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Jürgen Todenhöfer im Gespräch mit einem Bürgerkriegsopfer in einer Klinik.

Bericht über den Bürgerkrieg in Jemen

Jürgen Todenhöfer: Meine Reise in den vergessenen Krieg

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Jürgen Todenhöfer hat sich einmal mehr auf den gefährlichen Weg in ein Kriegsgebiet gemacht, um auf einen vergessenen, von den Medien nur selten beleuchteten Krieg aufmerksam zu machen. Ziel war das Bürgerkriegsland Jemen.

Sanaa - In der tz erzählt der Ex-CDU-Bundestagsabgeordnete und Buchautor (Inside IS – Zehn Tage im Islamischen Staat) von Bombenangriffen und Hungersnot im seit März 2015 von einem Bürgerkrieg zerrissenen Land.

Die Anreise

Es war für mich noch nie so schwer, in ein Land hineinzukommen, so abgeschottet ist der Jemen. Die letzten Journalisten, die es geschafft hatten, waren zwei Französinnen, die sich in Burkas verkleidet hatten – dann aber erwischt und abgeschoben wurden. Ich habe diese Reise ein Jahr lang gut vorbereitet, um das Land wieder zu besuchen, das ich Jahre vor dem Krieg als eines der schönsten der arabischen Welt erleben durfte. Ich habe von Deutschland aus Kontakte zur Regierung im Süden, aber auch zu den Huthi-Rebellen im Norden aufgebaut. Eigentlich wollten mich Huthi-Rebellen heimlich in Aden abholen und nach Sanaa in den Norden bringen – die kennen Bergwege ohne Kontrollen. Aber kurz vor meiner Ankunft hatte der frühere jemenitische Präsident Saleh die Seiten gewechselt, lief von den Huthi-Rebellen zu den von den Saudis unterstützten Regierungstruppen über. 

Von saudischen Luftangriffen zerstörte Gebäude.

So kam es zu einer neuen Front zwischen Huthis und der Armee von Saleh – die Kämpfe tobten in Sanaa, wo ich ja hin wollte. Daraufhin teilten mir die Rebellen mit, dass sie mich nicht holen könnten. Ich wollte trotzdem nicht aufgeben und beschloss, einfach mit einem Linienbus zu fahren. Das Huthi-Gebiet ist eingekesselt, von medizinischer Versorgung abgeschlossen. Wer aber ein bisschen Geld hat, fährt mit diesem Bus raus, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Es war eine Zwölf-, auf der Rückfahrt 16 Stunden lange Fahrt mit unzähligen Straßensperren. Wenn sie mich an den Checkpoints nicht mehr weiterlassen wollten, habe ich meine Kontakte genutzt und entweder bei der Regierung oder bei den Rebellen angerufen – dann durfte ich weiterfahren. Und ich habe meine – in Arabisch übersetzten – Bücher bei den Kontrollen gezeigt, damit die sehen, dass ich kein Feind bin. Das hat mir auch sehr geholfen.

Die Kriegsgründe

Die Huthi waren eine der führenden Käfte im Arabischen Frühling. Der Krieg brach aus, als die Huthi nach einer manipulierten Wahl den von den Saudis unterstützten Präsidenten vertrieben hatten. Darauf schlugen Saudis und Vereinigte Arabische Emirate zurück. Die Huthi haben über 100 000 Mann unter Waffen, haben russische und nordkoreanische Waffen aus den alten Beständen der jemenitischen Armee. Sie haben weitergekämpft, weil bei allen Plänen zur Neuordnung des Jemen ihnen Gebiete zugeteilt wurden, die nicht lebensfähig waren – ohne Zugang zum Meer, und ohne die Erdöl- und Gasvorkommen im Osten. 

Kleine Insel des Glücks im Wahnsinn des Krieges: Todenhöfer beim Kickern mit jemenitischen Kindern.

Der Krieg wird von Außen permanent angeheizt – von den Iranern vor allem politisch, von den Saudis und dem Westen militärisch. Der Einfluss der Iraner ist nicht so stark, wie ich gedacht hatte. Das Huthi-Gebiet ist so abgeriegelt, dass kaum Waffen aus den Iran ins Land kommen. Die Mittelstreckenraketen, über die die Huthi verfügen, sind russische Kurzstreckenraketen Scud-B und nordkoreanische Volcanos, aus den alten Beständen der jemenitischen Armee, die sie mit iranischer Hilfe zu Mittelstreckenraketen umbauten.

Die Gefahr

Sanaa wird fast jede Nacht von der Koalition aus Saudis und Vereinigte Arabischen Emiraten bombardiert. Da sind Sie gerade in der Dusche, und plötzlich hören sie die Flugzeuge kommen! Die Bombenangriffe sind ständig präsent in Sanaa, aber glücklicherweise ist die wunderbare Altstadt, die Unesco-Weltkulturerbe ist, weitgehend unversehrt.

Millionen Jemeniten hungern, darunter viele Kinder.

Schwer zerstört sind die Grenzregionen des Huthi-Reiches, wo ca. 70 Prozent der Bevölkerung leben. Als wir in das Kriegsgebiet nordöstlich von Sanaa gefahren sind, tauchten dort sofort zwei Kampfflugzeuge auf. Autos sind die Lieblingsziele, weshalb uns geraten wurde: Sofort anhalten und raus! Bei einem Angriff versteckten wir uns in einer Plantage für die Droge Kath – da trafen wir Kinder, die sich hier jeden Tag hier vor den Bomben verkriechen müssen. Ich war nur zweieinhalb Wochen dort – aber die Menschen dort müssen das dauerhaft aushalten! Bitter war für mich aber auch die Erkenntnis, dass wir hier mit US- und britischer Unterstützung bombardiert wurden – denn die liefern die logistische Unterstützung, etwa durch Satellitenaufnahmen.

Das Leid der Bevölkerung

Am schlimmsten ist, dass das Huthi-Gebiet eingekesselt ist und kaum Nahrung und Medizin ins Land kommt. Der Norden hungert still vor sich hin! In der Altstadt von Sanaa wird man verfolgt von Hunderten von Kindern, die nur noch aus Haut und Knochen bestehen. Dutzende von Menschen aus den ländlichen Gebieten drängen tagtäglich mit ihren unterernährten Kindern in die Krankenhäuser. Es ist schon bitter, wenn Sie vor einem Krankenbett eines ausgemergelten Dreijährigen stehen, und der Arzt sagt: Seine Überlebenschance liegt bei 30 Pozent…

Ich weiß nicht, wer die Huthis schlagen sollte. Aber ich weiß auch nicht, wie die Huthis über den Süden gewinnen sollen. Deswegen gibt es Leute, die fürchten, dass dieser Krieg noch 25 Jahre dauern kann.

Lesen Sie auch: Todenhöfer warnt: „Der Terrorismus wird erst verschwinden, wenn ...“

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