Brand an der Wiesn breitet sich aus - Spezialisten vor Ort

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Ein irakischer Polizist (l.) bei der Schlacht um Mossul. Todenhöfer (r.) warnt: „Der IS-Terrorismus ist nicht besiegt.“

Nach angeblichem „Ende des Krieges gegen den IS“

Todenhöfer warnt: „Der Terrorismus wird erst verschwinden, wenn ...“

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Im Irak und in Syrien wurde die Niederlage des IS verkündet, doch Experten fürchten neuen Terror in Europa. IS-Experte Jürgen Todenhöfer warnt: „Der IS-Terrorismus ist nicht besiegt.“

Der Islamische Staat (IS) ist besiegt – zumindest in den offiziellen Erklärungen im Irak und Syrien. Nach mehr als drei Jahren der Kämpfe hat der irakische Ministerpräsident Haider al-Abadi am Wochenende die vollständige Niederlage der Dschihadisten-Miliz erklärt: „Die Streitkräfte haben die Kontrolle über die Grenze zu Syrien vollständig zurückerobert, und daher verkünde ich das Ende des Krieges gegen den IS.“ 

Bereits am Donnerstag hatte das russische Verteidigungsministerium den Sieg über den IS in Syrien erklärt. Doch Experten prophezeien: Diese militärischen Siege bedeuten nicht, dass der Terror vorbei ist – im Gegenteil: Sicherheitsbehörden befürchten, dass nach der Niederlage zurückkehrende Kämpfer in Europa Terroranschlage verüben könnten. Was IS-Experte Jürgen Todenhöfer zu dem brandaktuellen Thema sagt, lesen Sie am Ende des Artikels.

Wie sieht die Situation im Irak jetzt aus?

Die letzten IS-Einheiten wurden nach irakischen Angaben am Samstag im Grenzgebiet zu Syrien von der irakischen Armee besiegt. Die Armee habe nun die Grenze zu Syrien über eine Länge von 435 Kilometern im ehemaligen IS-Gebiet zwischen den Grenzübergängen al-Walid und Rabia unter Kontrolle, sagte der Chef des irakischen Oberkommandos, General Abdel Amir Jarallah.

Ist also jetzt im Irak alles wieder gut?

Nein, die Gefahr durch den IS im Irak dürfte durch die militärischen Erfolge nicht vollständig gebannt sein: Experten rechnen damit, dass IS-Schläferzellen verstärkt auf Guerilla-Taktik setzen und Anschläge verüben. Zudem habe die Miliz noch Waffenverstecke in unbewohnten Wüstengebieten. So wurde am Samstag in der Nähe von Kirkuk ein Tunnel mit Waffen und versteckten IS-Kämpfern entdeckt – zehn Dschihadisten wurden getötet. Auch die Spannung zwischen irakischen Schiiten und Sunniten sowie mit den Kurden sind weiter ungelöst.

Und wie steht es in Syrien wirklich?

Nach der Sieges-Verkündigung durch Russland meldete die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, dass der IS fast vier Jahre nach seiner Vertreibung aus der nordwestlichen Provinz Idlib wieder zurück sei. Nach tagelangen Kämpfen mit dem rivalisierenden Bündnis Hayat Tahrir al-Scham eroberte der IS demnach das Dorf Baschkun. Generell gilt auch in Syrien: Der militärisch weitgehend besiegte IS wird nun wieder vermehrt auf Terroranschläge setzen.

Wo stecken die Führer des Islamischen Staates jetzt?

Laut westlichen Geheimdiensten haben sich 6500 IS-Kämpfer im Eu­phrat-Tal und angrenzenden Wüstenregionen versteckt. Der IS hatte systematisch Stämme unterwandert, die vom irakischen und syrischen Staat enttäuscht wurden und die jetzt noch immer zu den Islamisten stehen. Die Führer des IS um „Kalif“ Abu Bakr al-Bagdadi dürften sich längst ins Ausland abgesetzt haben. Die BBC recherchierte, dass im Oktober kurz vor der Eroberung der IS-„Hauptstadt“ Rakka durch die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) Dutzende von Lkw und Bussen mit mindestens 250 IS-Kämpfern und rund 3500 Angehörigen fliehen konnten. Viele Kämpfer haben sich nach Libyen, Somalia, Mali, Niger oder den Tschad abgesetzt. Auch in Afghanistan wird der IS immer stärker – allesamt zerfallende Staaten, die den idealen Nährboden für die weitere Verbreitung des fanatischen Islam à la IS bieten.

Was bedeutet die Niederlage für die Terrorgefahr in Deutschland?

940 Männer und Frauen aus Deutschland sollen sich in den vergangenen Jahren nach Syrien und in den Irak abgesetzt haben, um dort den IS-Kampf zu unterstützen. Laut SZ sollen etwa ein Drittel zurückgekehrt sein, rund 145 wurden getötet. Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen erklärte, eine große Rückreisewelle von Dschihadisten habe noch nicht eingesetzt, „beobachten lassen sich aber Rückreisen von Frauen, Jugendlichen und Kindern“. Auch die seien radikalisiert und potenziell gefährlich. Am meisten Sorgen machen dem Verfassungsschutz Deutsch-Kaukasier, die nach dem Tschetschenienkrieg in Syrien und Irak gekämpft haben. „Sie sind kampferprobt und stellen ein hohes Gefährdungspotenzial dar“, so Maaßen. Schwerpunkte der nordkaukasischen Islamistenszene sind laut Maaßen Brandenburg und Berlin.

Gast-Kommentar von Jürgen Todenhöfer: Ideologien kann man nicht erschießen

Der IS hat seinen „Staat” verloren. Aber der IS-Terrorismus ist nicht besiegt, sondern nur vertrieben. Zwei Drittel der 15.000 IS-Terroristen im Irak entkamen. Und kämpfen jetzt anderswo. Oder warten als Schläfer auf neue Gelegenheiten.

Dafür wurden im Irak nach Aussagen von Einheimischen 50.000 Zivilisten getötet und mehrere Städte wie Mossul oder Ramadi in Ruinenlandschaften verwandelt. Dadurch wurde eine neue Generation von Terroristen gezüchtet. Ideologien kann man nicht erschießen. Man muss sie widerlegen. Das hat der Westen mit seinen Bombarde­ments nicht getan. Dass Politiker diese strategischen Katastrophen als Siege bejubeln, dreht mir den Magen um. Der Terrorismus wird erst verschwinden, wenn 1.) die westlichen Truppen aus dem Mittleren Osten verschwinden; 2.) der Westen in einer umfassenden Friedenskonferenz mithilft, die von ihm geschaffenen Probleme zu lösen; 3.) wenn er die von ihm zerstörten sunnitischen Städte wieder aufbaut. Nur in einer fairen Welt hat der Terrorismus keine Chance.

Der Ex-CDU-Abgeordnete und Ex-Burda-Manager Jürgen Todenhöfer schrieb 2016 das Buch „Inside IS – 10 Tage im Islamischen Staat“

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