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Siegerposen: Mitglieder der irakischen Anti-Terror-Einheit CTS vor der völlig zerstörten Al-Nuri-Moschee. Als Zeichen des Sieges halten sie die Flagge des IS falsch herum.

Kampf um Al-Rakka und Mossul 

Das Kalifat ist tot – es lebe der IS?

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Mossul und Al-Rakka galten als wichtigste Zentren des Islamischen Staats. Inzwischen haben Streitkräfte der Anti-IS-Koalition beide Städte so gut wie zurückerobert. Das Kalifat ist am Ende – aber der Terrorismus sucht sich andere Wege.

München – Die Einwohner Mossuls nannten es liebevoll al-Hadba, die Bucklige. Runde 45 Meter ragte das Minarett aus dem Boden der irakischen Millionenstadt, mehr als 800 Jahre stand es dort, so schräg wie der schiefe Turm von Pisa. Es war ein Symbol für die große und lange Geschichte dieser Stadt. Als die Dschihadisten des Islamischen Staats (IS) ihre schwarze Flagge auf dem Minarett hissten, wurde es zum Symbol des Terrors.

Drei Jahre ist das nun her, die Bucklige liegt heute genauso in Trümmern wiedie dazugehörige Al-Nuri-Moschee, in der sich IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi Anfang Juli 2014 bei einer Freitagspredigt zum Kalifen ausrief. Die IS-Terroristen selbst sprengten die historischen Gebäude am 21. Juni in die Luft, als wollten sie ein letztes Mal ihren Zerstörungswillen zeigen. Kurz darauf rief der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi das „Ende des falschen Staats von Daesch (IS)“ aus.

„Kalif“ Abu Bakr al-Baghdadi bei seinem ersten öffentlichen Auftritt. Ob er noch lebt, ist unklar.

Mossul galt wie das syrische Al-Rakka als Zentrum des IS-Kalifats. Inzwischen haben Truppen der internationalen Anti-IS-Koalition große Teile beider Städte zurückerobert. Die Dschihadisten kontrollieren nur noch wenige Viertel, in denen aber bis zu 250 000 Zivilisten eingeschlossen sind. Bis die IS-Kämpfer endgültig vertrieben sind, könnte es noch Monate dauern – das Kalifat, sagen Experten aber, sei so gut wie tot.

Der „falsche Staat“ ist am Ende. Aber was heißt das für die Terrororganisation IS?

Petra Ramsauer reist seit 20 Jahren regelmäßig in den Nahen und Mittleren Osten. Erst im April war sie zehn Tage lang mit irakischen Kämpfern an der Front im Westen Mossuls. Sie, Österreicherin, Krisenreporterin, Autorin eines Buchs über den Dschihad, mag an den großen Sieg nicht so recht glauben. Territorial, sagt die 47-Jährige, ist der IS-Staat wohl bald Geschichte. Der Haken: „Das gehört zur Strategie des IS. Seit Beginn des Kalifats gibt es einen Plan für den Tag danach.“

Natürlich hatte es organisatorische und strategische Vorteile, ein Gebiet zu beherrschen, das flächenmäßig so groß ist wie Großbritannien. Jeden Monat strömten hunderte ausländische Kämpfer ins Kalifat, der IS konnte sie in aller Ruhe ausbilden. Aber ohne Territorium keine Ausbildungslager. Außerdem hatten die Dschihadisten durch den Verkauf von Öl und Steuern rentable Einnahmequellen. Auch sie fallen weg.

Trotzdem, sagt Ramsauer, hat der IS sein Ziel erreicht. Er ist von einer lokalen irakischen Gruppe zu einem internationalen Terror-Netzwerk herangewachsen.

Die Verbreitung der Ideologie war wichtiger als das Bestehen eines Staatsgebildes, schreibt auch der Radikalisierungs-Forscher Charlie Winter in einem Artikel für die US-Zeitschrift „The Atlantic“. Der IS habe sich als Anführer des globalen Dschihad vermarkten und die Welt zu einem polarisierten, unruhigen Ort machen können. Er provozierte sogar Gegenreaktionen, zum Beispiel im Juni diesen Jahres in London. Damals fuhr der 47-jährige Darren Osborne mit einem Lieferwagen in eine Gruppe Muslime, die gleich neben einer Moschee stand. „So sieht für ihn Erfolg aus (...). Er hat viel von dem bekommen, was er sich von dem Mossul-Experiment versprach.“

Tatsächlich stimmen Aussagen ranghoher IS-Kader damit überein. Und sie geben Aufschluss über die nächsten Schritte im Terror-Plan. Kurz bevor die Kämpfer in Mossul das schiefe Minarett sprengten, setzte Propaganda-Chef Abu al-Hassan al-Muhajir via Internet einen Terror-Aufruf an die „Glaubensbrüder in Europa, Amerika, Russland und Australien“ ab: „Nehmt Euch ein Beispiel an den anderen Attentätern und schlagt zu“, heißt es da. Um am Ende zu siegen, seien noch mehr Anschläge nötig.

