preises war der Ex-Ministerpräsident in einem Einspielfilm zu sehen, der wie eine „Stromberg“-Folge mit Christoph Maria Herbst inszeniert war. Stoiber zitierte in der Episode seine berühmte Transrapid-Rede, um die Vorzüge einer Espressomaschine hervorzuheben: „Mit der Maschine können Sie, ohne dass Sie irgendwo einchecken müssen, da können Sie in London, da können Sie in Rom, da können Sie in Frankreich, da können Sie am Hauptbahnhof, in zehn Minuten den elegantesten, den feinsten Espresso für den Ebeling machen...“ Der Film war Laudatio auf Pro Sieben-Sat.1-Chef Thomas Ebeling, der damals zum „Medienmann des Jahres“ gekürt wurde.

Michael Schleicher

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