CSU und SPD

Kampf ums Kirchenvolk

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München - Kirchenmensch wählt CSU – diese Gewissheit gibt es schon lange nicht mehr. In der Flüchtlingskrise hat das Verhältnis zwischen Geistlichkeit und Regierungspartei gelitten. Die SPD sieht darin ihre Chance.

Dienstag kommt der Kardinal, zwei Tage später der Chef der evangelischen Kirche: Im Januar findet im Kloster Irsee eine Art Kirchengipfel statt. Gastgeber: Bayerns SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher. In kurzer Abfolge diskutieren die Abgeordneten auf ihrer Klausur mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm. Geballte Kirchenmacht bei der Bayern-SPD.

In der Fraktion betrachtet man die Gästeliste als Coup. Seit längerem streckt die SPD die Fühler in Richtung Kirchen aus. Leiharbeit, Mindestlohn – vor allem Flüchtlingspolitik und Integration: Man sehe die Kirchen als „Bündnispartner“, sagt Rinderspacher. Die neue Nähe hat auch einen anderen Grund. Die SPD glaubt, eine Schwachstelle der CSU erkannt zu haben. Die Christsozialen lagen zuletzt immer wieder mit den Kirchen über Kreuz.

Von Anfang an fremdelten Geistliche und Laien mit der scharfen Linie der CSU in der Flüchtlingspolitik. Ende 2015 warf Bayerns Finanzminister Markus Söder den Kirchen im Gegenzug vor, aus der Unterbringung von Flüchtlingen Profit zu schlagen. „Barmherzigkeit kennt keine Miete“, kommentierte er ätzend-süffisant. Dann sinnierte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer über „fußballspielende, ministrierende Senegalesen“, die man „nie wieder los“ kriege. Kardinal Marx reagierte „erschrocken und verärgert“.

Noch stärker als die Spitzen gegen Migranten stieß der Ton gegenüber den Ehrenamtlichen auf. Die Flüchtlingshelfer seien keine weltfremden Gutmenschen, beklagte der Chef des Münchner Diözesanrates, Hans Tremmel. „Wir Kirchenleute sind weder naiv noch blöd.“ Der Zwist setzte sich bei der Debatte zum Integrationsgesetz fort. Von einem zeitweisen „Entfremdungsprozess“ spricht der langjährige CSU-Fraktionschef Alois Glück.

Vor Jahrzehnten war es nicht unüblich, dass Priester in der Kirche dazu aufriefen, christliche Parteien – also die CSU – zu wählen. Davon sind die meisten Geistlichen wohl derzeit weit entfernt.

Bei der SPD registrierte man die Krise – und rieb sich die Hände. Unter dem Titel: „Christliche Nächstenliebe – Kritik der Kirchen an der Staatsregierung ernst nehmen“, ließ Rinderspacher den Landtag debattieren. „Wer enttäuscht ist von der CSU, findet solidarische Partner auf Seiten der SPD“, sagt er.

Die Charmeoffensive kommt nicht aus heiterem Himmel. Die Zeiten, in denen Genossen Sozialdemokratie und Christentum für zwei natürlich getrennte Sphären hielten, sind vorbei. Und gerade in Bayern pflegt die SPD seit Jahren die Beziehungen besonders sorgfältig. 2014 veröffentlichte der frühere Landeschef Franz Maget einen Sammelband mit dem Titel „Kirche und SPD“. Auch Marx und Bedford-Strohm steuerten Aufsätze bei.

Einmal im Jahr empfängt die Fraktion die evangelische Landessynode. Auch das katholische Milieu ist nicht mehr fest in CSU-Hand. Chef des Landeskomitees der Katholiken ist seit 2009 Albert Schmid – früher SPD-Fraktionschef im Landtag. Und die Kontakte sollen noch intensiver werden. Am 24. Januar veranstaltet die SPD-Fraktion erstmals einen Kirchenneujahrsempfang.

In der CSU-Führung nimmt man die jüngste Beziehungskrise durchaus ernst. CSU-Chef Horst Seehofer ließ zuletzt kaum eine Chance aus, um von Treffen mit Kardinal Marx zu berichten. Alles in Ordnung, so sein Fazit. Auch beim Flüchtlingsthema sei man wieder beieinander. Auf ihrem jüngsten Parteitag gab sich die CSU ein neues Grundsatzprogramm. Keine Partei bekenne sich in ihren Grundlinien so klar zu den christlichen Kirchen, heißt es. Wegen seines Senegalesen-Zitats hat Generalsekretär Scheuer längst zum Telefon gegriffen. Bei Kardinal Marx und anderen Würdenträgern versuchte er, die Wogen zu glätten.

Welche Spuren die Erschütterungen im Kirchenvolk hinterlassen haben, ist schwer zu sagen. Das Verhältnis zur Politik sei eben komplex, sagt der Politikbeauftragte der evangelischen Landeskirche, Dieter Breit. „Es gibt nicht die CSU, nicht die SPD, und auch in der Kirche gibt es eine große Pluralität.“ Die Sozialdemokraten dürften das als Grundlage sehen, auf der man aufbauen kann.

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