Bis heute ist der IS für rund 1800 Selbstmord-Anschläge – vor allem in Syrien und dem Irak – verantwortlich. Wie der syrische Journalist und Buchautor Hassan Hassan schreibt, stammt die Zahl von der Terrormiliz selbst, genau wie die Opferschätzung: Fast 200 000 Menschen sollen getötet worden sein – darunter vor allem andere Muslime.

Nach dem Ende des Kalifats, so der Plan, sollen die Anschläge zunehmend andere Teile der Welt treffen – Europa inklusive. Um die Attentate auszuführen, setzt der IS nicht mehr in erster Linie auf Rückkehrer – er sucht sie verstärkt im Westen, auch in Deutschland. Als das Bundeskriminalamt Anfang Juni in Ostwestfalen einen 23-jährigen Syrer festnahm, stellte sich bald heraus, dass er Mitglied des Islamischen Staats ist und den Auftrag hatte, potenzielle Selbstmordattentäter anzuwerben. Ramsauer sagt: „Es gibt inzwischen einen europäischen IS.“

Und dennoch wäre es falsch, den Blick zu weit vom Nahen und Mittleren Osten abzuwenden. Stand heute ist der IS in seinem bisherigen Herrschaftsgebiet nicht ganz besiegt. Es gibt noch rund 15 000 Kämpfer. Und es fragt sich: Wohin mit denen, wenn das Kalifat gefallen ist?

Der Terrorismusexperte Rolf Tophoven, 79, glaubt, dass vor allem „Failed States“, gescheiterte Staaten, als Rückzugsraum dienen könnten – allen voran Libyen oder auch Teile des Sudans. „Außerdem ist beunruhigend, dass der IS zunehmend im asiatischen Raum Fuß fasst“, sagt er. Sogar auf den Philippinen hat die Organisation mit Abu Sayyaf treue Verbündete. Die Gruppe kontrolliert inzwischen einzelne Gebiete auf der Insel Mindanao.

Trotzdem ist es zu früh für einen Abgesang auf den IS im Irak oder in Syrien. Tophoven rechnet damit, dass die Kämpfer dort künftig auf eine „Guerilla-Taktik unter der Terror-Marke IS“ umstellen werden. Beide Länder sind so groß wie unübersichtlich, also reich an Rückzugsgebieten. Ebenfalls möglich ist, dass Kämpfer in der Zivilbevölkerung untertauchen. Schon jetzt gibt es Berichte über Schläferzellen – vor allem im Irak. Ein Artikel in der IS-Zeitung „Al Naba“ legt nahe, dass auch das zur Taktik nach dem Kalifat gehört. Danach sollen die Polizei, die Armee, der gesamte Sicherheitsapparat unterwandert werden.

Im erwartbaren Sieg steckt der Keim neuen Unheils – und zwar auch deshalb, weil die Probleme, die den IS stark gemacht haben, längst nicht gelöst sind. Die Truppen, die auf Mossul vorgerückt sind, bestehen zu großen Teilen aus Kurden und – entscheidender – schiitischen Milizen. Der sunnitischen Minderheit wird das langfristig nicht gefallen, die Rivalität beider Glaubensrichtungen ist noch immer groß. „Die wahre Macht des IS beruht auf der Unzufriedenheit der sunnitischen Stämme“, sagt Ramsauer. Deshalb wird entscheidend sein, wer die zurückeroberten Gebiete kontrolliert. Sind es die falschen Kräfte, könnte der aufkeimende Unmut neuer Nährboden für den IS sein.

Die Dschihadisten sind zäh. Als Ramsauer an der Front in Mossul war, sagte ihr ein Offizier der Befreiungstruppen, einer von denen zähle für 100 irakische Soldaten. Das haben sie auch die Menschen spüren lassen, über die sie herrschten. Allerdings geht die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung längst auch wieder von schiitischen Milizen und Regierungstruppen aus. „Die Kriegsverbrechen im Irak und in Syrien müssen aufgearbeitet werden“, sagt Ramsauer. Der IS mag zurückgeschlagen worden sein. Aber so lange sich die Spirale der Gewalt weiterdreht, ist er nicht besiegt.

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